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Fahnenträger Timo Boll : Botschafter des Teams

  • -Aktualisiert am

Ein Tischtennisspieler geht voran: Timo Boll ist deutscher Fahnenträger bei der Olympia-Eröffnungsfeier Bild: Picture-Alliance

Schwarz-Rot-Gold in der Hand statt Tischtennisschläger: Timo Boll ist Fahnenträger des deutschen Olympiateams. Der Tischtennisspieler hat sich in einer Wahl unter Sportlern und Fans durchgesetzt.

          3 Min.

          Ist das die Antwort des deutschen Sports auf die Fratze des Doping-Betrugs, die vor den Spielen in Rio enthüllt wurde? Ein freundliches, schüchternes Lächeln eines Deutschen, der in China bekannter sein soll als in der Heimat: Timo Boll, der Tischtennisstar, ist zum Fahnenträger der deutschen Olympiamannschaft beim Einmarsch an diesem Freitag zur Eröffnung der Sommerspiele der XXXI. Olympiade gewählt worden.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Und zwar nicht von einem Funktionärskader nach hartem Kampf hinter den Kulissen, sondern von den Athleten seines Teams und von der deutschen Bevölkerung: „Ich bin stolz, dass mir diese Ehre zuteilgeworden ist. Und vielleicht noch ein bisschen stolzer, weil das Team und die Bevölkerung diese Wahl getroffen haben“, sagte Boll mit leiser Stimme am Donnerstag während seiner Vorstellung im Deutschen Haus in Rio.

          Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hatte sich erstmals auf diese im Ansatz demokratische Wahl eingelassen und nur bei der Auswahl der Kandidaten Einfluss genommen: Neben Boll hatten Moritz Fürste (Hockey), Ingrid Klimke (Vielseitigkeit), Kristina Vogel (Radsport) und auch Lena Schöneborn (Moderner Fünfkampf) zur Wahl gestanden. Wie das Votum unter den Athleten ausfiel, wollte der DOSB nicht preisgeben. Nur dies: 300.000 deutsche Sportfans beteiligten sich an dieser ersten teils öffentlichen Wahl eines Fahnenträgers.

          Fast alles gewonnen - und noch etwas mehr

          „Alles Olympiasieger“, sagte Boll, „sie hätten es auch verdient gehabt.“ Der Mann aus dem Odenwald gehört nicht zu diesem hochdekorierten Kreis. Aber er hat aus Sicht des deutschen Tischtennis alles gewonnen, was man auf diesem Globus gewinnen kann, wenn man nicht in die chinesische Tischtennis-Welt hineingeboren ist: Silber und Bronze mit der Mannschaft bei Olympia, sechsmal die Europameisterschaft im Einzel, fünf Champions-League-Turniere für den TTV Gönnern und Borussia Düsseldorf.

          Und außerdem kletterte er als erster Deutscher an die Spitze der Weltrangliste, 2003, also doch auf einen Rang, der unter Sportlern mitunter höher eingeschätzt wird als ein großer Turniersieg: Weil man über einen langen Zeitraum der Beste sein muss. Selbst die Chinesen blieben kurzfristig hinter ihm.

          Die Zuneigung und der Respekt für Boll scheinen über den außergewöhnlichen Karriereweg enorm gewachsen. Auf der Suche nach der Perfektion machte sich der inzwischen 35 Jahre alte Familienvater auf nach China, trainierte dort mit den Besten, um sie eines Tages schlagen zu können. Zu einem olympischen Finale ist es nicht gekommen, in Rio träfe er schon im Viertelfinale auf den chinesischen Star Ma Long, so beide bis dahin ihre Spiele gewinnen.

          Fairer Sportsmann

          Aber dieser außergewöhnliche Zweikampf an der Platte inspirierte offenbar nicht nur den DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann zu einem sportpolitischen Kommentar, der an die berühmte „Ping-Pong-Diplomatie“ zwischen China und den Vereinigten Staaten erinnerte: „Schauen wir auf die Situation in seiner Sportart, auf diesen sportlichen Ost-West-Konflikt, in dem China den Ton angibt. Diese Führung hat er auf faire, spannende Art auf die Probe gestellt.

          Glückwunsch an den Fahnenträger: DOSB-Chef Alfons Hörmann mit Timo Boll (r.)

          Schöner kann ein Wettbewerb nicht sein. Und er wird in China nicht als Gegner, sondern als Freund wahrgenommen. Da kommt die Völkerverbindung zum Tragen. Das hat sowohl die Mannschaft als auch die Bevölkerung bewogen, ihn zu wählen.“ Vielleicht.

          Womöglich aber hat neben dem Erfolg und der deutsch-chinesischen Leidenschaft ein über Jahrzehnte gepflegte außergewöhnliche Haltung dem Linkshänder „vielleicht“ einen „Karrierehöhepunkt“ beschert. „Ich habe noch nie in seiner Laufbahn erlebt, dass er eigenes Pech verantwortlich für eine Niederlage gemacht hätte“, sagte Hans Wilhelm Gäb, der frühere Tischtennis-Nationalspieler und Ehrenvorsitzende des Deutschen Tischtennis-Bundes. „Er kämpft um jeden Ball, kennt kein Aufgeben, aber auch bittere Niederlagen nimmt er in der Haltung eines Gentlemans hin.“ Bei der WM in Shanghai 2005 korrigierte Boll den Schiedsrichter, der ihm im Spiel gegen den Chinesen Liu Guo Zheng schon den Siegpunkt zugesprochen hatte.

          Umfrage

          Wer soll Fahnenträger der deutschen Olympiamannschaft werden?

          598 Stimmen wurden abgegeben.

          50%
          Timo Boll
          15%
          Moritz Fürste
          10%
          Ingrid Klimke
          16%
          Lena Schöneborn
          9%
          Kristina Vogel
          Die Umfrage ist geschlossen. Alle Umfragen

          Der Deutsche machte dem Unparteiischen darauf aufmerksam, dass Lius angeblicher Ball ins Aus noch hauchzart seine Tischkante berührt hatte. Boll verlor das Match (zwar nicht in dieser Szene). Aber der Gewinn war um vieles größer: 25 Millionen Fernseh-Zuschauer in China wurden Zeugen dieser einzigartigen Geste.

          „Timo ist ein Sportler, der lieber verliert, als zu betrügen oder von irrigen Schiedsrichterentscheidungen zu profitieren“, sagt Gäb, einst Opel-Manager und auch Vorsitzender der Stiftung Deutsche Sporthilfe: „In zwanzig Jahren Hochleistungssport habe ich ihn noch nie erlebt, dass er über einen Gegner abfällig geredet hätte. Er lebt das Motto der Sporthilfe vor: Leistung, Fairplay, Miteinander! Der deutsche Sport kann stolz auf ihn sein.“

          Das ist er offenbar. DOSB-Präsident Alfons Hörmann, zuletzt von Gäb heftig kritisiert wegen dessen Unterstützung von IOC-Präsident Thomas Bach bei der Entscheidung, die Russen nicht von den Spielen auszuschließen, strahlte angesichts des „gelungenen“ Experiments seines Verbandes: „Timo Boll ist der Botschafter des Teams hier in Rio, besser hätten wir es nicht erwischen können.“

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