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Schwimmen in Rio : Marco Kochs Weg

Marco Koch hat einen besonderen Weg Richtung Olympiasieg gewählt Bild: dpa

Wie wird man Olympiasieger? Marco Koch hat sich gegen Gluten und für Beständigkeit entschieden. So will er der erste deutsche Brustschwimmer seit sehr langer Zeit werden.

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          Walther Bathe trägt einen dunklen Einteiler, im Schnitt jenen nicht unähnlich, mit denen heutzutage die Frauen in den Olympiapool von Rio de Janeiro springen. Einzig auf die Hosenbeine verzichtet Bathes Bademodenschneider. Bathe schwimmt oberschenkelfrei. Drei Minuten, eine Sekunde, acht Zehntelsekunden über 200 Meter Brust. Olympischer Rekord. Bathe ist Olympiasieger. Am Djurgårdsbrunnsviken verliert sich die schwedische Hauptstadt in die Schönheit des Schärenarchipels. Im Djurgårdsbrunnsviken, der Ostseebucht vor Stockholms Toren, schwimmt ein Deutscher zu einer Olympischen Goldmedaille auf einer Bruststrecke. Es sind die Spiele von Stockholm 1912.

          Rio de Janeiro, 2016. Hinter Barra de Tijuca, dem Ort, in dem der Olympiapark, ein Raumschiff aus der Megaevent-Galaxie, mit seinem Schwimmstadion gelandet ist, verliert sich Rio in die Schönheit der brasilianischen Wildnis. Walther Bathe, in Stockholm gerade einmal 19 Jahre alt, ist längst tot. Einen Hirnschlag beim Schwimmen in der Adria 1959 überlebte er nicht. Aber Walther Bathe ist der jüngste deutsche Olympiasieger auf einer Bruststrecke. 104 Jahre sind seit seinem Sieg in der Ostsee vergangen. Und beim Deutschen Schwimm-Verband hegen sie die große Hoffnung, dass kein 105. Jahr mehr hinzukommt. Marco Koch aus Darmstadt, Weltmeister über 200 Meter Brust. Marco Koch, 26 Jahre alt, Olympiasieger über 200 Meter Brust?

          Blick Richtung Becken: Reicht es für das erste Brustschwimmer-Gold seit über hundert Jahren für Deutschland?

          Am vergangenen Samstag ist Koch in Rio de Janeiro eingetroffen, er war länger im Trainingslager des Deutschen Schwimm-Verbandes in Florianópolis geblieben. Das Trainingslager? Für Koch „durchweg positiv“, sagt Chefbundestrainer Henning Lambertz: „Jetzt kann er die Vorspannung kaum durchhalten, jetzt will er los. Ich sehe keinen Grund, dass er nicht Bestzeit schwimmen kann.“

          Nun ist Koch nicht der Typ, dem man ansieht, wie es ist, wenn ein Sportler „die Vorspannung kaum durchhalten“ kann. Koch wirkt gewöhnlich wie ein sehr gelassener Mensch. Auch in Rio. Gemessenen Schritts bewegt er sich durch die Olympische Schwimmhalle am Sonntagabend. Bevor im Becken bei drei Einzelstrecken drei Weltrekorde fallen (siehe Meldung auf dieser Seite), gewöhnen sich auch die Schwimmer, die ihren Auftritt erst in den kommenden Tagen haben, an die Bühne, atmen die Luft, fühlen das Wasser. Koch sucht sich einen Platz unter der Gegentribüne, stellt die Sporttasche ab, dehnt sich auf einer grauen Schaumstoffrolle. Eines von Abertausenden Sportlerutensilien, Olympiarequisite. Unscheinbar, aber wichtig, ganz wichtig, manchmal entscheidend.

          Marco Koch schwört auf die Rolle, er hat sie sich vor wenigen Jahren zugelegt, als er einige Dinge in seinem Schwimmer-Dasein umstellte. Als er, die Geschichte machte mehrmals die Runde vom Mann mit großer Zuneigung zu Chicken Nuggets, zum Profi glutenfreier Ernährung, Abteilung „Vegan mit Fleisch“ wurde. Schwimmen, das war für Koch bis vor ein paar Jahren vor allem: Schwimmen. Hartes Training? Kein Problem. Aber im Wasser. Inzwischen ist die Arbeit abseits des Pools keine Pein mehr für Koch. Sollte jemand auf die Idee kommen – und es wäre vielleicht keine schlechte – die Hauptdarsteller nochmal auf die Bühne zu rufen, nach dem das jeweilige Olympiatheater aufgeführt ist, der Regisseur sollte Koch die Rolle als Requisit in die Hand drücken.

          Koch sagt, wie so viele deutsche Schwimmer, er wolle in Rio Bestzeit schwimmen, und dann werde er schon sehen, wofür das reiche. Koch hält den deutschen Rekord, 2:07,47 Minuten. In Kasan bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr reichten Koch 2:07,76 Minuten für den Sieg. Die Nächte in der Schwimmhalle in Barra de Tijuca aber lassen ahnen, dass der Olympiasieg kaum ohne neuen Landesrekord zu haben sein wird. Der Amerikaner Josh Prenot schwamm bei den Trials des stärksten Schwimm-Teams der Welt vor fünf Wochen in Omaha, Nebraska, 2:07,17 Minuten, mehr als eine halbe Sekunde schneller als Kochs Bestzeit in diesem Jahr. Koch ist die Nummer zwei, aber Prenots Landsmann Kevin Cordes, der Japaner Yasuhiro Koseki und der Brite Andrew Willis sind ebenfalls aussichtsreiche Kandidaten. Die Form des Olympiasiegers von London, Daniel Gyurta aus Ungarn, ist noch nicht auszumachen.


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          Als Gyurta vor vier Jahren siegte, schied Koch im Halbfinale aus. Das Erlebnis hatte entscheidenden Einfluss auf Kochs Verhältnis zu seinem Sport, aber Koch stellte mitnichten alles auf den Kopf. Er entschied sich dafür, mit seinem Darmstädter Trainer Alexander Kreisel weiterzumachen. Noch immer schwimmt Koch häufig im Darmstädter Nordbad, einem Hallenbad im klassischen Sinn. Ein ganz schlichtes Stück schwimmerischer Infrastruktur, äquivalent zum Böllenfalltor der Fußballspieler von Darmstadt 98, das keine fünf Kilometer entfernt liegt. Umkleide, Spint, Dusche, Becken. Sportbecken, nicht Spaßbecken.

          Koch mag Beständigkeit, seine alleinerziehende Mutter hat ihn jahrelang aus dem Odenwald zum Training nach Darmstadt gefahren, angeblich 40 000 Kilometer im Jahr kamen zusammen. Die Notwendigkeit einen Manager zu beschäftigen, sieht Koch bis heute nicht. Sollte es zu einer Medaille, gar zum Olympiasieg reichen, dem ersten eines deutschen Schwimmers seit Michael Groß vor 28 Jahren und zur ganz, ganz späten Nachfolge Walther Bathes reichen, es wäre die Bestätigung für den Mut eines Athleten (und seines Trainers), dem eigenen Weg zu vertrauen. Reicht es nicht, heißt das nicht, dass der Weg falsch war. Schließlich haben schon ganz andere Methoden keinen Nachfolger für Walther Bathe aufs olympische Siegerpodest gespült.

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