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London vor Olympia : Das große Zittern

Mehr britische Soldaten, als in Afghanistan kämpfen: Vor dem Olympiastadion in London Bild: AFP

Die Lust auf die Utopie Olympia triumphiert langsam über die britischen Sicherheitsbedenken. Trotzdem scheint es in London so, als bereite sich die Stadt auf einen Krieg vor. 

          Vor dem Londoner Ortsteil Greenwich, in dem man traditionell etwas von der Zeit versteht, ankert neuerdings Britanniens größtes Kriegsschiff. An Bord der „HMS Ocean“ dienen vierhundert Soldaten, die jederzeit aus der Themse Kampfhubschrauber starten können. Zur Überwachung des Luftraums stehen auch Kampfflugzeuge bereit und Raketen, die auf Dächern und in Parks stationiert wurden.

          Mindestens 17.000 Soldaten - fast zweimal mehr als in Afghanistan kämpfen - hat die Armee um London zusammengezogen; einige betreuen die „Panic Rooms“, in die sich die Zivilisten nach einem Angriff flüchten können. Die britische Hauptstadt, so scheint es, bereitet sich auf Krieg vor. Dabei sind es nur die Olympischen Spiele, die vor der Tür stehen.

          Man kann darüber streiten - und in Britannien wird leidenschaftlich darüber gestritten -, ob die Ausrichtung des Sportfestes noch in einem Verhältnis zu seinem Anlass steht. Kritisiert wird ja nicht nur der Sicherheitsaufwand. Sieben Jahre Vorbereitung, die Kandidatur nicht mitgerechnet, sind heutzutage nötig, um den Segen des IOC, des Internationalen Olympischen Komitees, zu erhalten. Zehntausende planen und bauen an dem vergänglichen Projekt, das im Falle Londons an die zwölf Milliarden Euro kosten wird. Um ein Maß zu haben: Das ist doppelt so viel Geld, wie Russland in den neunziger Jahren für die Repatriierung seiner Soldaten vom wiedervereinigten Deutschland erhalten hat.

          Offenbarungseid des privaten Sicherheitsdienstes

          London ist sicher ein Sonderfall, auch wenn diesen Status alle olympischen Veranstaltungsorte reklamieren. Keine Stadt, außer vielleicht New York oder Washington, steht so sehr für „den Westen“. Mehr als zweihundert Jahre lang wurden aus Whitehall und Westminster weite Teile der Welt regiert. Auch nach dem Zerfall des Empire blieb Großbritannien Europas erste Militärmacht und stand den Amerikanern - von Korea bis Afghanistan - in der Regel mit den meisten Soldaten zur Seite. Im Sommer 2005 wählten islamistische Terroristen London zum Ziel für einen der schwersten Bombenanschläge auf europäischem Boden. Nur wenige Stunden zuvor war die britische Hauptstadt in Singapur zum olympischen Austragungsort ausgerufen worden.

          „London 2012“ findet auch vierzig Jahre nach den Münchner Spielen statt, bei denen die israelische Mannschaft zum Ziel von Terroristen geworden ist. Die 38 Sportler aus Israel werden in London besonders streng bewacht, nicht zuletzt von den eigenen Geheimdiensten, die von Anschlagsplanungen aus Teheran raunen. Zu schützen sind aber auch 120 bis 140 Staatsoberhäupter, zweihundert Minister und unzählige Parlamentarier; allein aus Deutschland werden an die vierzig Delegationen erwartet, geführt vom Bundespräsidenten, von vier Bundesministern, Ministerpräsidenten, Landesministern, Abgeordneten und Sportfunktionären. Nimmt man noch die Bosse internationaler Konzerne und Hollywood-Größen hinzu, klingt es gar nicht mehr so großspurig, wenn die Veranstalter die Welt zu Gast in London sehen.

          Auch höchstes Risikobewusstsein und maximale Anstrengung bieten keine Gewähr. Das zeigte der Offenbarungseid des privaten Sicherheitsdienstes G4S, der kurz vor Beginn der Spiele eingestehen musste, die zugesagten 10400 Wachleute nicht bereitstellen zu können. Weitere Soldaten mussten einspringen, was die ohnehin spärlichen Vorfreude der Londoner nicht gesteigert hat.

          Olympia nur noch in Olympia?

          Die Politik streicht die nationale Bedeutung des Ereignisses heraus. Fast 17 Milliarden Euro olympiabedingter Mehreinnahmen verspricht Premierminister Cameron den Kritikern. Auch wenn die spotten, die Summe sei im „Ministerium für heiße Luft“ errechnet worden, bezweifelt niemand, dass für Großbritannien viel auf dem Spiel steht. Nicht einmal die Innenpolitik bleibt unberührt, denn neben Cameron versucht sich auch dessen innerparteilicher Rivale, Londons Bürgermeister Johnson, mit den Spielen zu profilieren. Bei so viel wirtschaftlichen und politischen Interessen droht der Sport an den Rand zu geraten - auch das ein Grund, warum die Spiele (in den Worten des Geheimdienstchefs) zu einem „attraktiven Ziel für unsere Feinde“ geworden sind.

          Mit schlechter Stimmung ist gleichwohl nicht zu rechnen. Der einsetzende Sommer und der ebenso überraschende Tour-de-France-Sieg Bradley Wiggins’ lassen die Lust auf ein Fest langsam über Sorgen triumphieren. Rechtzeitig zur Eröffnung am Freitag haben die Briten ihre Reihen geschlossen: Alle drücken jetzt die Daumen und wünschen sich friedliche und glanzvolle Spiele, welche die Utopie von einer im Spiel vereinten Welt für zwei Wochen wachhalten können.

          Es muss allerdings kein Schaden sein, würde das große Zittern nachwirken und die nötige Offenheit schaffen, um nach „London 2012“ über ein neues Veranstaltungsformat nachzudenken. Schon länger wird die Idee beworben, die Spiele an einen festen Standort zu vergeben. Gewaltige Summen würden gespart, Sicherheitssorgen reduziert, das IOC zurückgestutzt - kurz: der Sport entpolitisiert. Die Ortswahl müsste nicht schwer fallen: Aus aktuellen wie historischen Gründen bietet sich Olympia an, das ausbaufähige Städtchen auf dem hilfsbedürftigen Peleponnes.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

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