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Springreiten bei Olympia : Wie der Weltverband die Dramaturgie ruiniert hat

Der Weltranglisten-Erste Daniel Deußer springt mit Killer Queen ins Finale. Bild: AFP

Bei Olympia ist plötzlich alles anders. Die Reihenfolge der Wettbewerbe wird gedreht. Traditionalisten greifen sich an den Kopf. Die Deutschen begegnen der neuen Regel mit einem besonderen Manöver.

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          Die gute Nachricht für die deutsche Reiterei: Einer kam durch am Dienstag beim Qualifikationsspringen für das Einzelfinale. Der Weltranglisten-Erste Daniel Deußer lieferte bei diesem extrem riskanten Wettbewerb unter Flutlicht, bei dem sich von 73 Paaren nur 30 qualifizieren konnten, mit seiner Stute Killer Queen die erforderliche Runde ohne Hindernisfehler ab. Nur diese garantierte ein Weiterkommen.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Das heißt: Die beiden Debütanten Andre Thieme und Christian Kukuk sind mit jeweils einem Abwurf ausgeschieden, noch bevor die Welt so richtig wahrgenommen hat, dass das Springturnier von Tokio überhaupt begonnen hat. Thieme verlor mit seiner Stute Chakaria auf dem Weg zur imposanten Triple-Barre den Rhythmus, erzeugte durch seine Gegenmaßnahmen selbst ein schweres Distanzproblem, das zu einem kapitalen Fehler führte.

          Am selben Hindernis hatte auch Christian Kukuks Hengst Mumbai, der äpfelte, durch eine sanftere Berührung einen Abwurf. Er selbst sei auch einen halben Meter zu früh abgesprungen an diesem Hindernis, gab Deußer zu, doch sein Pferd meisterte das Problem trotzdem. „Ich gehe guter Hoffnung ins Finale“, sagte der gebürtige Wiesbadener, der schon lange in Belgien lebt. An diesem Mittwoch gehört er zu den Medaillenfavoriten, von denen es allerdings viele gibt. Die Entscheidung fällt nun in einem Springen mit Stechen, also im Format eines ganz normalen Großen Preises (12.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia, in der ARD und bei Eurosport).

          Diesmal geht es umgekehrt

          Was bleibt, ist der Eindruck, dass der Weltverband in der Absicht, einige zusätzliche Nationen durchs Bild galoppieren zu lassen, die klassische Dramaturgie des olympischen Turniers ruiniert hat. Es ist wie bei einem Krimi, der auf den Kopf gestellt wurde: Erst kommt der spannende Schlussakt, dann erst wird der Verlauf der Geschichte aufgebaut: Erst wird um die Einzelmedaillen geritten, bevor es am Freitag und Samstag um den Mannschafts-Olympiasieg geht.

          Traditionalisten greifen sich an den Kopf. „Wir hatten immer ein Team, das sich zusammen qualifiziert hat“, sagte Bundestrainer Otto Becker, selbst ein Mann mit umfangreicher olympischer Erfahrung. „Ein Team, das zusammen im Nationenpreis kämpfte, und wenn einer gut war, war er im Einzelfinale dabei.“ Diesmal gehe es umgekehrt. „Erst das Einzel, da liegt es in der Natur der Sache, dass ein Reiter erst einmal nach sich selbst guckt, und dann geht’s weiter mit dem Team.“

          Erst jeder für sich und dann alle für einen? Das entspricht auch nicht der Auffassung des deutschen Verbandes, der das Mannschaftsergebnis wichtiger nimmt als die Einzelleistungen. Um das Reglement trotzdem für sich zu nutzen, hat die Mannschaftsleitung ein besonderes Manöver ersonnen: Deußer, Thieme und Kukuk durften ihr Glück im Einzel versuchen. Im Nationenpreis, wo alle noch einmal bei null beginnen, wird einer ausgewechselt, und Maurice Tebbel mit Don Diarado rückt nach.

          „Davon erhoffen wir uns eine klare Reserve und Verstärkung, um noch einmal zulegen zu können“, sagte Becker. Denn es gibt ein weiteres Problem: Wie bei der Dressur und der Vielseitigkeit wurden die Equipen auch im Springen auf ein Trio reduziert und die Streichresultate abgeschafft. Fehler können nicht ausgebügelt werden. Die Strategie bedeutet aber auch: Für Thieme oder Kukuk dürfte am Dienstag schon Schluss gewesen sein mit Olympia.

          Wie schnell auch erfahrene Reiter aus dem Rennen ausscheiden konnten, erfuhr etwa der Schweizer Steve Guerdat, Olympiasieger von 2012. Ein einziges Missgeschick – auch bei ihm an der Triple-Barre – mit seinem Pferd Venard de Cerisy: Endstation. Genau wie für die Französin Pénélope Leprevost, Mannschafts-Olympiasiegerin von Rio 2016. Ihr Pferd Vancouver erschrak an Hindernis 10 vor einem imposanten Sumo-Ringer aus Pappmaché. Der Hengst sprang erschrocken zur Seite – und schon war die Verweigerung passiert. Zehn Strafpunkte.

          Am schlimmsten traf es die Amerikaner. Diese Reiternation wird im Einzelfinale überhaupt nicht vertreten sein. Jessica Springsteen hatte mit Don Juan van de Donkhoeve ebenso einen Hindernisfehler wie Kent Farrington mit Gazelle, Laura Kraut mit Baloutinue sogar zwei. Im Nationenpreis werden sie ihre Pferde aufs Neue satteln. Verkehrte Welt.

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