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Doping bei Olympia : Abschreckung und alarmierte Putzkräfte

  • -Aktualisiert am

LaShawn Merritt ist ein ehemaliger Dopingsünder - und läuft in London mit Bild: REUTERS

Bei den Olympischen Spielen In London gehen auch ehemalige Dopingsünder an den Start. Das IOC will das in Zukunft verhindern - mit neuen alten Regeln. Auch auf Abschreckung wird gebaut.

          Jacques Rogge will auch in London so oft wie möglich im Olympischen Dorf schlafen. Der IOC-Präsident hat vor, die Atmosphäre inmitten all der Athleten zu genießen. Doch Vorsicht: Die könnte sich zwischendurch spürbar abkühlen. Zum Beispiel, wenn der stets höfliche Belgier auf LaShawn Merritt treffen sollte. Der 400-Meter-Läufer ist Rogge nämlich ein Dorn im Auge, er hat ihm eine unangenehme Erfahrung bereitet. „Das war nicht der beste Tag in meinem Sportleben“, sagte Rogge in London.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Der Fall des Amerikaners, der im vergangenen Oktober zu einer bindenden Rechtsauskunft durch den Internationalen Sportgerichtshof (Cas) führte, hat Folgen, die Rogge nicht gefallen. Merritt und andere Dopingsünder aus den vergangenen vier Jahren, deren Strafe bereits abgesessen ist, dürfen gegen den ausdrücklichen Willen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in London an den Start gehen.

          Auch der Springreiter Christian Ahlmann aus Marl gehört dazu, dem vor vier Jahren beim Olympischen Turnier die Verwendung einer scharfen Substanz nachgewiesen worden war. „Ich werde ihnen selbstverständlich die Hand schütteln“, sagte Rogge mit einem gepflegten Lächeln. „Und zwar ohne Vorbehalte.“ Aber er hofft natürlich trotzdem, dass ihm die Begegnung mit solchen Subjekten in Zukunft erspart bleibt, und das nicht nur, weil er bei den nächsten Spielen in Sotschi 2014 nicht mehr IOC-Präsident sein und nur noch im Luxushotel schlafen wird. Die Olympier arbeiten jedenfalls daran, ihren alten Beschluss wieder zu installieren.

          Es geht um die sogenannte Osaka-Regel, die Rogge während der Leichtathletik-WM 2007 stolz verkündet hatte. Dass sie vom Cas für illegal erklärt wurde, führte außerdem dazu, dass auch das Britische Olympische Komitee (BOA) seine Dopingsünder nicht mehr wie bisher auf Lebenszeit von den Spielen verbannen darf. Begründung: Zusammen mit der üblichen Sperre handelt es sich bei dem Ausschluss nach Ansicht des Cas um eine nicht zulässige zweite Bestrafung.

          „Ich hoffe auf eine Regel, wie wir sie hatten“

          Der Radrennfahrer David Millar und der Sprinter Dwain Chambers konnten sich auf diese Weise wieder ins Team drängen. Thomas Bach, der Chef der Juristischen Kommission im IOC, hat bei der Vollversammlung in London erklärt, was das IOC tun will, um seine Regel wieder zu installieren. Mit der Revision des Internationalen Anti-Doping-Kodex sollen auf Antrag der Olympier zwei Punkte anders werden.

          Erstens sollen die Grundlagen geschaffen werden, dass wesentlich mehr Vier-Jahres-Sperren für Dopingvergehen ausgesprochen werden können. So würden mehr Doper automatisch die nächsten Spiele verpassen. Zweitens soll diese Art Ausschluss von Olympischen Spielen nicht mehr als Strafe formuliert werden, sondern als eine Frage der Startberechtigung. „Ich hoffe, dass im November 2013 eine ähnliche Regel verabschiedet wird, wie wir sie hatten“, sagte Rogge. Dann entscheidet der Kongress der Welt-Anti-Doping-Agentur über die Änderungen des Kodex.

          „Das gibt ein schlechtes Bild ab“

          Eine andere Neuerung ist in London 2012 bereits in Kraft: Die No-Needles-Policy. Putzkräfte und anderes Personal im Olympischen Dorf, an den Trainings- und Wettkampfstätten sind aufgefordert, mitzuhelfen. Sollten sie Kanülen, Nadeln oder Infusionsbesteck in den Abfällen finden, ist das IOC an einer Benachrichtigung interessiert. Niemand soll mehr ohne offizielle Genehmigung eine Spritze geben dürfen, Mannschaftsärzte können entsprechende Anträge stellen.

          In der Vergangenheit hatte das Reinigungspersonal bei den Spielen und anderen Titelkämpfen auffallend viele Spritzen und anderes Behandlungsmaterial in den Mülleimern von Unterkünften und Umkleidekabinen gefunden. „Das gibt ein schlechtes Bild ab und kann im Zusammenhang mit Medikamentenmissbrauch und Doping stehen“, sagte Arne Ljungqvist, Vorsitzender der Medizinischen Kommission. Der Internationale Radsportverband hat Anhaltspunkte, dass schon die erste Spritze für einen Sportler eine Grenze durchbrechen könnte, die ihn vorher vom Doping abgehalten hat.

          „Wir müssen unsere Chancen nutzen“

          Auch auf Abschreckung will das IOC weiter bauen. Doch die Idee, Proben von Olympischen Spielen acht Jahre lang aufzubewahren, um möglichen Dopern noch im Nachhinein mit modernen Tests auf die Spur zu kommen, hat die Organisation zuletzt nicht konsequent umgesetzt. Am Mittwoch kritisierte Richard Pound, der ehemalige Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur, in gewohnter Präzision, dass das IOC nachlässig mit den Proben von Athen 2004 umgegangen sei.

          „Wenn wir unsere Null-Toleranz-Politik leben wollen, müssen wir unsere Chancen nutzen“, sagte er. Erst auf Druck von außen war dem IOC wieder eingefallen, dass es sich kurz vor Ablauf des Verfallsdatums die gelagerten Proben aus Griechenland vornehmen könnte. Das Ergebnis: „Das Labor hat von mehreren verdächtigen Fällen berichtet“, teilte Ljungqvist der Session mit. Genaueres wird vorerst aber nicht gesagt.

          Resultate erst nach der Schlussfeier

          Präsident Rogge erklärte, die detaillierten Ergebnisse könne man erst nach der Analyse der B-Proben bekanntgeben. Und die betroffenen Athleten, in deren Anwesenheit die Proben geöffnet werden sollen, kann das IOC nach eigenen Angaben nicht so schnell auftreiben. Erst nach der Schlussfeier von London werden Resultate erwartet. Aber wozu auch hetzen. Man wird sich ja wohl nicht selbst die Party verderben.

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