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Rad-Einzelzeitfahren : Tony Martins Absturz

  • -Aktualisiert am

Ausgepumpt: Tony Martin fährt hinterher Bild: AFP

Fabian Cancellara gewinnt das olympische Einzelzeitfahren der Straßenradfahrer. Der Schweizer ist schneller als Tom Dumoulin und Tour-Sieger Froome. Weltmeister Tony Martin fährt hinterher. Bei den Frauen lässt der Siegerinnen-Name aufhorchen.

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          Kein Wort. Tony Martin ließ die Gruppe deutscher Journalisten im Zielraum stehen. Da mochten sie aus einem Meter Entfernung rufen, wie sie wollten. Der hochdekorierte Radprofi ließ sich von einem Helfer davonschieben auf seinem Rad und später vom Bund Deutscher Radfahrer (BDR) ein Statement verteilen: „Ich bin nicht in meinen Rhythmus gekommen. Das war heute nicht die Leistung, die man von mir gewohnt ist. Ich werde das Rennen sehr genau analysieren müssen, um die Ursachen für das schwache Abschneiden zu finden. Im Moment bin ich wahnsinnig enttäuscht, aber das war es noch nicht.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Martins Trotz im letzten Halbsatz könnte man auch anders verstehen: Der Absturz des einst so glänzenden Spezialisten für die Tempobolzerei ist noch nicht beendet. Martin hatte zwar vor dem Rennen schon Abstriche gemacht und von einem Kampf allenfalls um Bronze gesprochen. Aber in Rio scheint der dreimalige Weltmeister, der Olympiazweite von London im Einzelzeitfahren auch aus der erweiterten Weltspitze gefallen zu sein. Als Zwölfter vor Landsmann Simon Geschke (13.) brauchte er 3:18 Minuten länger für die 54,5 Kilometer als der strahlende Sieger Fabian Cancellara.

          Der alte Mann aus der Schweiz

          Cancellara? Es war der alte Mann aus der Schweiz, der Martin indirekt den zweiten Stich versetzte. Nicht, weil der viermalige Weltmeister, der Olympiasieger von 2008 im Rennen gegen die Uhr 35 Jahre alt ist. Eher, weil Cancellara als Zeitfahrmeister und Siegertyp für Ein-Tages-Klassiker allen Prognosen davonfuhr: Dass der Kurs von Rio mit 700 Höhenmeter eher für die Kletterer geeignet sei - also nicht für Martin.

          Ein Schweizer rast vorneweg: Fabian Cancellara gewinnt das olympische Einzelzeitfahren
          Ein Schweizer rast vorneweg: Fabian Cancellara gewinnt das olympische Einzelzeitfahren : Bild: AFP

          Cancellara bewies das Gegenteil mit seinem Auftritt zum goldenen Finale seiner olympischen Karriere. Er distanzierte den Niederländer Tom Dumoulin, auch ein Zeitfahrspezialist, um 47 Sekunden. Tour-de-France-Sieger Christopher Froome brauchte als Dritter gut eine Minute länger. Unglaublich.

          Überraschende Siegerin

          Unglaublich? Dieser Gedanke schoss den Experten auch zum Ende des Frauen-Wettbewerbs durch den Kopf: Als Kristin Armstrong nach dem Zuruf „Du hast es!“ zu Boden ging und sich neben ihrem Rennrad auf den nassen Asphalt im Zielraum legte. Niedergestreckt von dem überwältigenden Gefühl, es wieder geschafft zu haben: Olympiasiegern, zum dritten Mal in Serie. Das gab es in dieser Disziplin noch nicht in der Geschichte der Olympischen Spiele.

          Allerdings hat sich Frau Armstrong auch etwas Zeit gelassen. An diesem Donnerstag wird die Amerikanerin, gegen deren Nominierung durch das amerikanische Olympiateam eine Konkurrentin geklagt hatte, 43 Jahre alt. Dank dieser Reife hat sie wohl auch eine gewisse Erfahrung, mit Mutterpflichten im Moment des Triumphes fürsorglich umzugehen. Mitten auf ihrer Siegerstraße tröstete sie den weinenden Sprössling solange, bis der Filius sie innig umarmte.

          Fertig und glücklich: Kristin Armstrong siegt bei den Frauen
          Fertig und glücklich: Kristin Armstrong siegt bei den Frauen : Bild: AP

          Mutters Glück und Cancellaras Triumph bildeten das Finale eines merkwürdigen Einzelzeitfahrens. Für gewöhnlich kurbeln Frauen wie Männer vom Start bis ins Ziel unter Dampf. Nicht so in Rio. Die Streckenführung zwang die Athleten zwar zu schmerzhaften Klettereien. Sie stiegen aus dem Sattel, kämpften sich einen bis zu 18 Prozent steilen Anstieg hinauf. Aber dann stellten sie für einige Augenblicke das Treten ein oder kurbelten vorsichtig. Das hing weniger mit der Erschöpfung zusammen, sondern mit kluger Vorsicht, bei der Abfahrt in den Kurven auf der vom Regen nassen Strecke nicht zu stürzen.

          So forderte das Zeitfahren neben dem Bergfahrtalent auch die Geschicklichkeit heraus. Noch eine Disziplin mehr hatte die Russin Olga Zabelinskaya auf dem Weg zu Silber absolviert. Weil sie schon einmal des Dopings überführt worden war, wollte das IOC sie nicht starten lassen. Der Internationale Sportgerichtshof hob das Verbot zwar konsequenter Weise auf. Zabelinskaya aber gehört einem fast 280 Sportler umfassenden Olympia-Tross Russlands an, dessen Proben in den vergangenen Jahren nach Lage der Dinge im Moskauer Doping- und nicht im offiziell sogenannten Anti-Doping-Labor „geprüft“ wurden. An der vorläufigen Wertung ändert diese Vergangenheit nichts. Und das Stichwort Doping brachte ein Amerikaner ins Spiel, der seiner Landsfrau gratulierte: Lance Armstrong, der wegen Dopings aller Würden beraubte, weder verwandt noch verschwägert mit der Olympiasiegerin.

          Die Szene in Rio diskutierte nach dem Rennen lieber die Dramatik des Frauen-Wettbewerbs und die Abschiedsvorstellung Cancellaras, der zum Ende des Jahres absteigen will. Ellen von Dijk kam elf Sekunden hinter der Niederländerin Anna van der Breggen als Vierte ins Ziel. Lisa Brennauer kam als beste Deutsche mit fast ein Minute Rückstand ins Ziel: Achte. Jetzt will der BDR analysieren, woran es lag, dass ältere Herrschaften in einem Wettbewerb davon fuhren, der eigentlich von der Jugend beherrscht werden sollte.

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