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Kommentar : Mythos Mannschaft

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Die deutsche Hockey-Herrenmannschaft drehte noch in allerletzter Sekunde ein 0:2 gegen Neuseeland in einen 3:2 Sieg. Bild: dpa

„Mannschaftsdienlichkeit“ – den Begriff gibt es so nur auf deutsch. Während andere Stars wie Bolt und Phelps haben, ist „Mannschaft“ zum Markenbegriff geworden - auch bei Olympia.

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          Es hat eine globale Faszination, Athleten wie Usain Bolt oder Michael Phelps ihren Sport ein Jahrzehnt lang und länger dominieren zu sehen. Der deutsche Sport hat solche Weltstars nicht. Er lebt seine eigene Faszination aus. Sie hat sich in anderen Sprachen herumgesprochen. „La Mannschaft“ sagen die Franzosen dazu, „The Mannschaft“ die Briten.

          Sie ist ein deutscher Markenbegriff im Ausland geworden, und immer wieder entdecken auch die Deutschen selbst die begeisternde Kraft, die von ihren Sportlern ausgeht, wenn sie ihre Kräfte, ob Frau oder Mann, zur „Mannschaft“ bündeln. So wie die Hockeyspieler, die im Viertelfinale in Rio mit einer verrückten Willensleistung durch drei Tore in den letzten viereinhalb Minuten, zwei davon in den letzten vierzig Sekunden, aus einem 0:2 gegen Neuseeland einen 3:2-Sieg machten. Auch die Tischtennisspielerinnen, in deren Mannschaftswettbewerb man nicht miteinander als Team, sondern nacheinander im Einzel und Doppel antritt, wuchsen kollektiv über sich hinaus und erreichten in einem vierstündigen Krimi gegen Japan durch den Kantenball zum 11:9 im fünften und letzten Satz des fünften und letzten Spiels das Finale.

          Olympia ist die große Bühne der Individualisten, der Leicht- und Schwerathleten, Schwimmer und Turner. Aus Sicht der Medaillenzähler und Kostenrechner sind sie die viel effizienteren Investitionen beim Einsatz nationaler Finanz- und Talentressourcen als umfangreiche Teams. Zum Kampf um die „Nationenwertung“ werden die 85 deutschen Teilnehmer im Handball, Fußball und Hockey, fast ein Fünftel des deutschen Olympiateams, am Ende wohl kaum mehr als drei oder vier Medaillen beitragen können. Doch spiegelt das nicht die emotionale Wirkung deutscher Mannschaften beim deutschen Publikum wider - so wie 2004, als die Handballer „nur“ Silber gewannen, aber alle Goldmedaillen überstrahlten.

          zum Mannschaftsspieler erzogen

          Unfair ist, dass nur Individualsportler, wegen der Zahl der Medaillen, die man als Sprinter, Schwimmer oder Turner gewinnen kann, und wegen der Konzentration des medialen Rampenlichts auf Solisten, die Chance haben, in den Olymp der legendären Olympiasportler aufzusteigen, von Owens oder Latynina bis zu Phelps oder Bolt. Auch Deutschland hat große Athleten hervorgebracht, aber keinen der ganz Großen der olympischen Geschichte. Warum das so ist? Vielleicht weil deutsche Sportler von klein auf mit den Werten eines immer noch ehrenamtlich geprägten Vereinssports aufwachsen, der von der Hingabe und Leidenschaft unzähliger Freizeittrainer und -funktionäre lebt. Das prägt. Es erzieht dazu, im Leben kein Einzelgänger zu werden, sondern Mannschaftsspieler.

          So waren die „deutschen“ Tugenden im Sport immer Mannschaftstugenden. Allen voran der zähe Wille, zu kämpfen, zu leiden, ja zu dienen. „Mannschaftsdienlich“ ist ein deutsches Wort, für das andere Sprachen keine identische Entsprechung haben. Dabei zeigt sich der Dienst an der Mannschaft oft im Verborgenen, sichtbar nur für die Beteiligten - wenn der Mitspieler den Schritt, der weh tut, auch dann noch macht, wenn er nicht ihn selbst gut aussehen lässt, sondern andere. Es ist das kleine, konkrete, alltägliche Heldentum, das Mannschaften und Gesellschaften zusammenhält.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

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