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Olympia-Radrennen : „Es wird eine Lotterie“

  • -Aktualisiert am

So einen Ausblick hat Christopher Froome auch bei der Tour de France nicht alle Tage. Bild: Reuters

Beim Olympia-Radrennen ist auch Tour-de-France-Sieger Christopher Froome am Start. Der Plan der Briten soll diesmal ein besserer sein als 2012. Damals endete der Wettbewerb mit einem schweren Betriebsunfall.

          Was für eine Radstrecke: An der Copacabana sausen die Profis an diesem Samstag (14.30 Uhr MESZ / Live in der ARD und im Olympia-Ticker bei FAZ.NET) entlang und klettern bei ihrer Wettfahrt zum Olymp in die malerische Berglandschaft gleich hinter der Atlantikküste. Vom feinen Sandstrand hinauf in die Tropenwaldkultur und wieder zurück ins pralle, leichtfüßige Leben an der Strandpromenade. Angeblich sollen sich manche Affen das Schauspiel verwundert anschauen, wenn frühmorgens ambitionierte Carioca schwitzend in die Pedale treten und beim Anstieg über ihre selbstgewählte Pein fluchen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Mit Blick auf die Jesus-Statue hoch droben sprechen selbst geübte Amateure von einer Art Himmelfahrt. Einen typischen „olympischen“ Kurs, bei dem alle über die Runden kommen sollen, also nicht nur die Tour-de-France-Kletterer, haben die Organisatoren diesmal nicht angeboten. 4500 Höhenmeter über fast 240 Kilometer machen das olympische Rennen zu einer speziellen Tour: „Sehr selektiv“, sagt Tony Martin, Deutschlands Zeitfahrstar mit Geschwindigkeitsrückstand. Er wird nicht gleich absteigen vor den Gipfelchen (500 Meter) und schieben, aber vorzeitig aussteigen, um sein Knie für das Zeitfahren Mitte nächster Woche zu schonen.

          Unter diesen Vorzeichen ist schon die Frage gestellt worden, wer denn überhaupt in Rio an den Start gehen soll. Obwohl das Finale keine Bergankunft ist, sondern nach einer Abfahrts-Raserei auf eine kurzen Zielebene, die Avenida Atlantic an der Copacabana, führt, fehlen die reinen Sprinter: Marcel Kittel und André Greipel hätten keine Chance gehabt auf eine Medaille wegen des letzten, steilen Anstiegs kurz vor der Entscheidung.

          Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) setzte sogar einen Bahnradfahrer ins Vierer-Team (Maximilian Levy) mit Martin, Simon Geschke und Emanuel Buchmann. Weil Levy über diesen Weg an Wettbewerben auf dem Oval teilnahmen darf, was ihm als Ersatzmann des Bahnteams nur bei Krankheit oder Verletzung eines Teammitglieds erlaubt gewesen wäre. Insofern schmilzt das deutsche Team auf Geschke und Buchmann zusammen, die auf die „Unberechenbarkeit“ dieses Rennens kalkulieren.

          Armer, schöner Radsport

          „Es wird eine Lotterie“, sagt der Maître des Profi-Radsports, Tour-de-France-Sieger Christopher Froome. Zumindest soll die strategische Organisation bei einer Etappe der Frankreich-Rundfahrt im Vergleich zum olympischen Straßenrennen ein Kinderspiel sein: Eine große Mannschaft von Stars (sinnbildlich) im Rücken, da lässt sich der vermeintliche Gegner kontrollieren. Aber selbst Froome hat diesmal nur vier Helfer zur Seite. Und niemand aus dem großen Feld wird sich freiwillig einem Ausreißer Froome oder den anderen großen Kandidaten für den Sieg anschließen, wenn kurz vor dem Ziel eine steile Rampe wartet. Froome, wenn auch kein Kletterspezialist, kommt auch die Berge extrem schnell hinauf. Die Profis erwarten deshalb ein unruhiges Rennen mit dem Ausbruch der Verwegenen aus dem gewohnten Team-Gehorsam.

          Der Plan der Briten um Froome soll in jedem Fall ein besserer sein in London 2012, als der erste Versuch scheiterte, den ersten Tour-Sieger Englands, Bradley Wiggins, zum Gold beim Straßenrennen zu verhelfen. Das chaotische Rennen führte über taktische Fehleinschätzungen, Stürze, die Niederlage von Wiggins zu einem schweren Betriebsunfall des Radsports. Der Kasache Alexander Winokurow gewann. Ein überführter Doper, Mitglied des Teams T-Mobile, das im Verlauf seines blutmanipulierten Siegeszugs bis zur Enttarnung 2006 auch bei den Sommerspielen 2000 Gold (Jan Ullrich), Silber (Winokurow) und Bronze (Andreas Klöden) einsackte.

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          Armer, schöner Radsport. Wähnt sich mit seiner jungen Garde auf dem Wege der Entgiftung und zittert vor dem nächsten Albtraum. Aber das ist ein Trugschluss. Die Vergangenheit ist auch in Rio längst Gegenwart. Am Vorabend des ersten Olympia-Auftritts entpuppte sich die sogenannte „Null-Toleranz-Politik“ des Internationalen Olympischen Komitees beim Thema Doping (siehe Seite 27) auch an konkreten Beispielen als Farce. Die Abmachung des IOC mit dem russischen Team, ehemalige Doper selbst nach Verbüßung ihrer Strafe von den Spielen fernzu halten, kassierte der Internationale Sportgerichtshof. Er konnte gar nicht anders.

          Nun dürfte auch Ilnur Zakarin vom Team Katusha, einst mit Anabolika im Urin erwischt, starten. Die Teilnahme des Etappensiegers der Tour 2016 stand bis Freitagnachmittag aber noch nicht fest. Obwohl sich die Teamführung von Katusha, teils besetzt mit einst intensiven Beifahrern des Super-Dopers Lance Armstrong, darum bemüht haben soll. Aber selbst wenn Zakarin keine juristische Gerechtigkeit mehr zu einem Auftritt in Rio helfen sollte - die Gefahr ist nicht gebannt. Alejandro Valverde macht sich Hoffnungen, Olympionike zu werden. Er musste nicht eine Sekunde um sein Startrecht bangen. Obwohl er zwei Jahre seiner Karriere als Zuschauer verbrachte. Wegen Dopings.

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