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Springreiten bei Olympia : Goldene Flugreise

  • -Aktualisiert am

Daniel Deußer auf seinem neuen Pferd Killer Queen Bild: Reuters

Ben Mahers Wallach Explosion wird im Stechen seinem Namen gerecht. Der Deutsche Daniel Deußer aber erlebt eine Enttäuschung und landet auf Platz 18. Anschließend übt er Selbstkritik.

          3 Min.

          Es ist schön anzusehen, das Miniatur-Japan, das sich die Baumeister der Olympischen Spiele von Tokio für die Springspezialisten und ihre Pferde ausgedacht haben. Über Sushi-Rollen und entlang blühender Kirschbäume, an Sumo-Ringern und Samurais vorbei führt der Ritt zum möglichen Medaillenglück. Bundestrainer Otto Becker geriet beim Anblick der Hindernisse vor dem Einzelfinale an diesem Mittwochabend geradezu ins Schwärmen. So vielfältig, so liebevoll gestaltet habe man selten einen Parcours gesehen. Eines solchen Anlasses sei das allemal würdig.

          Eine Stunde später war von der Begeisterung des 62-Jährigen nicht mehr viel zu spüren. Der Kurs sei vielleicht doch etwas zu schwer gewesen. Im Umlauf blieben von 30 nur sechs Paare fehlerfrei und erreichten damit das Stechen. Der einzige Deutsche, der nach der Qualifikation einen Tag zuvor überhaupt noch mal in den Sattel steigen durfte, war nicht darunter.

          Acht Fehlerpunkte für Deußer

          Der gebürtige Wiesbadener Daniel Deußer, aktueller Erster der Weltrangliste, musste mit der Stute Killer Queen acht Fehlerpunkte hinnehmen und schloss den Einzelwettbewerb auf Platz 18 ab. Den Einsprung der zweifachen Kombination erwischte Deußer nicht passend – die unvermeidliche Folge war ein Abwurf am Aussprung. Am vorletzten Hindernis, einem schön gestalteten Kirschblüten-Oxer, passierte ihm ein weiteres Missgeschick. „Das Pferd hat sich toll angefühlt“, sagte Deußer mit Blick auf das Distanzproblem selbstkritisch. „Ich muss einfach besser reiten.“

          Das Stechen der besten Sechs wurde zu einer Gala des Briten Ben Maher und seines Wallachs Explosion, der seinem Namen alle Ehre machte. Nach 37,85 Sekunden beendeten die beiden ihre Flugreise durch den Parcours und waren damit 17 Hundertstelsekunden schneller als der beste Verfolger. Auch Maher erwischte einen Absprung nicht richtig, doch sein sprunggewaltiges Pferd überwand trotzdem scheinbar mühelos auch diese Hürde. Zweiter wurde der Schwede Peder Fredricson auf All In, Bronze gewann der Niederländer Maikel van der Vleuten, der mit seinem Wallach Beauville eine Sekunde länger gebraucht hatte als der Sieger.

          „Ich habe noch nie so ein unglaubliches Pferd gehabt wie ihn“, erklärte Maher mit Blick auf seinen souveränen Gefährten. „Seine Geschwindigkeit ist auf einem phänomenalen Level.“ Zudem verbinde die beiden „ein ganz besonderes Verhältnis“. Explosion unterstütze seinen Reiter in allem, „er würde mir sogar das Frühstück zubereiten, wenn er könnte“.

          Gemeinsam gewannen die beiden schon die lukrative Global Champions Tour und bei den Europameisterschaften 2019 in Rotterdam Einzelsilber und Mannschaftsbronze. Es ist erst wenige Monate her, dass Maher sich einem Eingriff am unteren Rücken hatte unterziehen müssen – die Operation scheint gelungen. Einen großen Einzeltitel hatte es für Maher bislang noch nicht gegeben. Folglich war von ihm keine Kritik mehr am Modus des olympischen Springturniers zu hören. Er hätte sich höchstens nur drei Reiter im Stechen gewünscht, „dann hätten alle eine Medaille bekommen“.

          Der Schwede Fredricson dagegen hätte es vorgezogen, man hätte wie früher erst die besten Mannschaften ermittelt. „Ich mag es lieber andersherum“, sagte er. „Wir sind hier für unser Land, und normalerweise kämpfen wir erst dafür, bevor es um die Einzelmedaillen geht.“ Für den Nationenpreis ist sein Team nun favorisiert, denn auch seine beiden Landsleute erreichten das Stechen: Henrik von Eckermann wurde mit King Edward Vierter, Malin Baryard-Johnsson mit Indiana Fünfte. „Ich war beeindruckt von unseren Pferden“, betonte der Zweitplatzierte. „Sie sind offenbar bestens in Schuss.“ Die Tour durchs kleine Japan scheint ihnen gefallen zu haben.

          Pannen nur Ausrutscher?

          Am Freitag und Samstag, wenn es um die Mannschafts-Medaillen geht (jeweils 12 Uhr MESZ), kann der zerknirschte Deußer beweisen, dass die Pannen im Einzelfinale nur Ausrutscher waren. Er dürfte dafür gesetzt sein, auch wenn laut Becker die Aufstellung seines Trios noch nicht feststeht. Andre Thieme (Plau am See) und Christian Kukuk (Riesenbeck) waren bereits in der Qualifikation für das Einzelfinale ausgeschieden, stünden aber für die Mannschaft bereit.

          Sicher ist, dass mit Maurice Tebbel und Don Diarado frische Kräfte eingewechselt werden. Becker glaubt nicht, dass diejenigen, die das Einzelfinale bestritten haben, einen Vorteil genießen, weil ihre Pferde die laut Deußer „teils gespenstischen, teils lustigen Zäune“, die die Pferde irritieren, jetzt schon besser kennen. Im Gegenteil, er rechnet damit, dass sich bei dem einen oder anderen die Spuren der Anstrengung bemerkbar machen werden. „Sie waren ja dafür auch schon zweimal im Einsatz.“

          Der Bundestrainer hofft nicht nur deshalb, dass der Parcourschef Santiago Varela aus Spanien ein Einsehen hat und in der ersten Runde am Freitag ein bisschen leichter baut, um mehr Reitern die Chance zu geben, ohne unschöne Szenen durchzukommen. Im Finale der zehn besten Teams am Samstag wird er die Reiter und Pferde dann sicher auf Herz und Nieren prüfen.

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