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Olympia 2012 : „Gentleman’s Club“

Auch so eine olympische Geschichte: Kirani James (l.) will unbedingt das Namensschildchen des Läufers ohne Unterschenkel, Oscar Pistorius - später wird sein Heimatland Grenada durch seinen 400-m-Sieg das kleinste Land, aus dem je ein Olympiasieger kam. Bild: dapd

Der Medaillenspiegel ist der Indikator für sportlichen Erfolg und das Gefühl der Niederlage bei Olympia. Doch eines erzählt er nicht: die emotionale Seite der Spiele. Teils kuriose, teils ernste Anekdoten boten kleine, mitunter unbekannte Teilnehmernationen.

          Es gibt etwas, das der Medaillenspiegel nicht spiegelt: die emotionale Seite der Spiele. Gefühlt hat jedes Land eine ganz eigene olympische Realität. Und es liegt in der Natur der Sache, dass jeder vor allem auf seine eigenen Sportler und Geschichten schaut. Und viel von dem, was die anderen 203 Länder erleben, nicht mitbekommt. Was in einigen Fällen wirklich schade ist.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Lesotho zum Beispiel schickte ein fünfköpfiges Team nach London. Vier Leichtathleten und dazu Masempe Theko, die bis vor zwei Monaten nichts Böses geahnt hatte. Dann kam ein Brief. In dem stand, dass sie nominiert sei für London. „Ein großer Schock“ für sie. Bis vor fünf Jahren war sie ein wenig geschwommen. Weil sich daran wohl jemand erinnerte, wurde sie unerwartet für die WM 2011 in Schanghai nominiert.

          Olympia-Nominierung als „Schock“: Masempe Theko war froh, als es wieder vorbei war

          Sie wurde Letzte und hörte wieder mit dem Schwimmen auf. Erst nach dem Brief mit der Einladung nach London begann die füllige 25-Jährige morgens vor dem Bürojob wieder mit dem Training - im einzigen Pool in ihrem Landesteil von Lesotho, im Hotel Mercure in Sarakawa. Die „Lesotho Times“ schrieb: „Lesotho hofft auf olympische Medaille im Schwimmen“. Das war etwas optimistisch. Mit 42,35 Sekunden, fast doppelt so viel wie Olympiasiegerin Ranomi Kronowidjojo aus Holland, wurde sie über 50 Meter Letzte der Vorläufe. Sie sah Ryan Lochte und Sun Yang, wollte gern ein Autogramm, war aber „zu schüchtern, um zu fragen“. So reiste sie heim in ihr „schönes Bergkönigreich“. Und beendete erleichtert ihre olympische Karriere.

          Bhutan war neben dem Tschad das einzige Land, das ohne Männer angereist war - der gerechte Ausgleich dafür, dass Barbados, Nauru und St. Kitts and Nevis ohne Frauen kamen. Die eine, Kunzang Choden, wurde Letzte im Luftgewehrschießen. Die andere, Sherab Zam, war mit dem Bogen auch nicht erfolgreicher. Dennoch hatte sie unvergessliche Spiele, denn sie traf berühmte Menschen. Die Amerikanerin Khatuna Lorig, der sie in der ersten Runde unterlag, hatte der Schauspielerin Jennifer Lawrence für den Kinofilm „The Hunger Games“ (Die Tribute von Panem) das Bogenschießen beigebracht und ist seitdem ein Star in ihrer Szene. Und dann saß Sherab Zam in der Kantine des Olympischen Dorfes, als die Königin von England zum spontanen Besuch vorbeikam. „Ich konnte es nicht glauben“, schwärmte die kleine Frau aus dem Himalaja. Und machte der Queen ein Kompliment: „Sie war so hübsch.“

          Die Amerikanerin Khatuna Lorig hatte der Schauspielerin Jennifer Lawrence für den Kinofilm Die Tribute von Panem das Bogenschießen beigebracht und ist seitdem ein Star in ihrer Szene.

          Polen durfte sich ebenfalls bei der Nahrungsaufnahme beschenkt fühlen. Dass der Gewichtheber Adrian Edward Zielinski Gold in der Klasse bis 85 Kilogramm gewann, die einzige für Polen neben dem Kugelstoßer Tomasz Majewski, verdankte er seiner Enthaltsamkeit beim Mittagessen. Rivale Apti Aukadow hatte vor dem Wiegen Hühnchen, Fisch, einen Tee und einen Schokoladenriegel verzehrt. Zielinski aß nur „eine kleine Portion Hühnchen.“ Weil später beide dasselbe Gewicht stemmten, gewann der Leichtere. Der Pole wog 130 Gramm, ein Hühnerbein, weniger.

          Adrian Edward Zielinski gewann Gewichthebergold - weil er und sein Kontrahent dasselbe Gewicht stemmten, gewann der Leichtere. Der Pole wog 130 Gramm weniger.

          Haiti bleibt der arme Mann der Karibik, die sonst zu den großen Gewinner-Regionen der Spiele zählt. Sechs karibische Länder gewannen zwölf Goldmedaillen. Jamaika hatte Superstar Usain Bolt. Grenada wurde durch 400-Meter-Läufer Kirani James zum kleinsten Land, das je Gold bei Sommerspielen gewann (mit 90 000 Einwohnern). Und wie Grenada wurde auch Trinidad und Tobago durch einen 19-Jährigen mit komischem Vornamen, Speerwerfer Keshorn Walcott, beschenkt.

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