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Kanute Sideris Tasiadis : Eiskalt in brodelnden Fluten

  • -Aktualisiert am

Mit geballter Faust: Am Ende reichte es für Sideris Tasiadis für Platz drei. Bild: Reuters

Sideris Tasiadis gewinnt in Tokio die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen im Kanuslalom. In Paris will er seinen olympischen Medaillensatz komplettieren.

          3 Min.

          Da stand er, regungslos. Einer noch im Rennen. Einer, der Sideris Tasiadis verdrängen könnte vom dritten Rang, rauswerfen aus dem Medaillentrio. Wer will schon Vierter werden, Vierter nach Rang fünf bei den Olympischen Spielen in Rio 2016 und dem Gewinn der Silbermedaille in London 2012? Nur das nicht.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          100 Sekunden noch am Montag bis zur Lösung der Spannung im Kasai Kanu Slalom-Center von Tokio. Die Flaggen der Nationen an den hohen Masten flatterten in der Brise. Aber sie kühlte nicht. 30 Grad Celsius, eine Schwüle unter schweren grauen Wolken drückte. Die Zuschauer, Sportler, Teammitglieder, Funktionäre, Journalisten schwitzten.

          Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, der so protokollbewusste Thomas Bach, legte sein Jackett zur Seite. Tasiadis muss auch geschwitzt haben, als er unter einem grauen Zeltdacht am Ende des Kanals auf den Monitor schaute, an Position drei vor dem letzten Lauf des Finales, also auf der Kippe. Er steht schulterbreit. Er kreuzt vor dem Start des Franzosen Martin Thomas die kräftigen Hände vor der Hüfte. Und verharrt in dieser Position, bis alles vorbei ist. Ungerührt von dem, was sich im Kanal tat? „Ich bin ein gelassener Mensch“, sagt er: „Ich konnte ja nichts mehr machen.“

          Ein Fehler reicht

          Rückblende um zehn Minuten: Tasiadis fährt als Fünfter von zehn Finalteilnehmern los. Er tanzt kniend in seinem kleinen Bötchen, Typname Canadier, durch Wellen und Walzen, die künstliche Hindernisse unter Wasser erzeugen. Mal steht er quer, dann geht es rückwärts durch eines der 25 Stangentore. „Don’t touch“, bloß nicht berühren. Schon gäbe es Strafsekunden. Plötzlich zeigt die Bootsspitze in den Himmel vor einer halben Drehung rückwärts.

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          Geschickt beugt er blitzschnell den Oberkörper, um mit dem Kopf samt weißem Helm unbeschadet durch das nächste Tor zu gleiten. Schön mit dem Schub des Stroms über eine Stufe mit Schwung, leicht eintauchend. Aber dann driftet das Boot aus der Linie. Den Lauf des gewaltigen Wassers gegen sich, muss er kämpfen, sticht hinein mit dem Paddel in die brodelnde Flut, zieht sich langsam heraus gegen Welle auf Welle. Die Zeit verrinnt. Experten stöhnen auf. „Das hat mich drei Sekunden gekostet“, erzählt Tasiadis. Ausgepumpt erreicht er das Ziel. Brüllt „ja“. Dann beginnt das Warten.

          Der Augsburger sieht die „perfekte“ Fahrt des Slowenen Benjamin Savsek, den keiner mehr unterbietet. Lukas Rohan aus Tschechien ist fast zwei Sekunden schneller als der 31 Jahre alte Deutsche. Und noch drei sind an der Reihe, die im Halbfinale besser waren. „Man sieht, wie schnell das geht in unserem Sport“, sagt Tasiadis, „ein Fehler reicht.“ Und Sekunden fließen dahin. Seinen am Tor 19 führt er auf die linke Hüfte zurück: „Etwas zu weit links, da war ich zu spät für das Aufwärtstor.“ Das kostet Silber.

          Kanuslalom scheint etwas für Gleichgewichtsspezialisten mit gewaltiger Kraft in den Armen, einem Sinn für die Wahl der Route und einem Gespür für den Fluss des Wassers zu sein. Der Drittletzte im Rennen aus Spanien leistet sich mehrere Fehler, der Vorletzte aus Australien touchiert zu viele Stangen. Jetzt nur noch der Franzose. Geschmeidig, wendig, es läuft, er spielt mit der Strömung, während Tasiadis wie in Stein gemeißelt steht. Man kann sich gut vorstellen, dass der Polizeiobermeister der bayerischen Polizeifördergruppe in heiklen Momenten die Ruhe behält. So einer deeskaliert, wenn andere kochen. Was man im Slalom-Center am Montag nicht sah: „Ein bisschen mitgezittert habe ich schon.“ Nicht 100 Sekunden, aber vielleicht 90.

          „Wir sehen uns in drei Jahren“

          Am vorletzten Tor wusste Tasiadis, dass fünf Jahre harte Arbeit für Bronze reichen. Sofort kommen die Gratulanten, drücken und herzen ihn, der Präsident des Kanu-Verbandes, Thomas Konietzko, umarmt seinen ersten Medaillengewinner von Tokio innig. Der sagt später mit leicht nüchternem Unterton im schwäbischen Dialekt: „Meine Freude ist groß.“ Tasiadis hatte Gold im Blick gehabt. Sein Trikot zeigt die nominelle Hackordnung in der Szene an: Nummer eins für die Position in der Weltrangliste. „Dann will man auch zeigen, dass man die Nummer eins ist. Das habe ich mir hart erarbeitet, das geht ja nicht in einem Rennen.“ Vor dem Olympiasieger verbeugt er sich rhetorisch. „Das war cool.“ Und seine Fahrt? „Ich hatte es in der Hand. Vielleicht wollte ich zu viel.“

          Das Tempo ist höher geworden im Kanal, seit die Schwimmwesten nicht mehr vor dem Bauch getragen werden müssen, sondern unter der Spritzdecke hängen. Mit der gewonnen Beweglichkeit lassen sich die Tore aggressiver anfahren. Tasiadis veränderte im Winter 2019 sein Boot. Es wurde um zwei Zentimeter schmaler, der Rumpf runder, damit es schneller dreht, agiler ist. Damit steigt das Risiko: „Ja, es ist schwerer zu fahren. Aber die Entscheidung war richtig“, sagt er mit der Bronzemedaille vor der Brust und einem Sonnenblumengesteck in der Hand. Mit etwas Ruhe werde er die Tour noch genau analysieren.

          Das kann schon in wenigen Tagen sein. An diesem Dienstag darf er seine Teamkollegin, die aussichtsreiche Ricarda Funk, noch anfeuern. Am Mittwoch, das schreibt die Corona-Regelung für Olympiateilnehmer vor, geht’s zurück nach Deutschland. Zu seinen Liebsten, zur Freundin und zur Hündin. Milu ist eine Art Kanalexpertin. In Augsburg begleitet sie Tasiadis beim Training auf Schritt und Tritt. Er im Boot, sie an Land im gleichen Tempo und immer in der gleichen Richtung, ohne Abschweifungen. „Sie ist wichtig“, sagt Tasiadis, „sie motiviert mich.“ Nach Silber daheim an der Wand und Bronze ist noch etwas Platz? Tasiadis reagiert sofort: „Wir sehen uns in drei Jahren.“ Zu Olympia in Paris.

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