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Sorgen einer Kletterin : Die wilde Fahrt der Alma Bestvater

Olympia bleibt ein reizvolles Ziel, trotz allem: Alma Bestvater Bild: DAV/Nils Nöll

Alma Bestvater hatte den Traum von der Teilnahme an Olympia. Dann traf sie ein schwerer Schlag. Durch die Verschiebung der Spiele hat sie nun wieder Hoffnung. Und doch gibt es für die Kletterin viele Fragezeichen.

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          Irgendwann kam sich Alma Bestvater vor wie in der Achterbahn. Es ging rauf und runter, beides war mit intensiven Gefühlen verbunden, und auf beides hatte sie selbst so gut wie keinen Einfluss. Begonnen hatte die wilde Fahrt am 1. März. Da verletzte sich Alma Bestvater in einem kaderinternen Wettkampf am Ellbogen. Verdacht auf Innenbandriss. Die Diagnose bestätigte sich, die Befürchtung bewahrheitete sich – eine Operation war nötig. Spätestens da war für die Kletterin Alma Bestvater klar: Es würde nichts werden mit ihrem Traum von Olympia. Jedenfalls nicht bei der olympischen Premiere der Kletterer bei den Spielen in Tokio. Denn die letzte Qualifikationschance, die Europameisterschaft in Moskau, war schon für Ende März angesetzt.

          Bernd Steinle
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Es war ein schwerer Schlag für Alma Bestvater. „Ich hatte mich viel damit beschäftigt, dass ich nicht gut genug sein könnte, um mich in Moskau zu qualifizieren“, sagt die 24 Jahre alte deutsche Meisterin. „Aber ich habe nie daran gedacht, dass es auch passieren kann, dass ich gar nicht erst starten kann. Dass ich gar keine Chance mehr haben würde, darum zu kämpfen.“

          Es dauerte nur eine Woche, da kam neue Hoffnung auf. Die Kletter-EM in Moskau wurde wegen der Corona-Krise verschoben. Zunächst auf unbestimmte Zeit, dann auf einen neuen Termin: im Juni. Die nächste Enttäuschung. „Das hätte für mich sicher nicht mehr gereicht.“ Inzwischen sind die Olympischen Spiele selbst um ein Jahr verschoben, die kontinentalen Titelkämpfe in Moskau sollen nun im Oktober stattfinden. Stand jetzt. Das hieße: Alma Bestvater wäre wieder im Spiel. „Das könnte ich gerade so schaffen, bis dahin das sportliche Niveau wieder zu erreichen.“

          Es waren schwierige Wochen nach der Verletzung für die gebürtige Weimarerin, zeitweise herrschte totaler Stillstand. „Ich habe Ende Februar noch alle Klausuren geschrieben“, sagt die Studentin der Sportwissenschaften, die vor zwei Jahren nach München zog. „Dann passierte die Verletzung. Dazu kam der Lockdown. Alles, mit dem ich mich zuvor beschäftigt hatte, ging plötzlich nicht mehr.“ Sie begann dann wieder mit Stretching und Yoga, seit kurzem, da Trainingshallen und Olympia-Stützpunkt in München wieder offen sind, hat sie auch wieder angefangen, zu klettern. Bis sie den Arm, etwa bei Sprüngen, wieder voll belasten kann, wird es wohl noch zwei Monate dauern. Aber es könnte reichen für einen letzten Anlauf Richtung Olympia.

          Alma Bestvater hat viel investiert in dieses Ziel. Die Boulderspezialistin stieß 2018 in die Weltklasse vor mit zwei Finalteilnahmen im Weltcup. Im Winter darauf stellte sie das Training um, begann, sich mit Bundestrainer Urs Stöcker auf den olympischen Dreikampf vorzubereiten, die Kombination aus Bouldern (Klettern in Absprunghöhe), Lead (Klettern mit Seil) und Speed (Klettern einer festen Route auf Zeit). Eine zeitintensive Angelegenheit. „Ich bin davor noch nie Speed geklettert“, sagt sie. „Aber ich hab’s mir schlimmer vorgestellt.“ Sie wurde die erste Deutsche, die die Standardroute unter 10 Sekunden schaffte – was auch damit zu tun hatte, dass die Disziplin zuvor nicht sehr beliebt war hierzulande.

          Inzwischen hat Alma Bestvater den deutschen Rekord auf 8,6 Sekunden verbessert. „Alma hat sich im Speed sehr gut entwickelt, unter den Kombinierern zählt sie zu den Top Ten der Welt“, sagt Stöcker. Das Problem ist das Seilklettern. „Da hat sie noch riesiges Potential“, sagt Stöcker. Aber da steckt Alma Bestvater auch in der gleichen Zwickmühle wie alle anderen Spitzenkletterer: Wer in drei Disziplinen Weltspitze sein will, muss Kompromisse machen, Prioritäten setzen, starke und schwache Disziplinen bestmöglich austarieren. Bei der EM in Moskau wird nur noch ein Startplatz für Olympia vergeben.

          Den Qualifikationswettkampf im November in Toulouse (Frankreich), zu dem die besten 20 Kletterer im Weltcup antreten durften, hatte Alma Bestvater knapp verpasst. „Sie hat realistische Chancen“, sagt Stöcker, der sie am Stützpunkt in München betreut. „Sie ist nicht eine der Top-Favoritinnen, aber das kann mental ein Vorteil sein.“ Zudem trainiert eine ihrer Konkurrentinnen um den Tokio-Platz, die Serbin Stasa Gejo, in München. „Da hat sie einen gewissen Gradmesser“, sagt Stöcker, „und die beiden können sich gegenseitig pushen.“

          Für Alma Bestvater war Olympia „immer ein riesiges Ziel“, und das ist es noch immer. „Solange ich es irgendwie schaffen kann, werde ich daran festhalten. Aber letztendlich hängt es davon ab, wann die EM stattfindet und ob ich fit bin.“ Und natürlich davon, ob Olympia 2021 in Tokio überhaupt stattfinden kann. Es sind merkwürdige Zeiten, auch für Spitzensportler, Zeiten, in denen man vieles nicht selbst in der Hand hat. „Die Ziele sind ein bisschen verlorengegangen“, sagt Alma Bestvater. „Als Sportler trainiert man sonst ja immer auf etwas hin, der Trainingsplan ist auf den Tag ausgerichtet, an dem ich Höchstleistung bringen muss.“ Jetzt sind da vor allem Fragezeichen.

          Und wenn es also nichts mehr wird mit dem Olympia-Traum in Tokio? Ein neuer Anlauf 2024 in Paris? Dort sollen dann zwei Medaillen verteilt werden im Klettern, eine im Speed, eine in einer Kombination aus Bouldern und Lead. „Aber dafür müsste ich immer noch zwei Disziplinen intensiv trainieren“, sagt Alma Bestvater. Und das wieder drei Jahre lang. Wie viel Zeit, Energie und Kraft das kostet, hat sie jetzt erfahren. „Ich könnte mir auch vorstellen, mich auf die Boulder-Weltcups zu fokussieren und die andere Hälfte des Jahres fürs Felsklettern zu nutzen.“ Denn der Fels kommt arg kurz in der Wettkampfsaison, zu unterschiedlich sind die körperlichen Anforderungen. „Ich finde das Ziel Olympia immer noch sehr reizvoll“, sagt Alma Bestvater. „Aber die andere Seite auch.“ Jetzt ist für sie erst mal wichtig, dass sie wieder klettern kann. Und die Achterbahnfahrt ein Ende hat.

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