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Fantasma – die Olympia-Kolumne : Haltung bei der Hymne

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Hand aufs Herz: Amerikas 4x200-Meter-Staffel singt nach dem Sieg inbrünstig die Hymne Bild: AP

Eine Hand am Herzen, ein inbrünstig gesungener Text: Bei Olympia bekennen sich viele Athleten während der Hymne zu ihrer Leidenschaft. Aber die Spiele fordern von den Sportlern mitunter mehr als Gesten.

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          Als das IOC noch beseelt war von besonderen Werten und vom Geist der Musen, da gab es Medaillen auch für künstlerische Beiträge. Der Gründer der modernen Spiele, Pierre de Coubertin, versuchte sich daselbst unter Pseudonym an einer Ode zum Sport und wurde von seinem eigenen Klub – so viel hat sich doch nicht geändert – mit Gold dekoriert in der Disziplin Literatur. Die Zeiten sind längst vorbei.

          Vielleicht gibt es deshalb so viele Versuche verzweifelter Liebhaber, sich einen Reim auf die olympische Bewegung zu machen. Sie ahnen, dass auch unter Coubertins Nachfolger Thomas Bach mit einer Renaissance von Dichtung und Wahrheit im Programm nicht zu rechnen ist. Aber es gibt ja noch die Athleten und die inoffizielle Wertung, die Gestaltungsnote im Vorprogramm der Wettkämpfe oder der Siegerehrungen, wenn die Nationen am Fernseher beim Ertönen ihrer Hymnen mit strengem Blick auf ihre Athleten den Gesinnungstest machen: richtige Haltung, textsicher?

          Bei den nigerianischen Fußballspielern konnte man in Manaus nicht sicher sein, weil sie ungerührt eine Hymne hinnahmen, die niemand kannte. Bei der Siegerehrung nach dem Schießen mit der Luftpistole sah man zwei Herren an, was sie so im Alltag treiben: die Hände an der Hosennaht der eine, salutierend der andere. Hand aufs Herz - das lieben die amerikanischen Basketballprofis, ohne die Lippen zu den Klängen von „The Star Spangled Banner“ auch nur für einen Laut zu bewegen.

          Wir mögen dieses Bekenntnis zur Leidenschaft auch. Aber die Spiele fordern von den Sportlern mitunter mehr als Gesten, die tiefer blicken lassen. Vor allem, wenn es mal nicht so läuft wie geplant, wenn die Energie fehlt, das zu spielen, was schon so oft gespielt wurde und fast immer funktionierte. Den Stromausfall im Hockeystadion vor dem Spiel der Deutschen gegen Irland nutzten beide Teams kurzentschlossen zum Gesangswettbewerb. Dabei traf der Olympiasieger zwar die Tonart (F-Dur) von Haydns Original nicht ganz so sicher wie das Tor (3:2). Aber der brasilianische Ordnungshüter reckte den Daumen nach oben und gab dem deutschen Gelegenheitschor eine glatte Zehn: „Gold!“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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