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Frauensport in Saudi-Arabien : Die vier Verschwiegenen

  • -Aktualisiert am

Sarah Attar startete 2012 für Saudi Arabien bei den 800 Meter Läufen. Dieses Jahr läuft sie Marathon. Bild: Reuters

In Rio gibt es wieder reine Männerteams – Saudi-Arabien aber nominiert trotz strenger Frauenpolitik ein Sportlerinnen-Quartett. Offiziell genannt wird es nicht. Wie reagiert das IOC?

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          Zeigen sie ihr Gesicht - oder zeigen sie es nicht? Das war vor vier Jahren die Frage kurz vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London. Es ging um die beiden Sportlerinnen, die für Saudi-Arabien ins Stadion einmarschieren sollten, die Judokämpferin Wojtan Sharkhani und die 800-Meter-Läuferin Sarah Attar. Und tatsächlich: Ihre Körper waren von oben bis unten schwarz verhüllt, aber die beiden liefen winkend durch das Stadionrund - hinter ihren männlichen Mannschaftskameraden her - und blickten selbstbewusst in die Kameras.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Heureka! Für das IOC der Beweis, dass angesichts der Anziehungskraft Olympischer Spiele sogar die finstersten Frauen-Unterdrücker weich werden. Erstmals gab es bei den Olympischen Spielen 2012 keine einzige Mannschaft mehr, die es sich erlaubte, ohne Frauen anzutreten. Der Belgier Jacques Rogge, der seine letzten Spiele als IOC-Präsident erlebte, konnte sich als ausgewiesener Kämpfer für die Frauenrechte im Sport vom hohen Amt verabschieden, so, wie er es sich vorgenommen hatte.

          Die Präsentation bei der Eröffnungsfeier war auch schon der glanzvollste Auftritt der beiden Frauen, die ohne jede sportliche Qualifikation in das Feld der 10 500 olympischen Athleten aufgenommen worden waren. Ihre Leistungen blieben naturgemäß kläglich: Die eine trödelte im Vorlauf eine Dreiviertelsekunde hinter der Siegerin her. Die andere hielt bei ihrem Vorkampf nur 82 Sekunden durch- und schon war sie wieder weg. Die ersten Spötter ließen nicht lange auf sich warten. Ob es hier eigentlich nur um Kosmetik gegangen sei? Um ein IOC-Schaulaufen zur Rogge-Beweihräucherung? Und hinterher, so war die allgemeine Überzeugung, bliebe in Saudi-Arabien ja doch alles wie bisher.

          Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 in London schreitet Sarah Attar winkend durch das Stadion.

          In Rio allerdings werden bereits doppelt so viele Athletinnen für das wahhabitische Königreich starten, also vier. Wieder hat keine von ihnen die sportlichen Qualifikationskriterien erfüllen können und müssen. Und drei aus dem Quartett leben nicht in Saudi-Arabien, sondern in den Vereinigten Staaten. Sie sind Studentinnen und genießen Freiheiten, die in der alten Heimat unmöglich wären. Sarah Attar ist wieder dabei - die inzwischen 23 Jahre alte Läuferin wagt sich an den Marathon.

          Joud Fahmy versucht sich im Judo - Klasse bis 52 Kilogramm. Kariman Abu al-Jadail will 100 Meter laufen. Nur die Fechterin Lubna al-Omair lebt in Saudi-Arabien, in Sa Khobar, im Süden. Uneingeschränkt stolz scheint das Saudische Olympische Komitee allerdings trotz seiner Fortschritte nicht auf sein Frauen-Quartett zu sein. Bei der offiziellen Präsentation vor ein paar Tagen wurden nur die Namen der sieben männlichen Olympia-Fahrer genannt. Aus Gründen der Sittsamkeit, wie Horam al-Qurashi, der Generalsekretär des Nationalen Olympischen Komitees, erklärte.

          Die Fernsehbilder von olympischen Sportlerinnen aus dem eigenen Land dürften in Saudi-Arabien also immer noch Aufsehen erregen - falls sie überhaupt gezeigt werden. Vor vier Jahren verunglimpfte ein Geistlicher die beiden Sportlerinnen sogar als „Prostituierte“. Aber inzwischen wurden einige Lockerungen in der strengen saudischen Frauenpolitik vollzogen.

          Stetige Veränderungen oder doch Rückschritt?

          Zwar dürften Frauen dort unter Berufung auf den Islam immer noch nicht Auto fahren, können kein eigenes Bankkonto eröffnen und brauchen in der Öffentlichkeit stets einen männlichen Begleiter. Im vergangenen Dezember durften Frauen sich aber erstmals zu Regionalwahlen aufstellen lassen und auch wählen. Und es gibt Bemühungen, Lizenzen für Frauen-Sportklubs einzuführen. Offenbar ist das Königreich dabei, zu erkennen, dass Fettleibigkeit und Diabetes schlimmer sind als das Risiko eines Mädchens, beim Herumrennen seine Jungfräulichkeit zu beschädigen.

          Und das Projekt soll noch weiter reichen. „Das saudische Sportsystem macht eine erhebliche Transformation durch“, sagte der hohe Sportfunktionär al-Kurashi der Nachrichtenagentur AP. „Unsere Strategie ist es, dass wir mehr Athleten ausbilden wollen, die sich für Olympische Spiele qualifizieren.“ Einmal unterstellt, das Internationale Olympische Komitee interessiert sich nicht nur für Geld, Macht und Rekorde, sondern auch für die Verbreitung des Sports in aller Welt, so ist ein Fortschritt festzustellen. „Wir freuen uns“, sagt IOC-Generaldirektor Christophe de Kepper, der vor vier Jahren die zähen Verhandlungen durchlitt.

          „Für eine nachhaltige Frauenförderung in Saudi-Arabien wird es aber noch Zeit brauchen.“ Ein Rückschritt ist allerdings auch festzustellen. In Rio gibt es wieder reine Männermannschaften, wobei die Gründe unterschiedlich sein dürften. Dass Monaco nur drei Männer nach Rio schickt und auch die Pazifik-Inseln Nauru, Tuvalu und Vanuatu keine Frauen nominiert haben, könnte an der Bevölkerungsstruktur liegen. Für den muslimischen Irak aber sind in Rio 26 Männer gemeldet und keine einzige Frau. Und? Keine Reaktion des IOC. Das hat im Moment andere Sorgen.

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