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Handball-Torwart Wolff : Rückkehr nach innen

Deutscher Rückhalt: Andreas Wolff Bild: dpa

Torwart Andreas Wolff ist auch in Rio Garant des deutschen Handball-Erfolgs. Es liegt wohl vor allem an den Eigenheiten des Europameisters.

          2 Min.

          Manchmal ist das beste Schauspiel eines Handballspiels die Pause. Dann, wenn Andreas Wolff in diesen Minuten noch etwas mit sich selbst zu besprechen hat.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Eine Pause wie die beim 28:25-Sieg gegen Slowenien am Samstag: der Wolff als Raubtier, in einem Käfig mit unsichtbaren Stäben auf dem leeren Spielfeld herumtigernd. Zehn, zwölf schnelle Schritte gehend, dann im rechten Winkel seitlich weg, wieder ein Dutzend Schritte, dann zurück. Den Blick nach innen gerichtet, das Gespräch auch. Das Handtuch über die Schultern geworfen wie ein Boxer in der Ringpause, ist er ständig in Aktion, im Dialog mit sich selbst. Redet mit sich, schimpft mit sich, ohrfeigt sich, schüttelt den Kopf. Bestraft das Handtuch, wirft es auf den Boden, tritt es ein paar Meter weg, hebt es wieder auf. Ist, für jeden sichtbar, für keinen ansprechbar.

          Die beiden Ersatzspieler, die sich währenddessen warm werfen in der von Spielern und Zuschauern nun fast völlig verlassenen Halle, während der Rest des Teams schon lange in der Kabine ist, machen auch keine Anstalten dazu. Sie kennen ihren Torwart. Erst knapp fünf Minuten nach Ende der ersten Halbzeit ist alles Nötige gesagt und abgearbeitet zwischen Wolff und Wolff, ist er bereit, wieder einzutauchen in menschliche Gesellschaft. Er geht in die Kabine, zu den anderen.

          Wolff sei „an Spieltagen so extrem fokussiert, dass man ihn manchmal für bescheuert hält“, sagt Rückraumspieler Julius Kühn. Er nennt es „positive Verrücktheit“. Wolff selbst redet darüber nicht. Er hat nur ausrichten lassen, dass er während des olympischen Turniers keine Interviews gibt. Nicht einmal die zwei, drei schnellen, ungeduschten Sätze gleich nach Abpfiff liefert er. Und hat auch, als Einziger im Team, auf die Teilnahme an der Eröffnungsfeier verzichtet. Der Grund der Zurückhaltung: die „Nebengeräusche“ weglassen, die nach seinem raschen Aufstieg zum Ruhm durch seine Heldentaten beim EM-Sieg im Januar auf ohrenbetäubende Stärke angeschwollen waren. Kein deutscher Handballspieler ist so schnell so berühmt, so gefragt geworden, wurde so herumgereicht wie Wolff in den letzten sechs Monaten.

          Er ist für jeden Gegner schwer zu überwinden

          Nun betreibt er in Rio die Rückkehr von der Außen- in die Innenwelt. Dorthin, wo der Solist im Tor seine Stärke findet. In den ersten Partien in Rio gab es noch leichte Schwierigkeiten durch das Zurechtfinden mit der neuen, seit einem Monat geltenden Handballregel, wonach der Torwart ständig fliegend gegen einen siebten Feldspieler ausgetauscht werden kann. Die Versuche des Überzahlspiels ohne Torwart brachten viel Hektik, viele Treffer in leere Tore - und auch manchen Unfall beim fliegenden Wiedereinwechseln des Torwarts nach Ballverlust. Beim Sieg gegen Polen kollidierte Wolff bei der Jagd zurück von der Bank ins Tor mit Martin Strobel. Später rannte er Paul Drux um.

          Doch dann, beim Sieg gegen Slowenien, unmittelbar nach der Pause der Selbstfindung im Selbstgespräch, zeigte sich Wolff dann auch dieser noch ungewohnten Spielsituation meisterhaft gewachsen. Den Weitwurf eines Slowenen in Richtung des leeren deutschen Tores, wehrte er, von der Bank aus spurtend, im Tiefflug ab, in der Manier eines Fußball-Keepers, der einen Elfmeter hält. Vom fußballkundigen brasilianischen Publikum gab es dafür einen Riesenbeifall.


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          Von Spiel zu Spiel sieht man ihn nun mehr, den Wolff der EM. Grandiose Paraden im Eins-zu-eins brachten gerade in knappen Spielsituationen mehrfach „big points“, wie Sportchef Bob Hanning das nannte. Laut Kollege Steffen Weinhold halte der Torwart zunehmend „mental wichtige Bälle, die uns schnelle Tore geben“, durch Tempo-Gegenstöße, die den Gegner entnerven. Beim Sieg gegen Ägypten, der am Montag den Gruppensieg sicherte, hielt Wolff drei Siebenmeter und zahlreiche Rückraumwürfe. Bis zur Pause wehrte er die Hälfte aller Würfe ab, die auf sein Tor kamen.

          Während er am Anfang des Turniers Wolffs Leistung „noch nicht Weltklasse“ fand, sagt Hanning inzwischen, dass „er nun richtig drin ist im Turnier“. Gerade rechtzeitig, da das Turnier richtig losgeht, mit dem Viertelfinale an diesem Mittwoch gegen die zusammengekaufte Truppe aus Qatar, die Hanning eine „Europaauswahl“ nennt. Wolff wird versuchen, die Legionäre vom Golf schon in der ersten Halbzeit zu entnerven. Und in der Pause mit sich selber besprechen, wie gut ihm das gelungen ist.

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