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Olympische Spiele in Rio : Wenig Trost für die brasilianische Seele

  • -Aktualisiert am

Nur wenig ganz große Freude: Brasilien schneidet unter den Erwartungen ab Bild: dpa

Die Olympia-Bilanz fällt für den Gastgeber Brasilien bescheiden aus. Der Sieg im Beachvolleyball ist zwar ein Trost. Es sind aber auch unschöne Eigenheiten des Landes ans Licht gekommen.

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          Zumindest eine Diskussion ist vorerst vom Tisch: Flächenmäßiges Staats-Doping, wie ausländische Journalisten beim Gastgeberland Brasilien in den hektischen Tagen des Olympia-Auftakts vermuteten, hat es wohl eher nicht gegeben. Dafür ist die brasilianische Bilanz vor dem abschließenden Wochenende auch zu durchschnittlich. Die Doping-Kontrollen waren einen Monat vor Beginn der Spiele abgesetzt wurden. Wahrscheinlicher ist womöglich eine andere Erklärung: Die chronisch leeren Kassen der Gastgebernation forderten ein weiteres und nicht ganz unwillkommenes Opfer. Ob der ein oder andere Athlet dabei als willkommener Nebeneffekt durch das Netz schlüpfte, bleibt vorerst ein Geheimnis.

          Ein Sieg für die Seele: Die Beachvolleyballer Alison (l.) und Bruno holen Gold

          Brasilien ist nicht wie so viele andere Ausrichternationen zuvor in der Geschichte Olympias wie Phoenix aus der Asche zu einer neuen Supermacht des Sports aufgestiegen. Es blieb bei einzelnen herausragenden Ergebnissen. Die Goldmedaille von Stabhochspringer Thiago rührte die Reporter sogar zu Tränen, weil sie die sträflich vernachlässigte Leichtathletik im Land voranbringen werde. „Ich kann nicht mehr. Mach du weiter“, hauchte der Kommentator Claudinei Quirino mit tränenerstickter Stimme und letzter Kraft in die Kamera, ehe er sich abmeldete. Auch der Erfolg der Beachvolleyballer Alison und Bruno tat der Seele gut.

          Huldigungen und Spott

          Stattdessen sind einige große Träume geplatzt. Die Fußballerinnen um Weltstar Marta scheiterten im Elfmeterschießen des Halbfinales gegen Schweden und sorgten für einige Augenblicke Totenstille im riesigen Maracanã-Stadion. Trotzdem huldigten die Landsleute der starken Vorstellung Martas. Unter dem Hashtag #MartaNossoOrgulho („Marta unser Stolz“), posteten sie Trostbotschaften an die fünfmalige Weltfußballerin. „Marta genießt die Zuneigung der Fans in den sozialen Netzwerken“ - so fasste das einflussreiche Internetportal „Globoesporte“ die Stimmung im Land zusammen.

          Bewegender Moment: Die Fußballerin Marta scheidet mit ihrem Team aus

          Spott im Netz erntete dagegen Fabiana Murer. Die Stabhochspringerin musste nach ihrer verpassten Finalqualifikation böse Witze über sich ergehen lassen: 2008 sei der verschwundene Stab schuld gewesen, 2012 der Wind und 2016 gesundheitliche Probleme, kommentierten die enttäuschten Brasilianer bitter. Fabiana Murer wird die ganz spezielle brasilianische Eigenart zu spüren bekommen: Wer den Schaden hat, muss sich um den Spott nicht sorgen. Nicht schön, aber in Brasilien leider alltäglich.

          Besonders bitter aber für die brasilianische Seele waren die Niederlagen der Beachvolleyballerinnen Agatha/Barbara im Finale gegen das deutsche Duo Ludwig/Walkenhorst und das frühzeitige Scheitern der Volleyball-Frauen im Viertelfinale gegen China. „Schlechte Pässe, schlechte Stimmung, schlechtes Timing“ schrieb das Nachrichtenportal „UOL“ über die Goldfavoriten und taufte nach der Final-Niederlage des brasilianischen Beachvolleyball-Gespanns den berühmtesten Strand der Welt gleich in „Copacabana alema“ (Deutsche Copacabana) um.

          Kritik der Sportler an Funktionären

          Bei den Handballern begann gleich nach der Viertelfinal-Aus die interne Abrechnung. Kapitän Thiagus Petrus griff im Anschluss an die 27:34-Niederlage gegen Frankreich die Verbandsfunktionäre scharf an: „Jedes Jahr ist die nationale Liga ein großes Mysterium. Wir wissen nie, mit wie vielen Mannschaften wir spielen.“ Stattdessen würden sich die brasilianischen Funktionäre lieber darum kümmern, wie viele Eintrittskarten sie bei Olympia verteilen könnten, während zugleich Trainingseinheiten für den Nachwuchs aus finanziellen Gründen abgesagt werden müssten. Diese Aufarbeitung verspricht noch Spannung, zumal sich an der Handball-Basis in Brasilien einiges tut.

          Die Rückschläge haben unterdessen auch einige negative Eigenschaften des Landes ans Tageslicht gebracht. Als Ludwig/Walkenhorst ihre brasilianischen Finalgegnerinnen klar beherrschten, verließen die ersten Fans schon vor den letzten Punkten enttäuscht die Arena. Fehlender Respekt vor den Leistungen beider Teams, die auch bei anderen Wettbewerben durch bisweilen unfaires Verhalten des Publikums auffällig wurde. Brasiliens Medien haben ihren Anteil an der aufgeheizten Atmosphäre: Sie jazzten die Events zu Entscheidungsschlachten hoch. Fernsehkommentatoren von Globo wiegelten das Publikum vor einem Spiel der Fußballer um Neymar auf, wohl auch mit Blick auf die eigenen Einschaltquoten, die ohne brasilianische Erfolge nicht wie erhofft durch die Decke gingen.

          Aus der Favela zu Gold: Rafaela Silva bewegte die Nation

          Dem gegenüber stehen einige brasilianische Glanzpunkte: Der Triumph der Judoka Rafaela Silva, deren Siegeszug vor allem in den Armenvierteln des Landes mit großer Sympathie aufgenommen wurde. Das historische Gold der Stabhochspringer Thiago Braz da Silva, der für Freudenschreie nach Mitternacht in den Straßen von Rio sorgte, während das Stadion schon nahezu menschenleer war. Und die Achtungserfolge wie Silber und Bronze für den Kanuten Isaquias Queiroz dos Santos oder Turn-Silber für Robson Conceicao und Arthur Zanetti. Ganz entscheidend für die Erinnerungen an diese Spiele wird aus brasilianischer Sicht aber wohl der Ausgang eines ganz bestimmten Spieles sein: des Fußball-Finales gegen die deutsche Mannschaft am Samstag im Maracanã.

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