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Skateboarden bei Olympia : „Alles ist ein bisschen krasser“

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Skaten im Zeichen der Ringe: Die deutsche Skateboarderin Lilly Stoephasius im olympischen Skatepark in Tokio Bild: dpa

Mit 14 Jahren geht die deutsche Skateboarderin Lilly Stoephasius bei den Olympischen Spielen in der Disziplin „Bowl“ an den Start. Ihr Alter ist dabei nicht einmal ungewöhnlich.

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          Fünf Tage hatte Lilly Stoephasius Zeit, um ihren Lauf in der Skateboard-Anlage in Tokio einzuüben. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag (2 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zu den Olympischen Spielen, in der ARD und auf Eurosport) wird die 14 Jahre alte Berlinerin als einzige deutsche Frau in der neuen Disziplin „Bowl“ an den Start gehen. Die Form einer Bowl ähnelt leeren Poolbecken. Die Fahrerinnen springen über den Rand der Bowl hinaus, gleiten über Metallstangen, die am Rand der Bowl angebracht sind, und werden für Eleganz, Schwierigkeit und Ausführungen ihrer Tricks bewertet. Wenn Stoephasius durch die Bowl jagt, gleicht das einer Achterbahnfahrt ohne Gleise. Sie fliegt aus der Bowl hinaus, greift an ihr Brett, nimmt beim Landen Schwung auf und rast zur anderen Seite. Wenn sie sich verschätzt, endet der Sprung krachend auf ihren großen Knieschonern. Dann atmet sie kurz durch, sammelt ihr Brett auf, rennt die Rampe hinauf und wartet, bis sie wieder an der Reihe ist.

          In dem Startfeld von 20 Frauen ist Stoephasius’ Alter von gerade einmal 14 Jahren nichts Besonderes. Olympisches Skateboarden ist eine junge Sportart mit jungen Athletinnen. Im dem Street-Wettbewerb der Skaterinnen, der vergangene Woche ausgetragen wurde, waren ausschließlich Teenagerinnen auf dem Podium: Die 13 Jahre alte Japanerin Momiji Nishiya gewann vor der ebenfalls erst 13 Jahre alten Rayssa Leal aus Brasilien und der 16 Jahre alten Japanerin Funa Nakayama.

          Außergewöhnlich an Stoephasius’ Teilnahme ist vielmehr, dass sie aus einem Land kommt, in dem es keine Trainingsanlagen gibt, die mit jener in Tokio vergleichbar wären. Wenn Lilly Stoephasius in Berlin trainiert, fährt sie nicht auf einer perfekt gegossenen Betonbahn wie jener in Tokio. Ihre Trainingsanlage in Berlin ist umgeben von Clubs und Bars. Die Bowl ist aus Brettern zusammengeschreinert, es läuft Musik, draußen werden Limo und Bier verkauft. Kaum jemand trainiert hier für Wettkämpfe. Zur Vorbereitung auf Olympia reiste Lilly mit ihrem Vater und Trainer Oliver Stoephasius quer durch Europa. In Malmö, Amsterdam und Paris stehen Anlagen, die jener in Tokio nahekommen.

          Oliver Stoephasius schenkte Lilly ihr erstes Skateboard, als sie drei Jahre alt war. Mit fünf Jahren begann Lilly regelmäßig zu trainieren, mit elf Jahren war sie deutsche Meisterin. In Tokio hat sie in der Qualifikation drei Versuche, um sich für das Finale zu qualifizieren. Jede Starterin hat dreimal 45 Sekunden Zeit, um die Kampfrichter zu überzeugen. Am Ende jedes Laufs gibt es eine Bewertung zwischen null und hundert Punkten, die besten acht Teilnehmerinnen erreichen das Finale. Zu den Favoriten zählen die Japanerinnen und die Amerikanerinnen.

          „Das Niveau ist extrem hoch“

          Für Lilly Stoephasius wäre es ein Erfolg, unter die besten zehn zu kommen. Vor allem geht es ihr jedoch darum, Skateboarden als Leistungssport in Deutschland voranzubringen. „Mein Ziel ist es zu zeigen, dass Skateboardfahren viele Seiten hat – und eine davon ist Leistungssport. Wenn die Teilnahme in Tokio dazu beiträgt, dass in Berlin oder woanders in Deutschland ein Park gebaut wird, wäre das ein großer Schritt.“ Oliver Stoephasius ist gemeinsam mit dem Bundestrainer Jürgen Horrwarth mit Lilly nach Tokio gereist. Horrwarth ist ein ehemaliger Profi-Skateboarder. Er war auf vielen großen Wettkämpfen, doch keiner war wie jener in Tokio. „Alles ist ein bisschen krasser. Das Niveau ist extrem hoch.“ Er ist mit Lillys Vorbereitung zufrieden. „Nur manchmal wird es etwas hektisch, wenn alle gleichzeitig trainieren. Wegen Sicherheitsbestimmungen und Corona-Regeln gibt es viele Vorschriften, alles findet auf die Sekunde nach Zeitplan statt. Das sind wir im Skateboarden nicht unbedingt gewohnt.“

          Oliver Stoephasius hat in den 70er-Jahren mit Skateboardfahren begonnen und die Entwicklung von einer halblegalen Beschäftigung von Aussteigern in Kalifornien zu einem professionellen Sport miterlebt. Den Vorwurf, dass Skateboarden durch die Aufnahme zu Olympia sich selbst nicht treu bleibe, teilt er nicht. „Die Skateszene entwickelt sich jetzt in unterschiedliche Richtungen. Es gibt jene, die Skateboarden als Lifestyle betrachten und darauf beharren, dass es kein Sport ist. Gleichzeitig nimmt die Entwicklung in Richtung Leistungssport an Fahrt auf. Die Parks werden immer besser, genau wie die Profis. Es wird sich eine Lücke auftun zwischen den Freizeitfahrern und den Profis, aber an dem Großteil der Skateszene muss das nichts ändern. Auch wenn Skateboarden bei Olympia ist, kann immer noch jeder durch die Gegend rollern, wie er mag. „Der eine fährt mit seinem Longboard und holt Brötchen, der andere trainiert professionell.“ Der ewige Widerspruch zwischen Lifestyle und Profisport, zwischen der freien Entwicklung eines Sports und klarem olympischen Regelwerk löst sich auf, wenn der Veteran Stoephasius über die Szene spricht.

          Für Lilly bleibt auch im Wettkampfsport genug Raum für Kreativität. „Beim Skateboarden ist nichts vorgeschrieben, du kannst alles selbst gestalten. Jeder macht andere Tricks, alle fahren unterschiedlich.“ In ihren Läufen wird sie ihre besten Tricks vorführen, jene, die sie in der Bretterbude in Berlin gelernt hat und für die sie nun die große Bühne in Tokio hat.

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