https://www.faz.net/-gtl-71lnr

Olympia 2012 : Ein Restrisiko namens Zufall

Tanz auf dem Ring: Nur, auf welcher Seite fliegt der Ball herunter? Bild: imago sportfotodienst

Trotz fleißigster Vorbereitung, höchster Hingabe, präzisester Planung und größten Talents hängen Sieg oder Niederlage häufig von etwas ab, das nicht zu beeinflussen ist. Doch Zufall ist etwas Gutes. Wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn erfinden.

          6 Min.

          Ein Tennisball fliegt - und bleibt an der Netzkante hängen. Er springt hoch, fällt wieder Richtung Netzkante. Schnitt. Auf welche Seite wird er fallen? Diese Eingangssequenz aus Woody Allens Film „Matchpoint“, der in London spielt, wird sich in derselben Stadt in den kommenden zwei Wochen wiederholen - auf einem anderen, olympischen Spielfeld, aber in ähnlicher Form und Wirkung, und das unzählige Male. Während es im Film darum geht, ob ein Tennisspieler, der aus Gier zum Mörder wird, davonkommt oder nicht, geht es im Wettkampf nicht um Leben und Tod, aber doch um verpasste oder erfüllte Lebenschancen: Also darum, auf welcher Seite des Lebens der Ball hinunterfällt. Denn trotz fleißigster Vorbereitung, höchster Hingabe, präzisester Planung, größten Talents hängt die Frage, ob ein olympischer Sportler für Jahre des Plackens und Verzichtens belohnt werde oder nicht, sehr oft von etwas ab, das Menschen den Schlaf rauben kann: vom Zufall.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          “Kein Sieger glaubt an den Zufall“, schrieb Nietzsche. Sieger sehen immer die guten Gründe für den Sieg. Verlierer sehen immer die schlechten für die Niederlage. Warum mir, warum jetzt, warum die ganze Quälerei? Fragen, die der Zufall macht, der böse. Die Neigung der Netzkante, der Moment des ungünstigen Windstoßes, das Lospech, der falsche Blickwinkel des Schiedsrichters, der launische Ballsprung oder Eisprung, die streikende Sehne oder meuternde Muskulatur, all das erfüllt die unübertreffliche Definition, die das Grimmsche Wörterbuch dem Zufall gab: „Das unberechenbare Geschehen, das sich unserer Vernunft und unserer Absicht entzieht.“

          Die Ziellinie kommt im falschen Moment

          2008 lagen Annekatrin Thiele und Christiane Huth kurz vor dem Ziel der Ruderstrecke von Peking immer noch knapp vor den Neuseeländerinnen. Die Bootskästen der beiden Doppelzweier hüpften im Bild der mitfahrenden Kamera im Endspurt scheinbar vor und zurück. Denn im Moment des kraftvollen Zuges beschleunigte ein Boot immer wieder, ehe es dann wieder beim Rückholen der Ruderblätter vom Wasserwiderstand gebremst wurde - das andere Boot im Wechsel ebenso. Und genau im falschen Moment für die Deutschen kam die Ziellinie, genau zwischen der Beschleunigung durch den vorletzten und den letzten Zug, während die Neuseeländerinnen mit Schwung die Linie trafen. Die Deutschen waren 1999 Meter vor ihnen gewesen und waren es nach 2001 Metern wieder, aber dazwischen gewann Neuseeland die Goldmedaille. Man kennt das auch im Schwimmen als sogenannten Zugvorteil. Es ist etwas, das sich der Vorausplanung entzieht. Man kann es auch Zufall nennen.

          Zufall ist etwas Gutes. Wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn erfinden. Sportler, die jeden Zufall ausschließen könnten, wären dem Homunkulus näher als dem Homo sapiens. Selbst bei seriösester Arbeit bleibt immer ein Restrisiko, das dem Medaillenplaner, dem Profi, das Leben schwerer macht, dem Sportfreund, dem Amateur, aber schöner. Es gibt nur unseriöse Methoden, den Zufall im Sport völlig auszuschließen. Doping, Bestechung, Spielabsprachen. Oder sich maßgeschneiderte Gegner hinstellen, wie im Preisboxen.

          Es gehört zum Glück des Sports, nie perfekt werden zu können. So sind die Leistungen in der NBA, der amerikanischen Profi-Basketball-Liga, in den vergangenen fünfzig Jahren enorm gesteigert worden, ob Tempo, Technik, Athletik. Doch ausgerechnet beim Freiwurf, der einzigen Aktion, in der ein Spieler völlig ungestört vom Gegner ist und die immer aus derselben Entfernung zum Ring in immer gleicher Höhe passiert, pendelt die Quote verwandelter Würfe seit fünfzig Jahren immer um denselben Wert: rund 75 Prozent. Das zeigt: Perfektion ist nicht planbar, jedenfalls da, wo keine Maschinen im Spiel sind.

          Weitere Themen

          WM in Cortina wegen Corona wohl erst 2022

          Ski alpin : WM in Cortina wegen Corona wohl erst 2022

          Wegen der Corona-Pandemie wurde in Cortina d’Ampezzo im März schon die WM-Generalprobe abgesagt. Jetzt wollen die Italiener die Titelkämpfe um ein Jahr verschieben. Garmisch hofft derweil auf den Zuschlag für die WM 2025.

          Topmeldungen

          Die Astronauten Douglas Hurley (links) und Robert Behnken vor der Abschussrampe der Space-X-Rakete in Florida.

          Raketenstart in Amerika : Der Weltraum, unendliche Weiten

          Amerika steht vor der Rückkehr in die bemannte Raumfahrt. Elon Musk spielt dabei eine große Rolle. Doch er ist nicht der einzige, der große Ziele verfolgt.
          Hinter den Türen vieler deutscher Kliniken herrscht immer noch zu viel Selbstherrlichkeit.

          Mangelnde Qualität : Fatale Lücken im Gesundheitssystem

          Das deutsche Gesundheitssystem wird in der Covid-19-Krise jetzt oft gerühmt. Die Statistik trügt: In der Infektiologie und der Krankenversorgung türmen sich gefährliche Qualitätsmängel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.