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Judoka Mollaei als Botschafter : Silber „als freier Mensch“

Zwei Sieger: Goldmedaillengewinner Takanori Nagase (l.) und der für die Mongolei kämpfende Saeid Mollaei Bild: Reuters

Der aus Iran geflüchtete Judoka Mollaei verliert zwar das Finale, gewinnt aber Silber „als freier Mensch“ für die Mongolei. Der deutsche Ressel zeigt einen starken Kampftag, bekommt aber Bronze nicht zu fassen.

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          Am Ende des Kampfes um Bronze lagen Sieger und Besiegter auf dem Rücken einträchtig nebeneinander und hielten sich jeweils beide Hände an den Kopf. Eine synchrone Geste des Nicht-Verstehens. Der Deutsche Dominic Ressel konnte nicht glauben, dass er in der Klasse bis 81 Kilogramm an Bronze vorbei gegriffen hatte. Der österreichische Außenseiter Shamil Borchashvili war fassungslos, dass ihm der größte Erfolg seines Sportlerlebens gelungen war.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Nach dem Kampf um Gold gab es ebenfalls ungewohnte Szenen, denn es jubelten beide Lager. Die Gastgeber freuten sich mit ihrem Landsmann Takanori Nagase, der  unerwartet Olympiasieger geworden war. Doch von seinem Trainer auf den Schultern durch die Halle getragen wurde der Zweitplazierte, der für die Mongolei startende gebürtige Iraner Saeid Mollaei. „Als freier Mensch kannst du erreichen, was du willst“, sagte der 29-Jährige nach der Siegerehrung: „das ist meine Botschaft“.

          Der Weltmeister von 2018 war nach der WM 2019 aus seinem Heimatland Iran geflüchtet, weil er sich trotz des politischen Drucks  geweigert hatte, auf einen möglichen Kampf gegen den Israeli Sagi Muki zu verzichten. Aus einem sportlichen Volkshelden wurde so ein vermeintlicher Volksverräter, denn es gehört zur Staatsräson des Regimes in Teheran, nicht gegen israelische Sportler anzutreten. Nach seiner Flucht lebte und trainierte der Judoka zunächst in Deutschland, ehe er die mongolische Staatsbürgerschaft erhielt.

          Beide am Boden, beide greifen sich an den Kopf: Verlierer Ressel (weiß) kann es nicht fassen, Sieger Borchashvili (blau) auch nicht
          Beide am Boden, beide greifen sich an den Kopf: Verlierer Ressel (weiß) kann es nicht fassen, Sieger Borchashvili (blau) auch nicht : Bild: AFP

          Dominic Ressel hatte schon nach 13 Sekunden des kleinen Finales nach einem Schleuderwurf scheinbar geschlagen auf dem Rücken gelegen. Doch nach Videobeweis wurde der Ippon in Waza-Ari umgewidmet. Eine mittlere Wertung als Weckruf. Dennoch kam Ressel auch danach nicht in den Kampf und geriet in einen Haltegriff, aus dem er sich nicht befreien konnte. Aus der Traum von der Medaille.

          Sein Bezwinger weinte danach in den Armen seiner deutschen Trainerin Yvonne Bönisch, die selbst 2004 Judo-Olympiasiegerin war. Der ursprünglich aus Tschetschenien stammende Shamil Borchashvili lebt seit Kindertagen in Oberösterreich und gilt gemeinsam mit seinen Brüdern Wachid und Kimran als Stütze des örtlichen Judoklubs Multikraft Wels. Von einer Olympiamedaille hatte er nicht zu träumen gewagt.

          Der 27-jährige Ressel dagegen schon. Er hatte den späteren Olympiasieger Nagase im Viertelfinale am Rande einer Niederlage, ehe er dem Japaner nach Videobeweis im Golden Score unterlag. Er hatte den WM-Dritten Frank de Wit (Niederlande) besiegt und sich gegen den Russen Alan Chubezow über die Trostrunde zurück in Medaillennähe gekämpft – um sie dann gegen den scheinbar leichtesten Gegner aus den Händen gleiten zu lassen.

          Die Fallhöhe bei Mollaie war höher: „Ich habe mein Land verloren“, sagte.  Doch er hat auch eine neue Heimat gefunden. Für die Mongolei gewann er Silber – und das „als freier Mensch“.

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