https://www.faz.net/-gtl-8kh6f

Weitspringerin Klischina : Eine mental starke Frau

Darja Klischina: „Ich bin alleine hier und das ist eine große Verantwortung“ Bild: dpa

Darja Klischina ist die einzige Russin, die bei den olympischen Leichtathletik-Wettbewerben antreten darf. Die Weitspringerin zeigt sich trotz des Gezerres um ihr Startrecht nervenstark.

          Darja Igorewna Klischina ist es durchaus gewohnt, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen; genießt es bisweilen sogar, dass jeder ihrer Schritte von Kameras und Fotoapparaten verfolgt wird. Die blonde Schönheit ist schließlich nicht nur eine erfolgreiche Weitspringerin, Hallen-Europameisterin 2011 und 2013, sondern sie geht nebenbei auch dem durchaus einträglichen Nebenjob als Model nach.

          An diesem Dienstagabend in Rio de Janeiro wirkte die 25-jährige Russin dann aber doch etwas angespannt, als sie sich der Qualifikation im Weitsprung stellte. Vorausgegangen war ein mehrtägiges Gezerre um das Sonderstartrecht, als einzige Russin bei den Leichtathletik-Wettbewerben in Rio antreten zu dürfen. „Die vergangene Woche war wirklich hart für mich“, bekannte sie, „aber ich bin glücklich, bei den Olympischen Spielen zu sein“. Es ist die erste Olympia-Teilnahme für sie. Die Spiele von London hatte Klischina verpasst, da sie zuvor bei den russischen Meisterschaften damals überraschend nur Vierte geworden war.

          Schöner weitspringen mit Darja Klischina: 6,64 Meter im ersten Versuch.

          Diesmal ist sie die einzige Russin weit und breit. Weil sie seit drei Jahren in Florida lebt und trainiert und auch dem dortigen Anti-Doping-System unterworfen ist, erhielt sie eine Ausnahmegenehmigung für Rio. Die wurde zwar in der vergangenen Woche noch einmal zurückgezogen, da es auch an den Behältern von ihren Dopingproben offensichtliche Manipulations-Spuren gab, doch die Ad-hoc-Kommission des Internationalen Sportgerichtshofes CAS hatte ihrem Einspruch danach wiederum stattgegeben.

          Am späten Dienstagabend, weit nach 21 Uhr Ortszeit, tat sie nun  das, was sie am liebsten macht: Weitspringen. Die 1,80 Meter große und nur 57 Kilo schwere Blondine trat als Zwölfte von 19 Teilnehmerinnen der Qualifikations-Gruppe A an. Gleich im ersten Versuch setze sie 6,64 Meter in den Sand. Es sollte der fünfbeste Sprung von allen 38 Weitspringerinnen an diesem Abend sein.

          „Ich bin alleine hier“

          Danach verschwand sie wortlos aus dem Innenraum. Ihr australischer Trainer Loren Seagrave sprach für sie, lobte die Athletin für ihre Nervenstärke. Ihre Kontrahentinnen versuchten, sich mit der umstrittenen Mitstreiterin nicht weiter zu beschäftigen. Das weitgehend ignorante Rio-Publikum nahm von ihrem Auftritt weniger Notiz als die Fotografen. Und Klischina selbst hatte sich im Vorfeld fest vorgenommen, sich weder positiv noch negativ von den Zuschauern beeinflussen zu lassen. Sie hatte nur angemerkt: „Ich bin alleine hier und das ist eine große Verantwortung.“ 

          Nach geglückter Weitsprung-Qualifikation hat sie wieder gut lachen: Klischina ist die einzige Russin bei der Leichtathletik in Rio.

          In ihrer alten Heimat hatte sie im Vorfeld der Spiele dagegen schon einiges aushalten müssen. Die noch vor wenigen Jahren als Russlands schönste Sportlerin Umschwärmte – bei der WM 2013 in Moskau wurde sie gar zur „World sexiest Athlete“ gekürt – sah sich nach der IAAF-Entscheidung, das russische Team mit einer Ausnahme auszuschließen, als „Verräterin“ verunglimpft. Klischina hatte sich auf ihrer Facebook-Seite als „wirklich glücklich“ über ihre Einzelstartberechtigung geäußert – und kein Wort des Bedauerns für den Ausschluss ihres gesamten ehemaligen Teams gefunden.

          Das war aus Sicht der in Amerika lebenden „Nicht-Doperin“ zwar clever, wurde ihr in Russland aber sehr übel genommen. Doch Klischina zeigte schon damals Pokerface und ließ den medialen „Shitstorm“ einfach an sich vorüberziehen. Im Gegensatz zur 800-Meter-Läuferin Julia Stepanowa ist sie keine Aufklärerin des russischen Dopingsystems. Sie hält sich im amerikanischen Exil einfach bedeckt, trainiert und schweigt - sie war allerdings auch noch nie des Dopings überführt.

          Winkend in die Kamera? Die 1,80 Meter große Blondine ist auch als Fotomodel erfolgreich.

          Nur eines hat sie öffentlich gemacht: dass sie in Rio keinen Schönheitswettbewerb gewinnen will, sondern eine Olympiamedaille. Schon an diesem Mittwoch um 21.15 Ortszeit (2.15 MESZ) beginnt die Entscheidung im Weitsprung. Darja Igorewna Klischina wird als Zweite starten.

          Von allen zwölf Endkampfteilnehmerinnen bringt sie zwar die niedrigste Saisonbestleistung mit – es waren ihre 6,64 aus dem Vorkampf. Doch die „einsame“ Russin ist nicht nur mental stark – sie ist auch eine sehr gute Weitspringerin. Ihre persönliche Bestleistung steht bei 7,05 Metern – und das könnte durchaus für Edelmetall reichen.

          Weitere Themen

          BVB zeigt Nervenstärke und späte Klasse

          3:1 in Köln : BVB zeigt Nervenstärke und späte Klasse

          Lange nervt der forsche Aufsteiger aus Köln den zunächst schwachen Titelkandidaten, aber am Ende setzt sich beim 3:1-Auswärtssieg doch die individuelle Klasse des BVB durch.

          Vetter gelingt ein starkes Comeback

          Speerwerfen : Vetter gelingt ein starkes Comeback

          Bei seinem verspäteten zweiten Saisoneinstieg distanziert Speerwurf-Weltmeister Vetter Olympiasieger Röhler um fast acht Meter. Doch auch der Zweitplazierte ist nicht unzufrieden.

          Topmeldungen

          Handelsabkommen mit Bolsonaro : Berlin ist dafür, Paris dagegen

          Die Bundesregierung will das Mercosur-Freihandelsabkommens ratifizieren. Frankreich und andere EU-Staaten hatten wegen der Haltung Brasiliens zu den Bränden am Amazonas eine Blockade gefordert. Droht kurz vor dem G-7-Gipfel Streit zwischen Berlin und Paris?
          Wer macht’s? Annalena Baerbock und Robert Habeck

          Grüne Kanzlerkandidatur : Baerbock oder Habeck?

          Die grüne Spitze kommt gut an. Doch Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen nicht darüber reden, wer Kanzlerkandidat wird und mit wem sie im Bund koalieren wollen.
          Verkehrsminister Andreas Scheuer

          Maut-Debakel : Neue Vorwürfe gegen Scheuer

          Die Pkw-Maut kommt nicht - jetzt werden die Verträge aufgearbeitet. Hat Verkehrsminister Scheuer getrickst, damit die Mauterhebung billiger aussieht?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.