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Dopingvorwurf im Schwimmen : Murphys Wut

  • -Aktualisiert am

Vergiftete Stimmung unter den Rivalen, auch wenn es bei der Medaillenpräsentation einträchtig erscheint: Ryan Murphy (l.) misstraut Olympiasieger Jewgeni Rylow (M.). Der Brite Luke Greenbank steht mit Bronze dabei. Bild: dpa

An Olympiasieger Rylow bleibt der Verdacht des Betrügers haften. Murphy wirkt wie ein schlechten Verlierer. Sein Misstrauen ist eine Schande, die andere zu verantworten haben.

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          Das will niemand hören. Aber am Freitag gab es nach dem Schwimmen einen Eklat. Der Amerikaner Ryan Murphy sprach nach dem Wettbewerb über 200 Meter Rücken von einem „wahrscheinlich nicht sauberen Rennen“. Das war kein direkter Vorwurf des Silbermedaillengewinners an den Olympiasieger Jewgeni Rylow. Murphy nannte keinen Namen.

          Aber niemand kann bestreiten, dass sein Blick auf den Sieger fiel, auf dessen Herkunft. Russland ist bekannt für ein 2015 enttarntes systematisches, mit Hilfe des Staates organisiertes Doping-System. Aufgebaut, um Sportler der wichtigsten Sportarten für Siege zum Wohle des Landes zu präparieren. Aber einen Beweis gegen Rylow hält Murphy nicht in den Händen.

          Und deshalb entstand just in dem Moment, in dem es etwas zu feiern geben sollte, ein schreckliches Bild. Das von der Vergiftung des Sports. Denn je nach Perspektive im Schwimmerlager gibt es nun zwei Verlierer unter den Medaillengewinnern zu beklagen: An Rylow wird der Verdacht des Betrügers haften bleiben. Murphy werden sie als schlechten Verlierer, als Nestbeschmutzer abstempeln.

          Hätte er doch geschwiegen! Jede niederschmetternde Geschichte eines bitteren olympischen Moments hat einen Vorlauf. Niemand, der Murphy zuhörte, seiner Erklärung folgte, wird ihm die ernsthafte Absicht absprechen können, auf ein gewaltiges, zerstörerisches Problem hinweisen zu wollen. Aus seinen Worten sprach eine tiefe Verzweiflung. Die Erkenntnis, Jahre seines Lebens in eine wunderbare Idee investiert zu haben, die sich aus seiner Sicht als Schimäre entpuppt: in einem sauberen Wettkampf mit Gleichgesinnten um die bedeutendste Auszeichnung auf Erden zu schwimmen.

          Der Vorwurf erscheint naiv und – in gewissem Sinne ist das paradox – unfair zugleich. Denn Doping ist ja keine frische Entdeckung, sondern ein fester Bestandteil der Spiele. Bei Nachtests von London 2012 und Peking 2008 wurden rund 150 Athleten enttarnt, degradiert und gesperrt. Murphy wusste, was er sagte. Und deshalb wäre es gefühllos, seine Klage allein mit juristischem Blick zu prüfen und verächtlich zu verwerfen. Wichtiger wäre es, zu fragen, warum er in ohnmächtiger Wut sagte, was ihn zu zerreißen droht.

          Die Antwort liegt auf der Hand: das Ende einer trügerischen Hoffnung. Sportverbände wie auch der Internationale Schwimm-Verband FINA versprechen seit Jahrzehnten, Doping in den Griff zu bekommen. Es zeugt schon von einer gewissen Unehrlichkeit, diesen nicht umsetzbaren Anspruch zu formulieren. Zudem unterlief der organisierte Sport in der Realität regelmäßig seine eigenen Vorsätze.

          Mitunter verbarg sich hinter einem Anti-Doping-Schein ein Netzwerk abscheulicher Manipulationen. In Russland wenigstens zwischen 2010 und 2016 zum Beispiel im Ansatz von einem systematischen, verbrecherischen Ausmaß, wie es die DDR über wenigstens zwei Dekaden pflegte. Trotzdem ist es nie zu einer angemessen Sanktionierung gekommen.

          Die Welt-Anti-Doping-Agentur hat die Russen zwar 2019 wegen der fortgesetzten Verschleierung ihres aufgehobenen Manipulationssystems gesperrt. Aber nur dem Namen nach. Obwohl bis heute nicht sicher ist, wer noch zum großen Kreis der Abgefüllten wie Aufgeputschten gehörte, starteten 323 Russen als Russisches Olympisches Komitee. Sie tragen neutrale Trikots und hören statt ihrer Hymne Tschaikowskys Klavierkonzert Nummer 1. Wer versteht das? Und wer versteht nicht, dass Murphy mehr Vertrauen in die Sauberkeit seines Sports braucht, um an den Wert von Olympia glauben zu können. Sein Misstrauen ist eine Schande, die andere zu verantworten haben.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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