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Amerikaner JuVaughn Harrison : „Mr. Jumps“ springt hoch und weit

„Ich habe keine Präferenz“, sagt JuVaughn Harrison. Bild: AP

Hochsprung oder Weitsprung? Wer in die Weltspitze will, muss sich entscheiden. Eigentlich. JuVaughn Harrison macht bei Olympia beides – weil er es kann.

          3 Min.

          Er biegt seinen Oberkörper nach hinten, streckt seine Hüfte nach vorne. Sein rechter Arm nach oben, die Hand fast vor dem Gesicht. Der Arm stürzt runter gen Boden, wie eine Welle, die bricht und die Energie freisetzt. Er sprintet, fliegt, landet im Sand. Weitsprung.

          Stefanie Sippel
          Sportredakteurin.

          Er biegt seinen Oberkörper nach hinten, Arm nach oben, Arm nach unten, Sprint in der Kurve. Seine beiden Hände treffen sich kurz, eine flüchtige Bewegung. Die Arme neben dem Körper, hoch gen Himmel. Er fliegt über die Latte, er landet auf der Matte. Hochsprung.

          Sprint oder Hürden? Hammer oder Diskus? Weitsprung oder Hochsprung? Wer in die Weltspitze will, muss sich entscheiden. Eigentlich. JuVaughn Harrison will sich nicht entscheiden. Als Athlet der LSU Tigers and Ladytigers, eines amerikanischen Hochschulteams, in dem er bis vor Kurzem war, na gut. Aber bei den Olympischen Spielen? Harrison ist 22 Jahre alt und zwei Meter groß. Seit 109 Jahren ist er der erste Athlet, der für die Vereinigten Staaten in diesen beiden Disziplinen antritt.

          „Ich habe keine Präferenz“

          Sein Zeitplan für die Olympischen Spiele: Hochsprungqualifikation an diesem Freitag, Weitsprungqualifikation am Samstag. Finale im Hochsprung am Sonntag, in Tokio am Abend. Das Finale im Weitsprung am Montag am frühen Morgen. „Ich gehe abends duschen, und dann kann ich schlafen“, sagt Harrison in einem Podcast.

          Wenn er spricht, wirkt er so, als ob er all diese Szenarien schon hundertmal in seinem Kopf durchgegangen ist. Sein Blick bleibt fest. Nicht einmal für einen kurzen Moment streift ein verunsicherter Schimmer sein Gesicht. Harrison weiß, dass er anders ist. Auf die Frage, welche Disziplin er lieber mag, lächelt er nur milde. „Ich habe keine Präferenz. Das ist so, als ob ich mich zwischen zwei Kindern entscheiden müsste.“

          2017, als er sein Studium an der Louisiana State University begann, war das anders. Harrison kam wegen seiner Hochsprungleistungen ins Leichtathletik-Team. Zur Abwechslung sprang er ab und an weit statt hoch. Weitspringer sind schnelle Sprinter, nicht wenige laufen in der Staffel. Absprung und Sprungtechnik beider Disziplinen sind unterschiedlich. Zwei Bewegungsabläufe auf so hohem Level zu perfektionieren ist ungewöhnlich. „Als Springer horizontal und vertikal zu springen ist sehr herausfordernd. Es ist eine große Aufgabe, in beiden stark zu bleiben. Aber ich weiß, dass es möglich für mich ist – das lässt mich weitermachen“, sagt Harrison.

          Auf dem Campus wohnte Harrison mit Mondo Duplantis, dem Weltrekordhalter im Stabhochsprung, zusammen. 2018 gewannen Duplantis und seine beiden anderen Mitbewohner, Damion Thomas, Hürdenläufer, und Jake Norris, Hammerwerfer, Gold bei der U-20-Weltmeisterschaft in Tampere, Finnland. Bei einem Interview im Stadion damals trägt er einen blauen Trainingsanzug, einen Rucksack und zwei goldene Halsketten. Seinen Mund umspielen Fältchen, er presst seine Lippen aufeinander. „Ich habe es nicht ins Finale geschafft“, sagt er nach dem Weitsprung. Drei Tage später. Er fährt sich mit der Zunge über die Lippen, lächelt. „Es ist das erste Mal, dass ich eine Medaille gewinne, ich bin sehr glücklich.“ Bronze für Harrison im Hochsprung.

          Booster fürs Selbstvertrauen

          Sein Coach Todd Lane witzelte, er könne seine Medaillen nicht neben die Goldmedaillen der anderen hängen. Der Zeitung The Advocate, einer Lokalzeitung aus Lousiana, sagte Lane: „Das war ein Booster für sein Selbstvertrauen. Es hat ihm gezeigt, dass er das auf der großen Bühne machen kann.“ Dass die Bühne so groß werden würde, erwartete noch niemand: Ein Jahr zuvor, in seinem ersten Studienjahr, war seine Leistung nicht konstant, in den großen Meetings konnte er seine Höhen nicht immer abrufen. „Da hat’s nicht geklickt“, sagt Harrison.

          Athletinnen und Athleten arbeiten Jahre daran, ihren Anlauf, den Absprung, die Landung zu verbessern. Harrison muss parallel arbeiten. Weil er beide Disziplinen beherrscht, wird er schon mit dem Sport-Multitalent Jim Thorpe verglichen. Thorpe gewann 1912 in Stockholm den Fünfkampf und den Zehnkampf. Später war er als Football-Spieler eine Legende und ein tragischer Held. Seine Goldmedaillen wurden ihm aberkannt, weil das Internationale Olympische Komitee herausfand, dass Thorpe vorher für kurze Zeit Baseball gespielt hatte. Vergessen die Konfetti-Parade, mit der er in New York gefeiert worden war.

          Zwei in eins

          So weit ist Harrison noch nicht. Aber er hat schon einige Bestzeiten aus den Angeln gehoben. Er ist der erste Mann in der Geschichte, der 8,40 Meter weit springen kann und 2,30 Meter hoch. In Videos auf Youtube und in Zeitungen wird er „Mr. Jumps“ genannt. Wer, wenn nicht er, könnte diesen Namen tragen?

          Manche springen weiter, andere höher, wie zum Beispiel sein alter Zimmernachbar Duplantis – doch keiner vereint wie er zwei Sprungdisziplinen in einer Person. Die überregionale Presse hat Harrison bisher wenig beachtet, auf Youtube ist er zu einem kleinen Phänomen geworden. „This is getting ridiculous – das wird langsam irre“ ist ein Video betitelt. Auf dem ersten Bild eines anderen Videos ein riesiges: „HOW?!“ Wie macht er das?

          Im Jahr 2019 gewann Harrison bei den NCAA-Meisterschaften den Hochsprung und den Weitsprung. Im März des folgendes Jahres: das Gleiche in der Halle. Mitte Juni, wieder im Freien: noch einmal. Auch 2021 gewann er beide Disziplinen. U.S. Olympic Trials, Juni diesen Jahres, Qualifikationswettbewerbe für die Olympischen Spiele. Letzter Tag, Harrison fliegt über die Latte: 2,33 Meter, Gold. Harrison springt in den Sand: 8,47 Meter, Gold. Bestleistung im Weitsprung. Harrison verkündet: Er wird professioneller Athlet und verlässt die LSU. Bei den Olympischen Spielen wird er wohl keine Siegchancen haben. Aber er ist sich sicher: „Egal, was passiert, ich werde immer beides machen.“

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