https://www.faz.net/-gtl-71nnc

Fabian Hambüchen : Einsames Rennpferd

  • -Aktualisiert am

Wieder Nummer eins? Hambüchen möchte im Mehrkampf herausragen - bei Olympia und im deutschen Team Bild: dpa

Der Trainer und Vater muss leider draußen bleiben, für den Sohn ist’s eine „Frechheit“: Fabian Hambüchen soll beim Turnen diesmal ohne seine stabilste Stütze auskommen.

          3 Min.

          Wolfgang Hambüchen fährt im Wohnmobil, neben ihm sein Bruder Bruno. Viele Stunden sind sie unterwegs. Es ist ein weiter Weg von Wetzlar bis nach London, der Motor brummt. Die Laune ist auch nicht besonders, denn es gibt einen Gedanken, der die Hambüchens permanent nervt: Dass der Vater in den kommenden Olympia-Tagen auf der Tribüne der North Greenwich Arena sitzen wird, irgendwo zwischen 20.000 Zuschauern, und keinen Kontakt mit seinem Sohn aufnehmen kann, fuchst die ganze Familie. „Ich werde da sitzen und nervös sein“, sagt Wolfgang Hambüchen am Telefon. Und das ist wahrscheinlich noch zurückhaltend formuliert.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Wenn sein Sohn Fabian an die olympischen Geräte gehen wird, an diesem Samstag etwa zur Qualifikation, wird Wolfgang Hambüchen, der Vater und Trainer, nicht wissen, wohin mit seiner Energie. Sein Sohn hat ein klares Ziel in London: Natürlich will er in allen erreichbaren Wettbewerben glänzen. Aber am Reck, seinem Spezialgerät seit vielen Jahren, an dem er schon Welt- und Europameister war, will er Gold holen - das Gold, das er eigentlich schon vor vier Jahren in Peking im Visier hatte und das er durch eine Verkettung unglücklicher Umstände verpasste. Solch eine Mission erfordert eigentlich perfekte Umstände. Ausgefeilte Millimeterarbeit. Wolfgang Hambüchen wird sich ohnmächtig fühlen da oben auf der Tribüne, während sein kongenialer Sohn sein Programm mit anderen Trainern abspulen muss. „Optimal ist das nicht“, sagt Vater Hambüchen.

          Sein „Goldstück“: Am Reck möchte der Deutsche alle Hinter sich lassen

          Aber natürlich stören negative Gedanken nur, wenn man zu Großem auf dem Wege ist: „Ich gehe davon aus, dass Fabian auch so sein Zeug machen wird.“ Fabian Hambüchen ist der Superstar des deutschen Turnens, doch er ist nicht der Liebling des Verbandsapparats. Sonst hätte die Führungsriege des Deutschen Turner-Bundes dem 24 Jahre alten Über-Turner vielleicht doch seinen symbiotischen Heimtrainer mitgegeben. So aber werden Cheftrainer Andreas Hirsch und Waleri Belenki auf dem Podium die deutsche Mannschaft betreuen. Der Grund: Belenki arbeitet am Stuttgarter Stützpunkt mit Barren-Europameister Marcel Nguyen und Sebastian Krimmer zusammen, also gleich zwei Mannschaftsmitgliedern. Und Extra-Luxus soll es für niemanden geben, auch nicht für den Spitzenmann.

          Deutsches Spitzen-Trio: Boy, Hambüchen und Nguyen (von links)

          Zumal der vielleicht auch Philipp Boy hätte heißen können, wenn man die vergangenen beiden Jahre betrachtet. In dieser Zeit war Hambüchen mit der Heilung seiner Achillessehne beschäftigt, während der Cottbuser Boy WM-Zweiter und Europameister im Mehrkampf wurde. Doch beim Podiumstraining in London bestätigte Fabian Hambüchen die jüngsten Vorleistungen. Nach außen quietschvergnügt, absolvierte er seine Übungen und betonte immer wieder, wie fit und beschwerdefrei er sei. Boy, dessen Körper zwischendurch immer wieder gestreikt hatte, patzte mehrere Male. Und Marcel Nguyen auch. Fabian Hambüchen hat es also noch einmal bewiesen: Er ist die Nummer eins. Entsprechend selbstbewusst trat er auf. „Es ist eine Frechheit“, wetterte er, „dass man für meinen Vater keine Akkreditierung organisieren konnte. Wir reißen uns das ganze Jahr in der Halle den Hintern auf, und der Dank dafür ist, dass die wichtigsten Leute daheim bleiben.“

          Jede Nuance haben sie zusammen durchlebt

          Wolfgang Hambüchen steuert weiter auf London zu, er wird den Kanal mit der Fähre überqueren. Seine Gedanken sind bei Fabian und ihrem Verhältnis. Seit seinem vierten Lebensjahr ist der Junge auf seinen Vater, einen professionellen Turntrainer, fixiert. Jede Nuance seiner Karriere haben sie zusammen durchlebt, die phantastischen Höhen und die schmerzhaften Tiefen. Wolfgang Hambüchen hat seinen jüngeren Sohn zum Mittelpunkt seines Lebens gemacht, er kennt jedes kleine Bedürfnis, ihre Auftritte auf dem Podium sind wie ein heimlicher Pas de deux, im Training verstehen sie sich blind. „Das sind automatische Abläufe“, sagt der Vater. „In einigen Punkten sind es sogar Rituale.“ Ein Blick genügt, und er weiß, was der Sohn braucht. „Man kann ihn während des Wettkampfs ja nicht volltexten“, sagt er.

          Automatische Abläufe: Hambüchen hat die Griffe, Salti und Drehungen unzählige Male trainiert

          Wolfgang Hambüchen kennt den Körper seines Sohnes genau, er weiß, wie er trainieren, sich aufwärmen, sich einstellen muss. „Er ist das Rennpferd, und ich bin sein Begleiter“, sagt er. Ein Vater-Sohn-Verhältnis sei das schon lange nicht mehr. „Wir sind Partner. Ich bin sein Ratgeber. Er braucht jemanden zum Diskutieren, den kritischen Austausch.“ Über alle Lebensphasen hinweg sind sie zusammengeblieben, Fabian durchlebte die Pubertät, lernte seine erste Freundin kennen - die Verbindung hielt, obwohl es manchmal krachte zwischen den beiden. „Wir haben uns oft gefetzt, ich habe geheult und ihn verflucht, aber ich habe ihm alles zu verdanken“, sagt der Sohn.

          Wolfgang Hambüchen wird das Wohnmobil auf einem Campingplatz 70 Kilometer von London entfernt abstellen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu den Wettkämpfen fahren. Der Verband hat ihm Eintrittskarten zur Verfügung gestellt - dafür ist er dankbar. Vater und Sohn telefonieren regelmäßig. Und irgendwie werden sie es schon schaffen, in der Halle einen Blickkontakt hinzubekommen. „Ich kriege das irgendwie mit“, sagt Fabian Hambüchen. So eine enge Verbindung können sie selbst nicht so einfach kappen. Obwohl der Sohn nach Olympia seine eigenen Wege gehen will. Wegziehen von Wetzlar, Sport studieren und sein Training einschränken. Doch bis dahin sollte das System eigentlich weiterlaufen: Vater Wolfgang als Trainer, Onkel Bruno als Mentaltrainer und Mutter Beate als Herz der ganzen Truppe. „Hambüchen/Hambüchen“, sagt der Vater in seinem Wohnmobil auf dem Weg nach London, „wären natürlich besser aufgestellt.“

          Weitere Themen

          Maas macht mobil

          „Hirntod“ der Nato? : Maas macht mobil

          Der deutsche Außenminister versucht Emmanuel Macron den Wind aus den Segeln zu nehmen. Bei der Nato ist der Ärger über den französischen Präsidenten groß.

          Wellenreiten für zwischendurch Video-Seite öffnen

          Lagerhalle in Berlin : Wellenreiten für zwischendurch

          Wellenhöhe wie auch Wasser-Fließgeschwindigkeit lassen sich individuell an die Bedürfnisse des Wellenreiters anpassen. Für Anfänger steht zusätzlich eine Haltestange bereit, bis zu sechs Neulinge können gleichzeitig üben.

          Topmeldungen

          Zustand der Bundeswehr : Militärisches Leichtgewicht

          Künftig soll die Bundeswehr nach dem Willen der Verteidigungsministerin Seite an Seite mit den Verbündeten auch kämpfen. Ist die Truppe darauf wirklich vorbereitet? Eine Analyse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.