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Silber im Mehrkampf : Marcel Nguyens große Turnshow

Er gewinnt die Medaille: Marcel Nguyen Bild: dpa

Erstmals seit 76 Jahren gewinnt Deutschland bei Olympia eine Medaille im Turn-Mehrkampf. Marcel Nguyen holt sich nach einer Aufholjagd Silber und muss sich nur Kohei Uchimura geschlagen geben. Fabian Hambüchen indes verturnt sich mehrfach.

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          Der Schmerz vergeht, der Stolz bleibt ewig - diese Worte hatte sich Marcel Nguyen vor den Spielen von London in englischer Sprache quer über die Brust stechen lassen. Am Mittwochabend baumelte über der Brust mit den heroischen Worten eine jener Belohnungen, die olympische Sportler tatsächlich für Jahre der Mühen, Plagen und Schmerzen entschädigen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Es war die wuchtige, handtellergroße Silbermedaille im Mehrkampf, die den 24-jährigen Münchner mit dem Ergebnis 91,031 Punkten als den zweitbesten Turner der Welt hinter dem überlegenen Japaner Kohei Uchimura (92,690) auszeichnete. Bronze gewann der Amerikaner Danell Leyva (90,698), abgeschlagen auf Platz 15 unter den 24 Startern landete der zuvor höher als Nguyen eingeschätzte Fabian Hambüchen (87,765).

          Kopfüber: Am Reck Bilderstrecke

          Es gibt wahrlich olympische Medaillen, die leichter zu haben sind als diese. 76 Jahre lang, seit dem Olympiasieg von Alfred Schwarzmann in Berlin, hatte kein Deutscher mehr bei der Krönung kompletter Turnkunst auf dem olympischen Treppchen gestanden. Es belohnte eine unglaubliche Aufholjagd, die nach dem Seitpferd für Nguyen auf dem letzten Platz begonnen hatte und nach fünf weiteren, tadellosen Übungen auf dem zweiten endete, distanziert nur noch von dem Favoriten und dreimaligen Weltmeister Uchimura.

          Schon nach seiner tadellosen finalen Übung am Boden hatte der Sohn einer Deutschen und eines Vietnamesen geahnt, dass es für eine Medaille reichen musste - Trainer Andreas Hirsch und die anderen Betreuer drückten und herzten ihn schon. Doch noch musste er als letzter Turner der Konkurrenz gebannt auf den großen Videowürfel unter dem Dach der kolossalen North Greenwich Arena starren, bis endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, die Wertung von 15,300 und damit die Plazierung als Zweiter aufleuchtete. Da hoben sie das athletische Leichtgewicht auf die Schultern.

          Auf der Tribüne jubelte ihm Kollege Philipp Boy zu, der zweimalige WM-Zweite im Mehrkampf, der vor Olympia als Anwärter auf diese Medaille gegolten hatte, dann jedoch in der Qualifikation in London nur drittbester Deutscher war und so das Mehrkampffinale verpasste.

          Und dann hatten vor dem Finale alle nur von Hambüchen geredet, dem deutschen Vorturner, der nach seiner fehlerlosen Leistung in der Qualifikation als Treppchenkandidat galt. Doch am Ende war es Marcel Nguyen, der die große Turn-Show bot. Während bei Hambüchen schon nach seiner enttäuschenden Seitpferd-Wertung wegen eines groben Fehlers bei der Schere in den Handstand der Wurm drin war und er an keinem Gerät seine Bestform fand, am Ende sogar bei seiner schwierigen Reck-Übung vom Gerät fiel, steckte Nguyen seine einzige Schwäche, zu Beginn ebenfalls am Seitpferd, hervorragend und kampfstark weg.

          Alle Medaillen des Mittwochs

          Er zeigte danach starke Übungen an den Ringen und beim Sprung, blieb bei seinen spektakulären Vorträgen am Barren und Reck fehlerlos und verbesserte sich so, weil nahezu jeder der vor ihm liegenden Konkurrenten sich irgendwann Patzer leistete, von Gerät zu Gerät immer weiter - bis er nach fünf der sechs Übungen auf Platz drei hinter den beiden Japanern Uchimura und Kazuhito Tanaka lag.

          Die Chance nervenstark genutzt

          Und noch bevor er selber auf die Matte musste, war plötzlich sogar der Weg zu Silber frei, weil Tanaka, der lange seinem favorisierten Landsmann, dem dreimaligen Weltmeister Uchimara, im Nacken gesessen hatte, am Ende vom Seitpferd absitzen musste - und so im Kampf um Gold nicht nur das sicher scheinende Silber verlor, sondern bis auf Platz sechs abstürzte.

          Nguyen ließ sich nicht zweimal bitten und nutzte diese Chance nervenstark mit einer beherzten, sicher ausgeführten Übung am Boden - neben dem Barren, an dem er Europameister ist, eines der beiden Geräte, an denen er bei den Gerätefinals von Samstag an seine gerade begonnene olympische Medaillensammlung nun weiter ausbauen kann. Der Schmerz vergeht, der Stolz kann noch größer werden.

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