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Turner Philipp Boy : Stolz und Schmerzen

  • -Aktualisiert am

Absturz: Der leidgeprüfte Turner Philipp Boy fliegt vom Reck Bild: dpa

Die deutschen Turn-Stars wollen in London auftrumpfen. Das gelingt vor dem Mehrkampf-Finale am Montag auch. Nur für den verletzten Philipp Boy ist der Wettkampf ein Martyrium.

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          Philipp Boy, der Beau unter den deutschen Turnern, war grau im Gesicht. Er biss so heftig die Zähne zusammen, dass die Kiefermuskeln hervortraten und sein Gesicht hart und kantig wirken ließen. Er atmete schwer, zwischendurch schaute er in die Fernsehkameras, die jede Regung der Olympia-Turner einfangen, zuckte die Schultern und öffnete zum Zeichen der Hilflosigkeit die Handflächen. Er hatte Schmerzen. Starke Schmerzen.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Aber es gab keine Chance zur Schonhaltung. Er hatte auch gar nicht den Wunsch, sich zu entziehen. Schließlich gibt es im Moment keinen Ort der Welt, wo er lieber wäre als hier, in der North Greenwich Arena in London, auf dem olympischen Turn-Podium. Da hatte er sich hin geträumt seit Monaten, seit Jahren, dort wollte er auftrumpfen, seine Muskeln spielen lassen, um eine Medaille fighten, sich für all die harte Arbeit und die Qual in der Trainingshalle entschädigen mit einem Erfolg. Aber jetzt die Schmerzen, nicht zu knapp.

          Vorkampf der Turner - das klingt so harmlos. Aber bei diesem ersten Wettkampf am Samstag ging es schon um alles. Es wurde entschieden, wer in den kommenden Olympiatagen überhaupt die Finalkämpfe bestreiten darf, bei denen es um die Medaillen geht. Und die deutsche Bilanz ist beachtlich: Fabian Hambüchen hat sich für die Endrunden im Mehrkampf und am Reck qualifiziert, Marcel Nguyen im Mehrkampf, am Barren und im Bodenturnen.

          Philipp Boy für nichts dergleichen. Der Weltmeisterschafts-Zweite im Mehrkampf ist lediglich an diesem Montag beim Mannschaftskampf dabei - die deutsche Riege wurde im Vorkampf Vierte hinter den Vereinigten Staaten, Russland und Großbritannien. Ob er sich voll wird belasten können, ist aber noch unklar. Boys Fuß ist nicht in Ordnung. Und das ist nicht die einzige Verletzung, die ihn quält. Seit Monaten nimmt er Schmerzmittel. Olympia als Martyrium.

          Ein Blick ins Leere: Für den deutschen Turner läuft es nicht wie gewünscht

          Bereits bei der ersten Station, dem Sprung, hörte Boy ein Knacken in seinem rechten Fuß. Schon die Bezeichnung für seinen Sprung klingt wie ein Folterinstrument der Securitate: Dragulescu. Es war aber ein „Handstützüberschlag mit anschließendem Doppelsalto vorwärts gehockt mit halber Längsachsendrehung“ - benannt nach einem rumänischen Turner. Boy sprang zu flach, er landete zwar noch auf den Füßen, dann allerdings auf allen vieren. „Ich dachte, irgendwas tut hier schweinisch weh. Das ist nicht normal.“

          Nicht, dass Boy so etwas nicht kennen würde: Der 25 Jahre alte Cottbuser bestritt seine komplette Olympiaqualifikation verletzt, mit Blessuren am jetzt wieder betroffenen rechten Fuß, am Handgelenk, er litt an einer Blockade im Rücken, einer lädierten Schulter und all den anderen alten und neuen Sachen, die er so schnell gar nicht aufzählen kann. Diesmal stellte Mannschafts-Arzt Hans-Peter Boschert nach einer Kernspin-Untersuchung eine Einblutung des rechten hinteren Sprunggelenks mit Schwellung und Entzündung fest. Den Mannschaftskampf wird er bestreiten - Deutschland braucht Boys Punkte.

          Wenn so viel schiefläuft, können auch mal Tränen fließen

          “Wenigstens mit dem Team bin ich noch dabei“, sagt Boy. „Für mich persönlich hat sich ja alles in Luft aufgelöst. Es ist nicht in Worte zu fassen, wie enttäuscht ich bin.“ Mit dem schmerzenden Fuß bestritt er am Samstag die restlichen fünf Geräte, punktete am Barren. Danach stürzte er vom Reck, platt auf den Rücken, er wirkte verzweifelt. Als Bundestrainer Andreas Hirsch klargeworden war, wie schlimm es um Boy stand, bot er ihm an, aus dem Wettkampf auszusteigen.

          Geht es noch? Auf dem harten Untergrund beim Bodenturnen? Boy riss sich auch jetzt zusammen, knallte so wild entschlossen seine Salti und Schrauben auf das Podium, dass die Zuschauer zusammenzuckten. Lange und tief atmend bereitete er sich auf seine Schlussbahn vor - noch so eine Zerreißprobe. Boy hielt sich gut am Pferd und an den Ringen. Doch als alles vorbei war, stiegen ihm die Tränen in die Augen. „Ich brauche erst ein paar Minuten.“

          Absturz mit Folgen: Philipp Boy ist gesundheitlich angeschlagen

          Die Mannschaftskollegen ließen ihn in Ruhe. Marcel Nguyen, mit dem er im Olympischen Dorf das Zimmer teilt, nahm sich vor, erst einmal andere Themen anzuschneiden - viel Platz, einander aus dem Weg zu gehen, hätten sie nicht. Auch Fabian Hambüchen hält nichts vom Jammern: „Wir haben ihn angefeuert - das war sicher nicht einfach für ihn.“ Er hoffe, sagte der Hesse, der seinen Platz als deutscher Top-Turner nach seiner Verletzung wieder zurückerobert hat, dass die Sache an diesem Montag verdaut sei.

          Nguyen und Hambüchen schienen um so mehr zu strahlen, je trübsinniger Boy wurde. „Ich bin total happy“, sagte Nguyen, der seine eigenen Träume übertroffen hat. Und auch Hambüchen zeigte sich „superglücklich“ über das drittbeste Gesamt-Ergebnis und die gelungene Reck-Übung, die sich noch ausbauen lässt. Während er sich am Reck austobte, habe er die Anfeuerungsrufe seines Vaters Wolfgang gehört, der auf der Tribüne sitzen musste, weil er keine Akkreditierung bekommen hatte.

          Bilderstrecke

          „Wenn ich etwas erkenne, dann die Stimme meines Vaters“, sagte der Wetzlarer fröhlich. Am Reck gehört er wieder zu den Top-Favoriten. „Wir hatten Blickkontakt zwischendurch“, sagt Hambüchen. „Das hat gut getan.“ Philipp Boy rieb sich derweil trübsinnig seinen angeschlagenen Fuß. Schmerz und Stolz - beide gehören zur Turner-Ideologie. Marcel Nguyen hat sich den passenden Spruch sogar auf die Brust tätowieren lassen: „Pain ist temporary - pride is forever.“

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