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Olympia 2012 : Momente für die Ewigkeit

  • -Aktualisiert am

Ein Victory für die Gleichberechtigung: die saudische Athletin Wodjan Shaherkani (rechts) bei Olympia Bild: dpa

Die Olympischen Spiele wirkten in den Momenten der Siege und Niederlagen schwerelos - als gehörten diese allein den Athleten.  Doch was alles dahinter steckt, zeigten die Bilder Olympias nicht. Die Schwerelosigkeit war eine Illusion.

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          Was haben Milliarden Menschen bei den Olympischen Spielen gesehen? Wunderbare Olympioniken, phantastische Akrobaten, kleine, graziöse, anmutige und große, vor Kraft strotzende Athleten zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Das Beachvolleyball-Team Julius Brink und Jonas Reckermann, wie es sich fröhlich Schlag für Schlag vor malerischer Kulisse auf dem Platz der „Horse Guards Parade“ in die Geschichtsbücher des Sports spielte. Oder den Schwimmer Michael Phelps auf dem Weg zu seiner achtzehnten (!) Goldmedaille. Der Amerikaner zog durch das Wasser mit der Eleganz eines Delphins, getragen von dem Schwung seines eleganten Stils.

          Und erst die charmante Amerikanerin Gabrielle Douglas: Wie sie durch die Luft wirbelte, sich drehte und schraubte, für einen Moment zur Erde zurückkehrte, um gleich wieder abzuheben. Als ob es keine Schwerkraft mehr gäbe. Nichts als Leichtigkeit. Keine Spur von der Härte des Athletenlebens, von der täglichen Schinderei in den Trainingszentren, über Jahre hinweg. Der Sport ist eine schöne Illusion.

          Vor den Spielen waren Bilder von einem waffenstarrenden London an die Wand gemalt worden. Von einem Sportfest, abgeriegelt von Soldaten und schwerem Kriegsgerät. Gesehen hat man nichts davon. Und die hohe Politik trat nur als Zaungast auf, vier Jahre nachdem sich die olympische Bewegung zum willfährigen Diener Chinas erniedrigt hatte. Selbst der Zugriff der Wirtschaft blieb weitgehend unsichtbar.

          Der Franzose Renaud Lavillenie hatte jedenfalls den Eindruck, als drehe sich alles um ihn, den Athleten. Die Zuschauer im Olympiastadion warteten geduldig, gespannt, begeistert auf das Finale seines Wettkampfes. Er genoss seinen Abend. Er, der am Schluss ganz allein im Wettbewerb verblieben war, zelebrierte seine letzten drei Versuche. 80.000 Fremde auf den Rängen jubelten dem Stabhochspringer zu. Für ein paar Minuten gehörte ihm die Welt. Mit der Goldmedaille um den Hals sprach er von einem Moment für die Ewigkeit, von der Bedeutung dieses Augenblicks für die Entwicklung seiner Disziplin zu einer Attraktion. Olympia macht Hoffnung.

          Bewunderung für die Briten

          Auch die Briten sind in den vergangenen zwei Wochen bewundert worden, nicht nur für die humorvolle Eröffnungsfeier voller Selbstironie. Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Jacques Rogge, lobte die Organisation der Londoner Spiele in höchsten Tönen und verneigte sich vor den Briten, die sich aufschwangen zur dritten Sportmacht in der Welt hinter China und den Vereinigten Staaten. Auch die Briten selbst entdeckten sich neu.

          Konservative Kolumnisten schrieben, aus missmutigen Mitbürgern und „Verlierern“ seien binnen vierzehn Tagen Siegertypen geworden. Historische Vergleiche wurden bemüht. Man landete im Jahr 1966, als England die Fußball-Weltmeisterschaft gegen Deutschland gewann und daraus Selbstbewusstsein saugte wie seit dem Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg nicht mehr. London 2012 als die britische Version des deutschen Wunders von Bern? Skeptiker hielten dagegen, Olympia verleite zum Träumen.

          Der Star der Spiele: der jamaikanische Sprinter Usain Bolt Bilderstrecke

          Zweifellos aber sind die Zuschauer in London Zeugen eines historischen Augenblicks geworden. Zum ersten Mal nahmen zwei Frauen aus Saudi-Arabien an olympischen Wettkämpfen teil. Für den IOC-Präsidenten Rogge ist das nach mühevollen Gesprächen der größte Erfolg gewesen. Der Belgier verbindet mit dem Auftritt der beiden Damen vor den Augen der Welt langfristig tiefgreifende Veränderungen, eine Beschleunigung auf dem Weg zur Gleichberechtigung der Frauen auch in Teilen der Welt, die sich bisher dagegen stemmten. Rogge jedenfalls glaubt daran: Das seien die Spiele der Frauen gewesen.

          Neuer olympischer Einschaltrekord

          Im Mittelpunkt stand jedoch ein Mann: Usain Bolt. Seine Rennen wollten sich selbst die überall und jederzeit von Fans gejagten Stars der amerikanischen Basketball-Auswahl nicht entgehen lassen. Alle schauten sie hin, als sich der Jamaikaner in den Startblock kniete. Sein Auftritt führte zu einem neuen olympischen Einschaltrekord: Milliarden folgten gebannt einer Show von nicht mal zehn Sekunden. Nur einer der acht 100-Meter-Läufer brauchte länger für diesen Kurzsprint - weil er sich verletzte. Aber Bolt konnten auch die anderen nicht einfangen. Bei siebzig Metern zog er ihnen davon, so leichtfüßig wie selbstverständlich. Er gewann auch das Rennen über 200 Meter, vor zwei Landsleuten, und natürlich den Staffelwettbewerb, mit einem Weltrekord.

          Bolt und die anderen Sprinter aus Jamaika vor dem Rest der Welt: Was ist das für eine traumhafte olympische Geschichte? Man reibt sich die Augen und bleibt dennoch gefangen von den Bildern auf der Laufbahn und ihrer Botschaft: Das ist der schnellste Mann der Welt. Die unbestechliche Uhr beweist es, jeder konnte es sehen im Stadion, im Fernsehen. Doch zeigen die Bilder von Bolts Siegen auch, was alles hinter diesen Erfolgen steckt, was den Ausnahmeläufer antreibt zu diesen außergewöhnlichen Leistungen? Olympische Spiele sind ein Fest der Illusion.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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