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Olympia 2012 : Chinesisches Wunder

Freistilschwimmer Sun Yang hat gelernt, mit Druck umzugehen Bild: dapd

Sechsmal Gold, viermal Silber, zweimal Bronze - Das Reich der Mitte räumt auf Anhieb bei Olympia ab. Die chinesischen Erfolge, vor allem im Schwimmbecken, kommen nicht von ungefähr.

          Und dann saß Ye Shiwen auf dem Podium. Die Olympiasiegerin über 400 Meter Lagen, die neue Weltrekordhalterin. Neben ihr hatte Elizabeth Beisel Platz genommen, die Zweitplazierte aus den Vereinigten Staaten, und der Kontrast zwischen den beiden hätte größer kaum sein können. Links die Amerikanerin, die die langen blonden Locken immer wieder von einer Seite auf die andere warf, die überschwänglich in ihren Gefühlen nach der ersten olympischen Medaille schwelgte, von der Erfüllung eines Kindheitstraums erzählte.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Und rechts Ye Shiwen. Kurze, schwarze Haare. Aufs Nötigste reduzierte Mimik. Sparsamste Antworten. Ja, das sei ein großer Schritt für den chinesischen Schwimmsport. Nein, diesen Rekord hätte sie nicht erwartet. Ja, mein nächstes Ziel ist es, noch besser zu werden. Nein, der Ruf, chinesische Schwimmer trainierten wie Roboter, wie Maschinen, sei falsch. Ja, sie habe das Glück gehabt, von klein auf unter wissenschaftlicher Anleitung zu trainieren. Dann noch ein schnelles Lächeln und weg war sie.

          Ye Shiwen ist gerade mal 16 Jahre alt. Doch jugendliche Schüchternheit hin oder her, es blieben eine ganze Reihe von Fragen offen am Samstagabend im Londoner Aquatics Centre. Zum Beispiel, was dieses Rennen von Ye Shiwen anging, das olympische Finale über 400 Meter Lagen. Da lag die Chinesin nach 300 Metern fast eine Sekunde hinter Elizabeth Beisel - ließ die Amerikanerin, immerhin Weltmeisterin auf dieser Strecke, dann aber auf den letzten zwei Bahnen geradezu stehen. Am Ende hatte sie knapp drei Sekunden Vorsprung.

          China am Zug: Lagenschwimmerin Ye Shiwen auf dem Weg zu ihrem Fabelweltrekord

          Den Weltrekord der Australierin Stephanie Rice aus dem Jahr 2008 verbesserte sie nicht etwa um ein paar Zehntel oder gar Hundertstel - sie lag mehr als eine Sekunde unter der alten Bestmarke. Und, was an diesem so schon verblüffenden Rennen das Erstaunlichste war: Die 16 Jahre alte Ye Shiwen war auf ihren letzten 100 Metern gerade mal drei Hundertstelsekunden langsamer als der Sieger im gleichen Rennen bei den Männern, der Amerikaner Ryan Lochte - und auf den letzten 50 Metern gar 17 Hundertstelsekunden schneller. Da fragt man erst mal sich und dann Ye Shiwen: Wie geht denn das? „Wir haben sehr gut trainiert und deshalb so gute Resultate.“ Ach so.

          Lochte war da schon auskunftsfreudiger. „Wir haben darüber beim Abendessen geredet“, sagte der Olympiasieger über 400 Meter Lagen am Sonntag. „Es ist ziemlich beeindruckend. Sie ist schnell. Wenn sie mit mir im Rennen gewesen wäre, hätte sie mich womöglich geschlagen.“ Lochte machte an diesem Tag freilich seine eigenen Erfahrungen mit den Stars aus Fernost - im Vorlauf über 200 Meter Freistil unterlag er dem Chinesen Sun Yang.

          Im Fokus: Schützin Yi Siling freut sich ebenfalls über Gold

          Der war am Abend zuvor gerade in die Halle marschiert, als Ye Shiwen am anderen Ende das Becken verließ - zur Siegerehrung über 400 Meter Freistil. Auf dieser Strecke hatte der 1,98 Meter große Sun Yang kurz zuvor das erste Olympia-Gold eines männlichen Schwimmers für China gewonnen. In 3:40,14 Minuten verpasste er den Weltrekord von Paul Biedermann um sieben Hundertstelsekunden.

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