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Vielseitigkeitsreiten : Eine Welle für Michael Jung

Dank an Chipmuk: Michael Jung nach der gelungenen Dressur-Vorführung. Bild: Reuters

An seinem Geburtstag nimmt der Vielseitigkeitsreiter aus Horb Kurs auf sein drittes Einzel-Gold. Doch im Gelände warten schon die nächsten kniffligen Aufgaben.

          3 Min.

          Gratulationen gab es gleich doppelt für Michael Jung: Erstens hat er an diesem Samstag Geburtstag, er ist nun 39 Jahre alt. Und zweitens lieferte er in der Dressur zum Auftakt des Vielseitigkeitswettbewerbs in Tokio mit 21,1 Minuspunkten das Spitzenresultat ab. Damit liegt  Jung in der olympischen Einzelwertung vor dem Geländeritt am Sonntag in Führung. Am Rande des Dressurvierecks zelebrierte die deutsche Delegation um Bundestrainer Hans Melzer eine Welle für ihn – aber das war es dann auch schon an Feierlichkeiten. Es gab viel zu tun.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Kaum hatte der Schwabe aus Horb seine nahezu fehlerfreie und technisch vorbildliche Dressur auf dem 13 Jahre alten Wallach Chipmunk beendet, wanderten seine Gedanken auch schon einen Schritt weiter, auf die anderthalb Fahrstunden entfernte Insel Sea Forest. Die Pferde wurden allesamt verladen und zur Geländestrecke am Meer gebracht, nicht weit von der Ruderstrecke entfernt, wo gerade noch der Deutschland-Achter seine Silbermedaille geholt hat. Für Jung aber, den exzeptionellen Reiter aus Horb am Rande des Schwarzwalds, soll es Gold werden. Das dritte olympische Einzelgold nacheinander, was historisch wäre.

          Aber natürlich weiß er, dass man dafür am besten ganz geerdet bleibt und seine Arbeit macht. Also ging er am Nachmittag die Geländestrecke noch einmal ab. „Ich hoffe“, sagte er, „dass wir dann einen guten Plan haben.“ Der Cross Country am Sonntag ist das Herzstück des Wettkampfs in drei Disziplinen, die Entscheidung in Mannschafts- und Einzelwertung fällt am Montag im Parcoursspringen.

          Summa summarum liegt die deutsche Mannschaft, mit der traditionell hohe Erfolgs-Erwartungen verbunden sind, vor dem Cross Country auf dem zweiten Platz. Die Leistung von Michael Jung, der als letzter der drei Reiter startete, hat sie von Platz fünf nach vorne katapultiert, nur 2,1 Punkte hinter Großbritannien, was ein winziger Rückstand ist. Auf dem dritten Rang liegt Neuseeland vor Olympia-Gastgeber Japan. Julia Krajewski aus Warendorf als Vierte lag dabei mit ihren 25,20 Punkten im Bereich des Erwarteten. Hätte sich ihre Stute Amande de B‘Neville nicht einmal kurz für die Anzeigetafel interessiert und wäre also im Schritt nicht kurz angezackelt, wäre das Ergebnis noch besser ausgefallen. „Schade“, sagte Hans Melzer, doch er schien zufrieden.

          Die ehemalige Weltmeisterin Sandra Auffarth (Ganderkesee) hatte mit ihrem Wallach Viamant du Matz allerdings keinen so gelungenen Tag. Zu viele Fehler, vor allem ein fehlerhaftes Angaloppieren hatten zur Folge, dass sie auf dem 37. Platz landete mit 34,1 Minuspunkten. Und dem Reglement sei es geklagt: Die Mannschaften bestehen nur noch aus drei Paaren, Streichergebnisse sind abgeschafft. Das erhöht  besonders im Gelände das Risiko auch für die starken Nationen gewaltig. Andererseits dürften Sicherheitsritte für einen Erfolg nicht ausreichen. „Ich glaube, es ist nicht der richtige Weg, wenn wir jetzt alle ganz vorsichtig an die Sache rangehen, nur um am Ende noch dabei zu sein“, sagte Jung. Und Melzer meinte: „Wir wollen nicht nur mitmachen. Wir wollen Top-Ergebnisse abliefern, und das geht nur, wenn alle drei wirklich in allen drei Disziplinen angreifen, auch im Gelände.“

          Die schmucke Geländestrecke wurde auf einer ehemaligen Mülldeponie gebaut. Die größte Schwierigkeit dabei wird wohl das Wetter sein. Es ist heiß in Tokio, und dort gibt es kaum Schatten. Eigentlich war eine längere Distanz geplant, doch wegen der Hitze und der Luftfeuchtigkeit wurde sie auf 4420 Meter verkürzt. Aus dem gleichen Grund wurde der Cross Country in den Morgen verlegt, er beginnt um 7.30 Uhr (0.30 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Olympia, ZDF und Eurosport). Die Idealzeit beträgt 7:45 Minuten. Zwischen den 28 Hindernissen wurden immer wieder längere Galoppstrecken eingebaut, um den Pferden die Chance zum Durchatmen zu geben.

          Technisch anspruchsvolle Strecke

          Die Aussicht ist atemraubend auf den Hafen und die Tokyo Gate Bridge, aber die 62 Reiter werden anderes zu tun haben als das Panorama zu genießen. Die Aufgaben, die der amerikanische Parcoursbauer Derek di Grazia stellt, sind technisch anspruchsvoll, wie es sich für Olympia gehört. Balance ist gefragt, schmale Sprünge müssen getroffen werden, an anderen Stellen wiederum, wenn bergab gelandet wird, braucht es viel Mut. Rein optisch sind die Hindernisse ein Genuss: Von Sushi-Stapeln über Tempelstufen und hölzerne Koi-Karpfen bis zu riesigen Abbildungen des Fujiyama ist viel Japanisches dabei.

          Ein Vorteil für die deutsche Mannschaft ist ihre späte Startzeit, als jeweils Vorletzte ihrer Gruppe. „Wir haben eine sehr gute Ausgangsposition“, sagte Jung. Julia Krajewski als „Pathfinder“ ist erst als Vierzehnte dran, und zwar um 8.24 Uhr, in Deutschland also 1.24 Uhr. Das heißt, sie kann noch aus den Erfahrungen ihrer Vorreiter lernen. Sandra Auffarth startet um 9.36 Uhr (2.36 MESZ). Michael Jung ist vorletzter Starter insgesamt um 10.48 Uhr (3.48 Uhr MESZ), zu einer Tageszeit, in der er wohl mehr als die frühen Starter von der Hitze betroffen sein wird. Aber ein Champion lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. „Es soll ja bewölkt sein. Meist weht eine leichte Brise. Und bei uns war es in diesem Sommer ja auch schon heiß“, sagte er. Aber natürlich weiß er, dass noch viel passieren kann bis ins Ziel. „Man braucht viel Glück mit dem Wetter und anderen Dingen, die man nicht kontrollieren kann.“

          Olympia

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