https://www.faz.net/-gtl-a25h4

Geiseldrama 1972 bei Olympia : Unruhe und Tränen nach der Flucht aus München

  • -Aktualisiert am

„Auf einem flimmernden Bildschirm sah man eine vermummte Gestalt“: Ein Geiselnehmer von München 1972 Bild: Imago

Der Israeli Ittai Joseph Tamari war 16 Jahre alt, als er mit seinem Vater Olympia 1972 in München besuchte. Dort erlebte er den Schrecken des Geiseldramas mit. Die Folgen beschäftigten ihn jahrelang.

          3 Min.

          Die Lektüre des Beitrags von Herrn Steffen Haffner „Leuchten und Dunkelheit“ rief heftige Erinnerungen aus meiner Jugend wach. Insbesondere der letzte Absatz erzeugt bei Juden beziehungsweise Israelis ein leider viel zu oft spürbares Unbehagen. Hier meine eigene Erinnerung an die Olympischen Spiele.

          München im Sommer 1972. Ein 16-jähriger Israeli landet mit seinem sportbegeisterten Vater in München-Riem, um den Olympischen Spielen beizuwohnen; eine lang gehegte Absicht meines Vaters wurde konkret. Die Ausgelassenheit auf den Straßen Münchens, die lautstarke Heiterkeit im Biergarten, die farbenfrohen Olympia-Fahnen, die überall hoch an Masten flatterten, und nicht zuletzt „Waldi“, das Dackel-Maskottchen, das auf Plakaten, in Schaufenstern und auf der Rezeptionstheke des Hotels zu erblicken war, bezauberten mich als Teenager.

          Die Online-Flatrate: F+
          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln. Bleiben Sie umfassend informiert, für nur 2,95 € pro Woche.

          Jetzt 30 Tage kostenfrei testen

          Mit meinem Vater bin ich jeden Tag in der Früh im Olympiapark vor den Kassen gestanden, um die letzten freien Eintrittskarten zu erhaschen. So konnte ich mit Mark Spitz beim Finale der 200-Meter-Freistilschwimmer zwar mitfiebern und jubeln, sah allerdings durch unsere ungünstigen Plätze nur das Ergebnis auf der orangefarbenen Leuchtanzeige: wieder Gold! Mein Vater war außer sich, ein Jugendtraum ging für ihn in Erfüllung: einen Weltrekord unmittelbar zu erleben. Was für großartige Tage: Ein charmanter Jude aus Amerika gewinnt in München sieben Goldmedaillen!

          Dann die Enttäuschung; „unsere“ junge Läuferin, die israelische Esther Roth-Shachamorov, erreichte im Vorlauf über 100 Meter zwar als Erste, im Halbfinale jedoch nur als Fünfte das Ziel. Mein Vater war verärgert, ließ sich aber schnell durch den weiteren Verlauf ablenken. Im neuen, hochmodernen Stadion der Leichtathletik war ich von den fliegenden, filigranen Dächern fasziniert, die ersten drei Tage waren ein Faszinosum der Freude und Vielfalt. Im Zimmer abends löcherte ich dann meinen Vater mit Fragen über so ziemlich alles, was ich im Laufe des Tages aufgesogen hatte: ein Sammelsurium an Menschen, Farben, Bauten und Stimmen ließ mich nur schwer einschlafen.

          Kein Triumph über Schrecken und Trauer

          Dann kam der Morgen des 5. September 1972. Auf einem flimmernden Bildschirm im Frühstücksraum konnte man Aufnahmen einer vermummten Gestalt und Journalisten, die irgendetwas zu berichten versuchten, sehen. Die Situation schien uns unmittelbar bekannt zu sein. Mein Vater stand auf, ging zur Rezeption, fragte nach und seine Vorahnung wurde leider bestätigt. Augenblicklich kam er zurück an den Tisch, packte mich am Arm und sagte mit lauter Stimme: „Los, wir gehen!“ Im Zimmer packte er hastig unsere Sachen, nahm mich wieder am Arm und ging fluchtartig und wortlos in Richtung Rezeption.

          Am Flughafengebäude angekommen, fand er einen Flug nach Athen, den einzigen, der an diesem Tag in Richtung Israel zu finden war. Kurzerhand flogen wir mit. Hauptsache, das Gefühl unmittelbarer Bedrohung lässt nach. In Athen fand er für uns beide ein Hotelzimmer. Unter sengender Sonne fuhren und hupten Autos im Kreis des Syntagmaplatzes. Ich lag im Bett, der Ventilator drehte die drückende Luft über mir, mein Vater versuchte derweil an der Hotelrezeption eine Maschine nach Tel Aviv ausfindig zu machen. Über Paris fliegend landeten wir schließlich zwei Tage später in Israel.

          Ich schreibe von Flucht, weil für meinen Vater durch den antisemitischen Terror in München mit einem Schlag alles wieder da war: Bilder aus seiner gestohlenen Jugend, als er in Bukarest auf einer Zeitungsseite in der Straßenbahn die Schlagzeile lesen musste, dass das nationalsozialistische Deutschland Polen überfallen hatte. Für die Juden Bukarests kamen bald Monate der Angst, des Schreckens und des Untertauchens. Der Vater meines Vaters wurde 1941 auf offener Straße von einem Mob der „Faschistischen Legionäre“ geschnappt und in ein Zwangsarbeiterlager verschleppt. Zurück blieb mein damals zehnjähriger Vater mit Mutter und Schwester im Hinterhof eines Bukarester Hauses. Mein Großvater hatte großes Glück in der sich abzeichnenden Katastrophe...

          Nach zweieinhalb Jahren kam mein Großvater zurück. Über das Erlebte sprechen konnte er nie. Die Panik, die meinen Vater in München ergriff, hat viel mit den traumatischen Erfahrungen meines Großvaters zu tun. Sie und das eigene Erlebte waren in München 1972 plötzlich wieder da. Dies verstand ich erst später. Jahrelang konnte ich keine Sportberichterstattungen im Fernsehen anschauen, ohne dass sie Unruhe und Tränen in mir auslösten. Und „Waldi“, das Maskottchen der Münchner Spiele, das ich am Tag zuvor bekommen hatte, blieb durch die überstürzte Abreise aus München im Hotelzimmer zurück. – In meinen Erinnerungen triumphiert kein Lachen jener jungen Athletin (Ulrike Meyfarth, d. Red.) über Schrecken und Trauer.

          Dr. Ittai Joseph Tamari ist Leiter des Zentralarchivs der Geschichte der Juden in Deutschland in Heidelberg.

          Topmeldungen

          F.A.Z. exklusiv : „Daimlers Diesel genügen den Richtlinien“

          Als Vorstand für Integrität und Recht hat Renata Jungo Brüngger gerade mehrere Diesel-Verfahren gegen Daimler in Amerika befriedet. Ihren Einsatz für mehr Regeltreue sieht sie aber nicht am Ende. Im Gespräch berichtet sie von Herausforderungen in einem globalen Unternehmen.

          Probefahrt Citroën Ami : Friede, Freude, Frankreich!

          Das Gute an den Umbrüchen, die die Mobilitätswelt erfassen: Überall öffnen sich plötzlich Nischen für Neues. Und genau da hinein schickt Citroën jetzt seinen kleinen Elektrowürfel Ami.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.