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Karateka Wael Shueb : Bei Olympia wie im Himmel

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„Ich habe das Gefühl, dass ich meine Botschaft vermittelt habe“: Wael Shueb Bild: AFP

Bei den Olympischen Spielen anzutreten und seine Sportart Karate zu präsentieren, das war für Wael Shueb ein lang gehegter Traum. In Tokio erfüllt er sich für den Syrer tatsächlich.

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          Der Schritt auf die Tatami war für Wael Shueb nicht nur einer auf die ganz große Bühne; der 33-Jährige empfand ihn als einen „in den Himmel“. Bei den Olympischen Spielen in Tokio anzutreten und seine Sportart zu präsentieren, das war für den Syrer ein lang gehegter Traum gewesen. Dass dieser sich für ihn wirklich erfüllen würde, darauf hätte er kaum zu hoffen gewagt.

          Der Auftritt des Karateka am Freitag im Nippon Budokan, dem in einem Park voller zirpender Zikaden gelegenen Kampfsporttempel der japanischen Hauptstadt, war nicht von langer Dauer. Nach zwei Katas, wie die festgelegten Abfolgen von Hand- und Fußtechniken beim Duell gegen einen imaginären Gegner genannt werden, war für den mittlerweile in Rödermark heimisch gewordenen Flüchtling Schluss. Als Letzter seiner Gruppe erreichte er die zweite Runde nicht. Doch das war ihm wenig wichtig. „Ich habe das Gefühl, dass ich meine Botschaft vermittelt habe“, sagte er. Als Mitglied des Flüchtlingsteams des Internationalen Olympischen Komitees habe er zeigen wollen, dass er und seine Kollegen diese Chance verdienten. „Wir alle haben hart hierfür gearbeitet.“

          Erst vor vier Wochen kamen die Vertreter verschiedenster Sportarten aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen zusammen. Vorher hatten sie über die sozialen Medien erste Kontakte geknüpft. „Aber wir sind nicht nur ein Team, sondern eine Familie“, sagt Shueb. „Wir haben das Gefühl, dass wir uns schon sehr lange kennen. Jeder hat seine Geschichte, aber wir treffen uns in einem Punkt.“ Anfangs tauschten sie sich über ihre schweren Schicksale aus, führten tief gehende Gespräche. Während der Olympiatage zählten dann nur noch die Gegenwart und die Wettkämpfe.

          Nicht nur im Olympic Village hat Shueb sich in den vergangenen Wochen wohlgefühlt. In Japan, dem Land, in dem schon früh die ersten Spuren seiner Sportart zu finden waren, komme er sich wie in einem großen Dojo vor, einem Übungsraum für asiatische Kampfsportler. Die Umgangsformen, die man im Miteinander dort pflege, gehörten hier zum Alltag. Höflichkeiten wie das Verbeugen kennt der Besucher, seit er als Zwölfjähriger mit dem Training begann. Damals noch in seiner Heimat, die er verließ, weil er dort durch den Krieg keine Perspektiven mehr für sich sah. Im Spätsommer 2015 war Shueb nach langer Flucht schwer verletzt und traumatisiert in einem Auffanglager in Deutschland gelandet; Räuber in Ungarn hatten ihm Brüche im Gesicht zugefügt.

          Wenn er jetzt danach gefragt wird, welchem Land er sich zugehörig fühle, spielt Syrien für den früheren Nationalmannschaftskämpfer und WM-Teilnehmer keine Rolle mehr. Dort, wo man ihm geholfen hat, wo man an ihn glaubt, sieht er sich zu Hause, in seinem Verein Lotus Eppertshausen etwa. Nach Hessen wird er nun zurückkehren, mit vielen neuen Freundschaften zu besonderen Leuten im Gepäck. Denn die Flüchtlinge, sagt Shueb, seien „nicht normal“. Er sehe sehr viel Stärke in ihren Augen.

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