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Slalomkanut Aigner : Wilder Ritt zu Bronze

  • -Aktualisiert am

Wenig Risiko genügt? Aigner wirkt in seinem Sport dennoch spektakulär Bild: dapd

Mit digitalem Krach zu Bronze: Der Augsburger Hannes Aigner bleibt im Wildwasserkanal ganz ruhig. Sein Motto: Wenig Risiko und ein altes Boot genügen im Radau von Wasser und Zuschauern.

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          Der Teampsychologe der deutschen Kanuten hatte vor einiger Zeit eine olympische Idee. Weil die Athleten gewöhnlich selbst bei ihren Welt- und Europameisterschaften vor einem ebenso übersichtlichen und beschaulichen Publikum eine Wildwasserstrecke hinabpaddeln und sich nie und nimmer auf den Lärm von London hätten einstimmen können, stellte er ein digitales Motivationsprogramm zusammen: eine Geräuschkulisse, die aus jauchzenden, schreienden, trötenden und sonst wie Krach schlagenden Menschen bestand. Dann legte er den deutschen Slalomkanuten einen MP3-Player ins Boot, ließ sie die Ohren verstöpseln und jagte sie damit die künstliche Londoner Anlage hinab.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auf diese Weise sollte der olympische Ernstfall von 12500 Zuschauern im Lee Valley White Water Centre simuliert werden. Was aber auf der Aufnahme fehlte, war der Jubel bei der Siegerehrung, wie ihn Hannes Aigner am Mittwoch nach seiner Bronzemedaille im Kajak-Einer erlebte.

          Ziel erreicht

          Nach seiner finalen Laufzeit von 94,92 Sekunden fehlten dem Augsburger nur 14 Hundertstel auf den zweitplatzierten Tschechen Vavrinec Hradilek. „Ich bin mit mir im Reinen, weil ich gut gefahren bin“, sagte Aigner, „ich habe mein Ziel erreicht und weiß es zu genießen.“

          Olympiasieger wurde Daniele Molmenti - an seinem 28. Geburtstag. Nach dem WM-Triumph von 2010 sowie drei EM-Titeln holte der Italiener in 93,43 Sekunden erstmals auch olympisches Gold.

          Alle Medaillen des Mittwochs

          Aigners Augsburger Kollege Sideris Tasiadis hatte dem vom Teampsychologen empfohlenen künstlichen Krachgemache nichts abgewinnen können und auf die Knöpfe im Ohr verzichtet - er holte am Dienstag Silber. Tags darauf erfüllte der 23 Jahre alte Aigner seine Mission, die er bei der Olympiavorbereitung simuliert hatte, und damit auch schon am zweiten von drei Finaltagen die Erwartungen des Deutschen Kanuverbandes (DKV).

          Zwei Medaillen sollten es sein, nun besteht sogar die Chance auf Nummer drei, an diesem Donnerstag durch Jasmin Schornberg im Kajak-Einer der Damen. „Die Pflicht ist erledigt, jetzt kommt die Kür“, sagte DKV-Sportdirektor Thomas Karl.

          Auf den Lärm, der ihn auf der dreihundert Meter langen Strecke begleitete, war der Europameisterschafts-Dritte Aigner vorbereitet, als er am Mittwoch zweimal die Wildwasserbahn hinabsauste. Schon bei seinem Halbfinale, das er am Mittag mit der zweitschnellsten Zeit hinter sich gebracht hatte (nach einer Zwei-Sekunden-Strafe wegen Torberührung zog er aber nur als Fünfter ins Finale ein), lärmte das Publikum, das von den Tribünen aus unten die Gischt sah und von oben den englischen Nieselregen spürte.

          Was den Oberschwaben aber nicht weiter störte. „Die letzten Wochen waren von der Psyche her sehr anstrengend“, sagte Aigner nach seinem letzten wilden Ritt durch die 23 Tore. Bis zum allerletzten Starter, dem Weltmeister Peter Kauzer, hielt die Anspannung an. Doch weil der Slowene auf dem Wasser dreimal patzte und sich sechs Strafsekunden einhandelte, durfte Aigner an Land aufs Treppchen steigen.

          Wenig Risiko genügt? Aigner wirkt in seinem Sport dennoch spektakulär Bilderstrecke

          Zwar konnten die deutschen Kanuten in dieser Disziplin nicht ganz ihre Erfolgsserie der vergangenen Jahrzehnte mit vier Olympiasiegern - zuletzt Alexander Grimm 2008 in Peking - fortsetzen. Doch die Kaltschnäuzigkeit Aigners machte große Hoffnung für die Zukunft. „Dass ein so junger Kerl die Nerven behält und das durchzieht, ist beeindruckend“, sagte Bundestrainer Michael Trummer.

          Ein Einwand kam ausgerechnet vom Bronzemedaillengewinner selbst: Dass er im Frühjahr in der deutschen Olympiaqualifikation den Peking-Sieger Grimm geschlagen habe, sagte Aigner, zeige, „wie kurzlebig der Erfolg im Kanuslalom ist“.

          Im alten Kajak zur Medaille

          Der Sportsoldat, der nebenbei im sechsten Semester Betriebswirtschaftslehre studiert, geht im deutschen Team seinen eigenen Weg; nicht an Land, wo ihn Teamkollegen, Familie und Freundin, die Kanutin Melanie Pfeifer, auch am Mittwoch lautstark unterstützten, sondern im Wildwasserkanal.

          Als einziger verzichtete er in London auf einen Start im nagelneuen weißen Olympiaboot, sondern nahm weiter in seinem gewohnten schwarzen Kajak Platz. Das neue Heck sei zu flach, das Volumen zu klein gewesen, sagte der Augsburger. „Er hat manchmal seinen eigenen Kopf“, behauptete sein Heimtrainer Thomas Apel. „Aber man hat früh gemerkt, dass er ein Wettkampftyp ist.“ Einer, der alles auf die Farbe schwarz setzt und damit am Ende Bronze gewinnt.

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