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IOC zieht Konsequenzen : Zwei Belarussen verlieren Akkreditierung

Kristina Timanowskaja, Sportlerin aus Belarus, ist mittlerweile in Polen angekommen. Bild: dpa

Das IOC greift im Fall Timanowskaja durch. Zwei belarussische Trainer müssen nun Tokio verlassen. Derweil berichtet die Sprinterin, dass ein Anruf ihrer Großmutter sie gewarnt habe.

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          Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat im Fall der nach Polen gereisten Sprinterin Kristina Timanowskaja erste Konsequenzen gezogen. Cheftrainer Juri Moissewitsch und Artur Schumak, dem stellvertretenden Leiter des Trainingszentrums für belarussische Leichtathleten, sei die Olympia-Akkreditierung entzogen worden, sagte IOC-Präsident Thomas Bach auf einer Pressekonferenz in Tokio am Freitag. Damit sei der Fall, Timanowskaja wirft dem belarussischen NOK einen Kidnapping-Versuch vor, nicht abgeschlossen, sagte Bach. Das IOC hatte eine formale Untersuchung durch seine Disziplinarkommission eingeleitet.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          Nach der Niederschlagung des demokratischen Protests infolge der Präsidentschaftswahlen im August 2020 und der staatlichen Repression auch von zahlreichen Sportlern hatte das IOC bereits im vergangenen Herbst Maßnahmen gegen Diktator Alexandr Lukaschenko ergriffen, der bis dahin auch Präsident des Nationalen Olympischen Komitees von Belarus war. Auch die Übergabe des Amts an seinen Sohn Viktor erkennt das IOC nicht an, beide sind von allen olympischen Aktivitäten ausgeschlossen. Die Disziplinarkommission werde den Umgang mit Timanowskaja weiter untersuchen „und ihre Schlüsse ziehen“, sagte Bach am Freitag.

          Das belarussische NOK kündigte an, sich das Recht vorzubehalten, Widerspruch gegen den Entzug der Akkreditierungen einzulegen. Kristina Timanowskaja, der von Polen ein humanitäres Visum angeboten wurde und die sich nun im Nachbarland aufhält, hatte am Donnerstag aus Warschau gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters gesagt, ihre Großmutter habe sie mit einem Anruf gewarnt, während sie aus dem olympischen Dorf zum Flughafen gebracht wurde. Demnach habe sie damit rechnen müssen, in Belarus in die Psychiatrie eingewiesen zu werden. Daraufhin habe sie sich auf dem Tokioter Flughafen Haneda in Polizeiobhut begeben.

          Das belarussische NOK hatte die Abreise von Timanowskaja aus Tokio mit psychischen Problemen zu begründen versucht. In einer Aufnahme eines Gesprächs zwischen Schumak, Moissewitsch und Timanowskaja, mutmaßlich im olympischen Dorf aufgenommen und von der in Riga ansässigen Plattform Meduza unter Verweis darauf transkribiert, dass die Authentizität von Timanowskaja nicht bestätigt sei, sagt die Schumak zugeordnete Stimme: „Folgende Instruktion ist eingegangen: Du fliegst nach Hause. Von dir wird viel verlangt: Du kommst nach Hause, du schreibst nirgends irgendetwas, du gibst keine Stellungnahmen ab. Du bekommst das alles schriftlich von mir, Wort für Wort, alles, was sie mir gesagt haben, damit später nichts passiert. Wenn du noch mal für die Republik Belarus starten willst, dann hör zu, was sie dir empfehlen.“ Die beiden Funktionäre empfehlen ihr weiter, sie solle ihren Stolz beiseiteschieben und sich in die Anweisungen fügen, ansonsten könnte es ihr „leider wie Selbstmördern“ ergehen.

          „Ich wollte um Medaillen laufen“

          Timanowskaja hatte sich ursprünglich in sozialen Netzwerken darüber beschwert, dass sie für die 4×400-Meter-Staffel aufgestellt worden war, obwohl sie Kurzstreckensprinterin ist.

          In Warschau angekommen, hatte die 24 Jahre alte Leichtathletin darauf verwiesen, dass sie ursprünglich nicht zu jenen Sportlern gehört hatte, die im vergangenen Jahr gegen Lukaschenko und sein Festhalten an der Macht auf die Straße gegangen waren. „Ich bin Sportlerin, ich verstehe nichts vom politischen Leben. Ich habe mich von der Politik immer ferngehalten, ich habe keine Briefe unterschrieben, ich habe nichts gegen die Regierung gesagt. Ich wollte um Medaillen laufen.“ Allerdings sei sie auch keine Person, die Angst habe. „Sie denken, dass wir Angst haben, zu handeln, dass wir Angst haben, zu reden, Angst haben, der Welt die Wahrheit zu sagen. Aber ich bin nicht ängstlich.“

          Dass sich Alexandr Lukaschenko weiter im Detail dem Sport in seinem Land widmet, beweist die fortlaufende Berichterstattung der staatlichen Nachrichtenagentur BelTA in diesen Belangen. Ein Beispiel: Am 4. Mai habe Lukaschenko ein Arbeitstreffen mit dem NOK-Präsidenten, seinem Sohn, einberufen. Es seien mit Blick auf Tokio folgende Fragen diskutiert worden: „Wie ist die Situation? Wie viele Athleten sind qualifiziert? Sind unsere Athleten bereit für Olympia?“ Welche Antworten Viktor Lukaschenko gab, berichtete zu jenem Zeitpunkt die Agentur nicht. Am 9. Juli hieß es vom Diktator, jeder Erfolg eines Sportlers sei nicht nur ein persönlicher Erfolg, sondern ein Sieg gegen die Gegner seines Staates. 101 belarussische Sportler waren nach Tokio gereist, sie haben bislang fünf Medaillen gewonnen.

          Ende vergangener Woche dann zitierte BelTA ausführlich, wie erzürnt Lukaschenko über die aus seiner Sicht ungenügenden Leistungen zu satter Athleten ist. Während Minderleistungen im Fußball vor allem auf die Ehefrauen der Spieler zurückzuführen seien, die auf ihre iPhones starrten, während sie der rot-weiß-roten Opposition zujubelten, trügen am olympischen Versagen vor allem die Trainer die Schuld.

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