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Gold für den Doppelvierer : Mit der Kraft des Untergangs

  • -Aktualisiert am

Jubel zu Wasser Bild: dapd

Dem WM-Trauma von 2011 lässt der Doppelvierer eine Demonstration bei Olympia folgen: Die Goldfahrt wird zu einer Wiedergutmachung. Marcel Hacker dagegen wird im Einer Letzter.

          3 Min.

          Dieses Bild sagte alles: Karl Schulze im Bug des deutschen Doppelvierers stand auf und spannte seine Armmuskeln an wie ein Gorilla. Zwei Plätze weiter erhob sich Lauritz Schoof, beugte sich zu Schulze hinüber und umarmte ihn. Die beiden anderen blieben sitzen: Philipp Wende und Schlagmann Tim Grohmann genossen den Moment des Triumphs für sich.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Wie ein Scherenschnitt trieb das Boot auf dem Wasser des Dorney Lake, es war eine Schlussaufstellung, vor der auch erst einmal der Vorhang hätte fallen können. Das Happy End einer dramatischen Geschichte, die vier deutsche Ruderer ein Jahr lang verfolgt und angetrieben hat und die beweist, dass man alles, was geschieht, immer erst vom Ende aus beurteilen kann.

          Am Freitag, dem Tag des Gold-Triumphs für den deutschen Doppelvierer, wurde klar, welchen Antrieb es bedeuten kann, schon einmal grandios gescheitert zu sein. Und nur eine Stunde später zeigte sich am Beispiel Marcel Hackers, dass manchmal auch alle Mühe vergeblich ist. Der 35 Jahre alte Einer-Veteran, der endlich sein olympisches Halbfinal-Trauma überwunden hatte, wurde, beeinträchtigt vom Seitenwind, Sechster und damit Letzter.

          „Nach dem letzten Jahr ist das die Revanche“, sagte der Dresdner Karl Schulze, noch dampfend von der Anstrengung des Rennens. Bei der Weltmeisterschaft 2011 war der Vierer in der gleichen Besetzung am Start gewesen wie jetzt in Eton. Er führte im Endlauf bis kurz vor der Ziellinie – doch dann fing der Rendsburger Lauritz Schoof einen Krebs. Darunter verstehen Ruderer einen technischen Fehler, der das Boot aus dem Gleichgewicht bringt und radikal abbremsen kann.

          „Es war wie ein Donnerschlag“, beschrieb Schoof den Moment. Der Vierer hatte sich im Schlussspurt in voller Fahrt befunden, in der zweitschnellsten Bootsklasse nach dem Achter sind das etwa 25 Kilometer pro Stunde, und plötzlich verlor er allen Speed, Australien schoss vorbei, und der Titel war weg. Das Quartett, gerade noch im Tunnel der letzten Meter, erlitt einen bösen Schock, Schoof verfolgte der schwarze Moment in den folgenden Monaten wie ein Gespenst.

          Freude an Land

          Im Finale auf dem Dorney Lake von Eton haben sich die vier doppelt und dreifach zurückgeholt, was damals verlorenging. Sie gewannen souverän die Goldmedaille. Es war ein nie gefährdeter Start-Ziel-Sieg, den sie sich dank ihrer physischen Kraft erkämpften, aber auch dank ihrer technischen Stärke, die sie im vergangenen Jahr perfektioniert haben.

          „Ich glaube, dass sich das Malheur vor allem auf das Training ausgewirkt hat“, sagte Cheftrainer Hartmut Buschbacher am Tag des Triumphs. „Sie haben sich darauf konzentriert, sauber zu rudern – besonders der Kollege Nummer drei.“ Auf dem dritten Rollsitz von vorne rudert Lauritz Schoof, der Unglücksrabe von Bled. Ruder-Fachmann Buschbacher fand: „Das war absolute Synchronität und Harmonie.“ Kroatien, der härteste Rivale, hatte keine Chance anzugreifen, denn als der Moment dazu günstig gewesen wäre, etwa 500 Meter vor dem Ziel, hatten die Deutschen ihren Endspurt schon begonnen.

          „Einfach weiter, immer weiter“

          „Das war der Knackpunkt“, sagte der Dresdner Tim Grohmann. Als das Ziel nur noch 300 Meter entfernt war, war Grohmann überzeugt: „Wenn wir jetzt nicht wieder was falsch machen, können wir es schaffen. Und Schoof gelang es, seine Gefühle abzuschalten. „Einfach weiter, immer weiter“, habe er sich gesagt. Und diesmal zogen sie wie ein Mann, bis das Gold mit mehr als einer Länge Vorsprung vor Kroatien und Australien gewonnen war.

          24 Jahre alt ist das Quartett im Schnitt – ihm gehört die Zukunft. Der 35 Jahre alte Marcel Hacker dagegen dürfte bald ein Stück bunte Ruder-Geschichte sein. Der letzte Finalplatz mit mehr als zwölf Sekunden Rückstand auf den Olympiasieger Mahe Drysdale aus Neuseeland spiegelt aber nicht das ganze Drama wider. Wegen starken Seitenwinds hatte die sogenannte Fairness-Kommission die Bahnverteilung kurzfristig noch einmal geändert – die ungünstigste Bahn sechs wurde Hacker wegen der schwächsten Vorleistungen zugewiesen.

          Stehvermögen bewiesen: der deutsche Doppelvierer

          „Ich habe noch gehofft, dass der Wind dreht“, sagte der für Frankfurt startende Magdeburger. Aber vergeblich. So konnte er zwar auf den ersten 500 Metern noch mit dem Feld mithalten, doch auf den mittleren Rennabschnitten fiel er hoffnungslos zurück. „Ich bin praktisch stehengeblieben“, sagte er. Mit 12,70 Sekunden Rückstand auf den Führenden erreichte er die Tribünen, die den Seitenwind von der Strecke abhielten – und fuhr auf den letzten 500 Metern Bestzeit. Und das nicht etwa, weil die Führungsgruppe das Rennen schon entschieden hätte, im Gegenteil, dort gab es einen harten Medaillenkampf.

          Silber ging an den Tschechen Ondrej Synek, der sich Drysdale nicht mehr schnappen konnte, Bronze an den Briten Alan Campbell, der vom Schweden Lassi Karonen bedrängt wurde. „Ich habe versucht, hinten raus einen grandiosen Endspurt zu fahren, um nicht Letzter zu werden“, sagte Hacker, der den Frust dieses Tages selbst noch nicht realisiert zu haben schien. „Ich habe alles in die Waagschale geworfen.“ Doch er konnte trotz allen Herzbluts selbst den Vorletzten, den Kasachen Aleksandar Aleksandrow, nicht mehr einholen. „Damit muss man leben“, sagte Hacker nur.

          „Ob Marcel dazugehören wird, ist die große Frage“

          Der Weltmeister von 2002 hat es nach zwei verkorksten Olympischen Spielen zwar endlich wieder geschafft, das Finale zu erreichen. Aber möglicherweise zu spät. Ob er ohne Wind-Handicap stark genug gewesen wäre für den Medaillenkampf, ist zweifelhaft. Nun steht seine Laufbahn im späten Herbst.

          Die finanzielle Absicherung seines Sportler-Daseins läuft aus, er wird den Schritt hinaus ins Leben abseits der Regatten machen müssen. „Wir müssen jetzt junge Leute in den Kleinbooten aufbauen“, kündigte Cheftrainer Buschbacher an. „Ob Marcel noch dazugehören wird, ist die große Frage.“ Ein paar Tage Ruhe will der Familienvater sich gönnen, und dann konkrete Pläne entwickeln. Eines aber steht schon jetzt fest: Die deutsche Einer-Szene sieht einer ruhigeren Zukunft entgehen.

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