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Wasserspringer Patrick Hausding : 15.000 Sprünge im Jahr

Vorwärts, rückwärts, mit Salti, Schrauben und Drehungen: Für Patrick Hausding ist das immer wieder sportlicher Alltag Bild: Julia Zimmermann

Anspannung, Adrenalin, höchste Konzentration: Wasserspringen ist eine komplexe Sportart. Um sie zu beherrschen, brauchen Könner wie Patrick Hausding Tausende Sprünge im Jahr. Manchmal wird es schmerzhaft.

          1,2 Sekunden. Einundzwanzigzweiun. . . vorbei. So hat das Lutz Buschkow mal erklärt, der Cheftrainer der deutschen Wasserspringer. „In 1,2 Sekunden müsste der Zuschauer zu Hause vom Sessel aufstehen, zwei Rollen vorwärts machen, nach drei Drehungen um die Längsachse in den Handstand gehen und auch noch spritzerlos in Position eintauchen.“ Klingt kompliziert, nicht nur zu Hause im Wohnzimmer. Für Patrick Hausding ist das sportlicher Alltag. Seit Jahren. Er macht das Dutzende Mal am Tag, Tausende Mal im Jahr, vorwärts, rückwärts, mit Salti, Schrauben, Drehungen. Wasserspringen ist ein ästhetischer, ein Staunen machender Sport. Aber auch einer, der so komplex wirkt, so weit weg ist vom Erleben eines Hobby-Sportlers, dass er für viele kaum zu begreifen ist.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Berlin, Schwimm- und Sprunghalle im Europapark, ein Nachmittag im April. Patrick Hausding ist mit der Trainingsgruppe des Berliner TSC in der Trockenhalle, Aufwärmen für die zweite Einheit an diesem Tag. Die Halle ist mit Matten ausgekleidet, wie beim Bodenturnen: Sprungbahnen, Weichbodenmatten, Schnitzelgruben mit Sprungbrettern davor. Der 23 Jahre alte Hausding und seine Trainingskollegen schlagen Salti aus dem Stand, danach folgen Sprünge in die Schnitzelgruben. Die Sprünge werden auf Video aufgezeichnet und gemeinsam vor dem Bildschirm ausgewertet, die Trainer gleichen ihre Eindrücke mit der Wahrnehmung, mit dem Gefühl der Springer ab.

          Ballettausbildung und Krafttraining

          Rund die Hälfte der Zeit trainieren Wasserspringer an Land, in der Vorbereitung mehr, in der Wettkampfsaison weniger. Das Training ist extrem vielseitig, es reicht von Ballettausbildung bis Krafttraining, von Tanz- und Akrobatik-Elementen bis zu Tiefkniebeugen. In der Ballettausbildung arbeiten sie beim TSC mit einem ehemaligen Tänzer der Komischen Oper in Berlin zusammen. Es geht vor allem um Grundlagen, um Körperschulung, um Dinge wie Haltungsgefühl, Spannung, Beweglichkeit, Sprung- und Schnellkraft.

          „Die Belastung ist das Ziel“, sagt Hausding, nicht so sehr der künstlerische Ausdruck, das Zusammenspiel mit Musik. „Sie sollen nicht ,Schwanensee’ tanzen“, sagt Hausdings Trainer Jan Kretzschmar. Wasserspringer müssen viel mitbringen: Kraft, Koordination, Körperbeherrschung, Trainingsfleiß, Nervenstärke. So komplex der Sport, so komplex seine Anforderungen. Umso glücklicher ist Kretzschmar über einen Athleten wie Hausding. Er sei ungeheuer ehrgeizig und talentiert, sagt Kretzschmar. „Vor allem aber ist er immer gut gelaunt. Es macht Spaß, mit ihm zusammenzuarbeiten.“

          10 Cent als Warnung

          “Gehn wir baden“ - die Berliner Trainingsgruppe zieht von der Trocken- in die Sprunghalle. So richtig traurig darüber, so scheint es, ist keiner. Eineinhalb Stunden Wassertraining stehen an. Sie beginnen mit einfachen Sprüngen, Eintauchübungen, Grundelementen. Die Trainer stehen am Rand des Sprungbeckens, daneben sind die Videoanlage aufgebaut und ein Rechenschieber: Jeder abgebrochene Anlauf kostet 10 Cent - im Wettkampf gibt es dafür Punktabzug. Nach jedem Sprung sagt Kretzschmar, was ihm gefallen hat und was nicht. Er analysiert Dinge, die einem als Zuschauer kaum auffallen, winzige Schwächen in der Ausführung, Details im Anlauf, bei der Haltung von Kopf, Schultern, Armen, Händen, Hüfte, Beinen. Es gibt viel, was man falsch machen kann beim Wasserspringen auf Weltniveau.

          Hohe Belastung: Hausding absolviert 12.000 bis 15.000 Sprünge im Jahr

          Spitzenathleten wie Hausding kommen im Jahr auf 12.000 bis 15.000 Sprünge. Springen sie vom Turm, tauchen sie jedes Mal mit Tempo 50 bis 60 ein - mit drei Metern Bremsweg. Die körperlichen Belastungen sind gewaltig. Bei Hausding kommt hinzu, dass er alle Varianten des Wasserspringens beherrscht, Turm, Brett, Synchron. Gewöhnlich sind Turmspringer, vereinfacht gesagt, eher klein und schlank, um schneller drehen zu können, Brettspringer eher groß und muskulös, um sich kräftig vom Sprungbrett hochkatapultieren zu können.

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