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Erste saudische Athletin : 82 Sekunden Ewigkeit

  • -Aktualisiert am

Geschlagen und doch gewonnen: die saudische Judoka Wodjan Shaherkani Bild: dpa

Es war ein langer Kampf vor den Spielen, aber nur ein kurzer auf der Judo-Matte. Die erste saudische Frau bei Olympia, Wodjan Shaherkani, scheidet in der ersten Runde aus. Dennoch ist ihr Auftritt ein Erfolg.

          3 Min.

          Die historische Gestalt nähert sich der Matte gemessenen Schrittes. Sie trägt einen weißen Judoanzug und einen schwarzen Gürtel wie alle anderen Judoka in London, obwohl ihr eigentlich nur ein blauer Gürtel gebührt, jener für Anfänger. Beim Einmarsch ist sie desorientiert, sie geht zur falschen Seite der Matte, es braucht die führende Hand ihres männlichen Betreuers, damit sie den ihr zugewiesenen Platz findet, um von dort aus den Ort der Kampfhandlung zu betreten.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist Freitagmorgen kurz vor halb elf Uhr Londoner Ortszeit, als nach einem weiteren Umweg ein neues Kapitel Sportgeschichte geschrieben wird. All jenen, die es noch nicht wissen, hilft der Hallensprecher in der ExCel-Arena auf die Sprünge. „Auf Matte eins, Wodjan Shaherkani, der erste weibliche Athlet aus Saudi-Arabien bei Olympischen Spielen.“

          Sie hat ihre Haare bedeckt

          Das Publikum johlt so begeistert, wie es das sonst nur tut, wenn ein Brite gewinnt. Was der Sprecher verschweigt, sehen die Zuschauer selbst: Die 16 Jahre junge Frau aus Mekka hat ihre Haare bedeckt, als erste Judoka bei einem internationalen Wettkampf trägt sie eine Kopfbedeckung: keinen Hidschab zwar, wie von ihren strikt religiösen Landsleuten gefordert, aber ein enganliegendes schwarzes Kopftuch, das aussieht wie eine Badekappe, als Kompromiss zwischen den Saudis und den Olympiern.

          Hoffnungsfroh bei der Eröffnungsfeier: Wodjan Ali Seraj Abdulrahim Shaherkani

          Dann geht der Kampf los, und kurz danach ist er wieder vorbei. 81 Sekunden hat sich Wodjan Shaherkani auf der Matte bewegt, zaudernd, defensiv, den Angriffsversuchen ihrer Gegnerin ausweichend. Eine Sekunde später liegt sie am Boden, der Kampf endet so schnell wie erwartet. Die Puertoricanerin Melissa Mojica, in der Weltrangliste der schwergewichtigen Frauen auf Platz 24 notiert, gewinnt durch Ippon, nach einem Seitsturz, mit dem sie die Anfängerin aus Mekka, die nie zuvor bei einem Wettkampf außerhalb ihres eigenen Landes angetreten ist, überrumpelt und zu Fall bringt.

          Schnell rückt sie die Badekappe zurecht

          Dabei verrutscht Wodjan Shaherkanis Kopfbedeckung, schnell wird sie wieder zurechtgerückt. Es sei positiv, dass ihrer Gegnerin eine olympische Chance gegeben wurde, sagt die Puertoricanerin nach ihrem Sieg. Und was hält sie von der Kopfbedeckung, um die wochenlang gestritten wurde? „Jeder auf der Welt hat seine eigene Religion.“ Wodjan Shaherkani ist, wie der britische Radfahrer Bradley Wiggins, die chinesische Schwimmerin Ye Shiwen oder der Rekord-Medaillensammler Michael Phelps ein Gesicht dieser Sommerspiele aber eines, das umhüllt ist.

          Im Kampf ist sie nur scheinbar obenauf

          Ihr kurzes Gezerre auf der Matte, das in keinem sportlichen Verhältnis stand zu dem wochenlangen diplomatischen Ringen um ihre Olympiateilnahme, war ihr zweiter öffentlicher Auftritt. Zwei Auftritte zu viel, schimpfen viele Saudis, die schon den Einmarsch ihrer Landsfrau bei der Eröffnungsfeier eine Woche zuvor sittenwidrig fanden. „Die Kopfbedeckung macht keinen Unterschied“, behauptet Hani Kamal Najm, der zur olympischen Delegation Saudi-Arabiens gehört, an diesem Freitag.

          Der Kulturkampf wird verdrängt

          Der Kulturkampf, der vor dem Kampf der jungen Judoka stand, wird verdrängt. Die Saudis hatten, ebenso der Trainer-Vater Ali Siraj Shaherkani, auf den Hidschab beharrt, der Judo-Weltverband hielt diese Kopfbedeckung für unvereinbar mit den Werten dieser Kampfkunst. Das schwarze Kopftuch, das die Athletin beim Kampf nicht gefährden und sie nicht in noch größere religiöse Konflikte stürzen konnte, war der Kompromiss, mit dem alle leben mussten. Die Läuferin Sarah Attar, die in den Vereinigten Staaten lebt und als zweite Frau des saudi-arabischen Olympiateams über 800 Meter antritt, wird es in London leichter haben.

          Langes Gezerre, kurzer Kampf: Wojdan Shaherkani (l.) scheitert an Melissa Mojica

          Wodjan Shaherkani, am Freitag viel gefragt, öffnet sich nur gegenüber der offiziellen olympischen Medienabteilung ein wenig. Sie sei etwas ängstlich gewesen wegen der 6.000 Zuschauer in der Halle. Sie sei stolz, ihr Land zu repräsentieren. Sie hoffe, dass ihr Auftritt nur der Anfang sei für eine größere Beteiligung arabischer Frauen auch in anderen Sportarten. Als die Sechzehnjährige ein paar Schritte weiter an den internationalen Journalisten vorbeikommt, wird sie schmallippiger.

          Der Mann führt das Wort

          Aber weil der bestellte Übersetzer genau weiß, was sie zu sagen hat, führt der Mann das Wort: „Sie ist aufgeregt und sehr stolz. Es ist ein Meilenstein, worüber sie sehr glücklich ist. Obwohl sie es nicht geschafft hat, um eine Medaille zu kämpfen, hat sie sich hier sehr gut verkauft. Wir sind sehr stolz auf sie und danken Ihnen allen für die Unterstützung.“ Punkt, es folgt der schnelle Abtritt von der olympischen Bühne. Neun Sekunden hat die Übersetzung gedauert, bei der die Worte zwar sprudelten, die aber bar jeder Spontaneität daherkam. Ein „Meilenstein“, das ist die offizielle Einschätzung, auf die sich alle geeinigt haben.

          Das Abenteuer London ist schnell beendet - aber ihr Kampf hat sich sicherlich gelohnt

          Davon hatte zuvor auch Jacques Rogge gesprochen, nachdem es dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees nach langem diplomatischen Hickhack gelungen war, dass erstmals alle Teilnehmernationen mit weiblichen Athleten vertreten sind. Wodjan Shaherkani wird in den Annalen künftig in der Schwergewichts-Klasse als Siebzehnte bei den Sommerspielen von London geführt. Und als erste Frau, die aus Saudi-Arabien auf den Olymp durfte. 82 Sekunden können eine Ewigkeit bedeuten.

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