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Entscheidung des IOC : Russisches Olympia-Team darf mit Einschränkungen nach Rio

IOC-Präsident Thomas Bach Bild: AFP

Der Chef duckt sich weg: Bei Olympia in Rio wird eine russische Mannschaft am Start sein. Staatliches System-Doping reicht nicht für einen kompletten Bann. IOC-Präsident Thomas Bach reicht das Problem an die Verbände weiter.

          Eine russische Mannschaft, hinter einer russischen Flagge, wird am 5. Juni zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro einlaufen. Sollte ein Mitglied dieser Mannschaft eine Goldmedaille gewinnen, wird in Rio die russische Fahne gehisst und die russische Nationalhymne gespielt werden. Dies hat die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) am Sonntag in einer Telefonkonferenz beschlossen (Lesen Sie hier die Entscheidung des IOC im Wortlaut).

          Christoph Becker
          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Zu einem kompletten Bann Russlands konnten sich die führenden Olympier nicht entschließen. Allerdings müssen die Athleten, die vom Russischen Olympischen Komitee (ROC) für die Spiele nominiert werden, eine Anti-Doping-Prüfung durch die Weltverbände ihrer Sportarten bestehen, deren Ergebnis einer Prüfung durch Schiedsrichter des Obersten Sportgerichtshofes (Cas) unterliegt. Keine zwei Wochen vor der Eröffnung müssen die Föderationen also ein grundlegendes Programm zum individuellen Doping-Check auflegen; er soll auf den Resultaten internationaler Tests basieren. Russische Athleten, die jemals positiv auf Doping getestet wurden, sind keinesfalls zugelassen, auch wenn sie ihre Strafe verbüßt haben. Außerdem soll die Identität aller Sportler geklärt werden, von denen positive Tests unterschlagen wurden.

          Umgekehrte Unschuldsvermutung

          Das russische Sportsystem muss nicht die vollen Konsequenzen tragen aus dem systematischen und flächendeckenden Staats-Doping, das von 2011 bis 2015 mit krimineller Energie betrieben und vertuscht wurde und das in der Manipulation von mehr als hundert Doping-Proben bei den Winterspielen 2014 in Sotschi gipfelte. IOC-Präsident Thomas Bach erklärte in einer Telefon-Pressekonferenz, dass die russischen Sportlerinnen und Sportler kollektiv verantwortlich gemacht würden für die Manipulationen; die Unschuldsvermutung werde umgekehrt.

          Zugleich aber respektiere das IOC, dass jedem einzelnen Athleten das Recht zustehe, angehört zu werden und seine Unschuld zu beweisen. „Am Ende des Tages muss man den betroffenen Athleten in die Augen schauen können“, sagte Bach. Die entscheidende Frage sei gewesen: „Wie weit kann man individuelle Athleten für das Scheitern, um das Mindeste zu sagen, für die Manipulationen verantwortlich machen?“ Es sei nicht darum gegangen, Erwartungen zu erfüllen, sondern saubere Athleten zu schützen.

          In Russland wurde die Entscheidung begeistert begrüßt, die Funktionäre gingen gleich wieder zum Angriff über. „Das ist eine rechtmäßige Lösung“, erklärte der Chef des Sportausschusses im russischen Parlament, Dmitri Swischtschjow. „Aber solche Entscheidungen sollten nicht nur in Bezug auf russische Athleten, sondern auf Sportler in der ganzen Welt getroffen werden. Dann wäre das Problem Doping endgültig ausgerottet“, sagte er der Agentur Tass zufolge in Moskau. Auch der Sportfunktionär Schamil Tarpischtschew, Chef des russischen Tennisverbands, nannte den Schritt des IOC „zufriedenstellend“. Russland versprach, nicht gegen den Ausschluss von Doping-vorbestraften Athleten vor den Cas zu ziehen. Dieser hat grundsätzlich gegen lebenslange Sperren geurteilt, die Erfolgsaussichten wären gut gewesen.

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