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Deutsche Olympia-Fußballer : Hrubeschs spätes Olympia-Gefühl

Fußball spielt bei Olympia keine große Rolle. Trainer Horst Hrubesch hat trotzdem ein klares Ziel: eine Medaille. Bild: dpa

Während Brasilien mit Superstar Neymar den Olympiasieg anpeilt, reist die deutsche Mannschaft mit einem zusammengewürfelten Team an. Trainer Horst Hrubesch hatte keine Zeit zur Vorbereitung - und hofft dennoch für heute Abend auf einen Sieg gegen Mexiko.

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          Olympia ruft die „Jugend der Welt“. Es kommt ein junger Rentner. Kaum war er gelandet in Brasilien, schwärmte der 65-jährige Horst Hrubesch von jenem „Olympia-Feeling“, von dem ihm schon andere ältere Semester erzählt hatten, wie die Zehnkämpfer Willi Holdorf und Jürgen Hingsen. Oder der alte Fußballkollege Frank Mill. Dieses olympische Gefühl erwischte ihn im Flug - als der Trainer und sein Team mit Athleten aus vielen anderen Ländern und Sportarten im Jet nach Rio saßen. „Du schaust dich um und siehst das norwegische Handballteam der Frauen, chinesische Tischtennisspielerinnen, deutsche Reiterinnen, irische Sportler“, sagte er. „Alles querbeet und kunterbunt - klasse.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Von Rio aus, wo die anderen Sportler ausstiegen, ging es für die Fußballer 1200 Kilometer weiter nach Salvador. Dort beginnt an diesem Donnerstag um 22 Uhr deutscher Zeit (live im ZDF und F.A.Z.-Liveticker ) die erste Olympia-Mission deutscher Fußballer seit 28 Jahren - gegen Mexiko, den Gewinner des letzten olympischen Turniers 2012 in London. Für Hrubesch wird dieses Fußball- zum Puzzlespiel. Denn der beliebteste Sport der Welt ist beim größten Sportfest der Welt nur ein kleingehaltenes Anhängsel - eines, das auf keinen Fall den Geschäftsinteressen der Fifa und der großen Ligen und ihrer Klubs in die Quere kommen soll. Mit dem Resultat, dass Hrubesch so gut wie nichts planen konnte für das Turnier.

          Anders als bei Welt- oder Europameisterschaften dürfen bei Olympia nur Spieler bis 23 Jahre antreten; lediglich drei Plätze im Team sind für Ältere vorgesehen (bei den Deutschen Stürmer Nils Petersen und die Bender-Zwillinge). Und anders als bei „richtigen“ Länderspielen gibt es bei Olympia keine Abstellungspflicht für Klubs. So musste DFB-Sportdirektor Hansi Flick wie ein Handelsvertreter durch Deutschland tingeln und die Bundesliga-Bosse überreden, ihre Profis aus der Saisonvorbereitung heraus nach Brasilien reisen zu lassen.

          Der Erfolg war bescheiden. Weil der Verband zugestand, weder Vereinswechsler (wie den Neu-Leipziger Timo Walter) noch EM-Teilnehmer (wie den dabei gar nicht eingesetzten Dortmunder Julian Weigl) für Olympia zu nominieren und pro Klub nicht mehr als zwei Profis auszuwählen, kam nach zähen Verhandlungen ein Kader heraus, für den „Kompromiss“ ein Kompliment wäre. Neben Jungstar Julian Brandt und Weltmeister Matthias Ginter finden sich darin auch weitgehend Unbekannte wie der Karlsruher Grischa Prömel oder, auf Abruf, der fünfte Bremer Torwart Eric Oelschlägel.

          Jungstar Julian Brandt ist nach zähen Verhandlungen um den Olympia-Kader in Rio mit dabei.
          Jungstar Julian Brandt ist nach zähen Verhandlungen um den Olympia-Kader in Rio mit dabei. : Bild: dpa

          Etwas genervt vom Hin und Her um das zusammengewürfelte Team, mit dem er vor dem Auftakt in Salvador nur sechs Trainingseinheiten und kein einziges Testspiel absolvieren konnte, zeigte sich Hrubesch vor der Abreise „ein bisschen enttäuscht, dass dieses Turnier nicht die Würdigung und Bedeutung erfährt wie in anderen Sportarten“. Er forderte für die Zukunft eine (nicht sehr realistische) Abstellungspflicht für Olympia. Andererseits hat das frühere „Kopfballungeheuer“ auch als Spieler nie gejammert. Und so fängt Hrubesch, der seit diesem Jahr offiziell Rente bezieht, auch bei seinem letzten Job namens Olympia nicht das Klagen an.

          „Wir wollen eine Medaille“

          Für ihn „ist nun eben die Vorrunde unsere Vorbereitung“ - in der die weiteren Gegner Südkorea und Fidschi heißen. Hrubesch verspricht eine „schlagkräftige Mannschaft“, deren Qualität „trotz der schwierigen Nominierung absolut top“ sei. Die klare Zielsetzung: „Wir wollen eine Medaille.“ Damit verbunden, wollen sie auch ins „richtige“ Olympia umziehen, von Salvador aus ins Olympische Dorf in Rio, und dort „die Abschlussfeier mitmachen“, so der Trainer. „Dafür müssen wir mindestens ins Halbfinale kommen. Das ist realistisch.“ Darin könnte es zum großen Duell mit dem Gastgeber kommen, bei dem Superstar Neymar sogar auf die „Copa América“, die Südamerikameisterschaft, verzichtet hat, um Brasilien erstmals zum Olympiasieger im Fußball zu machen. Hrubesch hätte nichts dagegen, „im Halbfinale im Maracanã gegen Brasilien vor 80.000 zu spielen“.

          Brasilien will endlich Olympiagold und holt sich dafür sogar Superstar Neymar in die Mannschaft.
          Brasilien will endlich Olympiagold und holt sich dafür sogar Superstar Neymar in die Mannschaft. : Bild: AP

          2008 führte er die deutsche U19 zum EM-Sieg, ein Jahr später auch die U21 mit den späteren Weltmeistern Neuer, Hummels, Boateng, Höwedes, Khedira, Özil. Vor drei Jahren übernahm Hrubesch die U21 abermals und schaffte mit ihr die Qualifikation für Olympia - als erste deutsche Mannschaft seit der, die 1988 in Seoul Bronze gewann. Damals hatte die Fifa nach der Öffnung der Spiele für Profis eine Konkurrenz durch das olympische Turnier für die WM verhindern wollen und deshalb nur die Teilnahme von Spielern erlaubt, die zuvor noch keine WM gespielt hatten. So kam es im deutschen Team zum damals üblichen Mix aus wenigen jungen Talenten (wie den späteren Weltmeistern Klinsmann und Häßler) und vielen altgedienten Profis ohne die ganz große internationale Klasse, wie Bommer, Fach oder Kleppinger.

          Seit den neunziger Jahren gilt das aktuelle Ausschlusskriterium, die Altersbeschränkung. Für Trainer gilt sie natürlich nicht, aber Hrubesch hat trotzdem bald genug. Na gut, so bald auch wieder nicht - der Übertritt des Rentners in den Ruhestand soll nicht vor dem 20. August erfolgen, dem Tag des Endspiels. Mit dem sechsmaligen Tischtennis-Europameister Timo Boll hat er dafür eine Absprache getroffen: „Wir werden unsere Finals gegenseitig besuchen, wenn wir es dorthin schaffen.“ Um es bis zum letzten Tag auszukosten, das späte „Olympia-Feeling“.

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