https://www.faz.net/-hfn-ae7sk

Wellbrock wird Olympia-Vierter : Vom Alligator gepackt

Das geht ja schlecht los: Florian Wellbrock wird über 800 Meter Freistil Vierter. Bild: dpa

Das olympische Finale über 800 Meter ist ein dramatisches Bühnenstück. Florian Wellbrock besetzt die Rolle des tragischen Helden. Doch es wird eine Fortsetzung geben.

          4 Min.

          Nach sieben Minuten, dreizehn Sekunden und 96 Hundertstelsekunden war Florian Wellbrock beinahe Olympiasieger. Es war die 15. Wende in diesem 800Meter-Freistil-Rennen, die 15. Rollwende, um präzise zu sein, denn ein paar Wendungen hatte es auch. Die größte stand noch aus, die passende, so kann man das sagen, für dieses große Stück auf der größten Bühne, die der Schwimmsport zu bieten hat. Die 15. Rollwende also und zugleich die erste. Die erste, zu der sich Florian Wellbrock in Führung liegend drehen wird auf seiner Bahn drei. Linker Arm, nach rechts atmen, wo Michailo Romantschuk schwimmt, rechter Arm. Linker Arm, Zug, atmen, rechter Arm. Zug. Gleiten.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          Die Wende. Das technische Element, an dem Wellbrock viel gearbeitet hat in den vergangenen zwei Jahren, das Element, über das er sagt: „Ich bin immer noch kein Wendenkönig.“ Eindrehen, Füße an die Wand. Auf der Anzeigetafel erscheint sein Name. Ganz oben. Erster. Abstoßen. Strecken. Gleiten. Wellbrocks Augen schauen nach unten, aber sein Körper schießt auf das Ziel zu. Noch fünfzig Meter, neunundvierzig, achtundvierzig Meter bis zum Olympiasieg.

          Paltrinieri in der strahlenden Rolle

          Florian Wellbrock, 23 Jahre alt, demnächst 24, aus Bremen, seit Jahren in Magdeburg bei Bundestrainer Bernd Berkhahn, 2018 Europameister über 1500 Meter, 2019 Weltmeister auf der längsten Beckenstrecke, ist auf dem Weg. Erster deutscher Schwimm-Olympiasieger seit Michael Groß, Seoul 1988, neun Jahre vor Wellbrocks Geburt. Aber dieses Rennen ist ein großes Stück, wie gesagt. Und die Rolle des strahlenden Helden ist an einen anderen vergeben, nein, an zwei andere. Wellbrock ist hier, in diesem Rennen, in dem er die zweitbeste Zeit schwimmen wird, die ihm je gelungen ist über 800 Meter, in diesem Rennen, dass sich gerade gewaltig beschleunigt, der tragische Held.

          Wellbrock atmet weiter nach rechts, es sind schon nur noch vierzig Meter bis ins Ziel, und rechts schwimmt, auf Bahn eins, Gregorio Paltrinieri. Es gibt viel zu sagen über den Mann aus Carpi, provincia di Modena, Emilia-Romagna, und Wellbrock hat das schon öfter getan, denn Paltrinieri ist ein Mann, an dem Wellbrock gewachsen ist. Das Wichtigste, was es in diesem Moment zu sagen gibt, da Wellbrock ihn sehen kann bei seinen kurzen Luftzügen, während der linke Arm Vortrieb schafft: Gregorio Paltrinieri ist der Mann, der dieses Rennen anführte seit der erste Wende, nein, seit dem Startsprung. Und in diesem Augenblick ist Gregorio Paltrinieri hinter Wellbrock. Aber Paltrinieri, Wellbrock kann es noch nicht wissen, hat in diesem Stück eine strahlende Rolle erwischt.

          Vor einigen Wochen hieß es, Paltrinieri habe es erwischt. Il grande Paltrinieri è malato. Pfeiffersches Drüsenfieber. Wellbrock hatte vor den Spielen erzählt, er sei „ein bisschen niedergeschlagen, traurig“ gewesen, als er davon erfahren habe. „Ich kann mich gut in die Lage hineinversetzen, wie es für einen Hochleistungssportler ist, wenn man kurz vor dem Topevent an einer schweren Krankheit erkrankt. Ich hab ihm direkt geschrieben, Genesungswünsche ausgerichtet, aber bewusst auf Nachfragen verzichtet, wie der aktuelle Stand ist. Ich wollte nicht, dass das gehässig rüberkommt.“ Und er habe sich einen italienischen Zeitungsartikel übersetzen lassen. „Habe gelesen, dass Paltrinieri unter ärztlicher Aufsicht trainiert. „Was immer das heißen mag.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sprengung der Kühltürme des 2019 stillgelegten Kernkraftwerks Philippsburg in Baden-Württemberg. Das Foto entstand am 14. Mai 2020.

          Kernkraft im Wahlkampf : Das verbotene Thema

          Laschet erwischt die Grünen auf dem falschen Fuß – ausgerechnet mit dem Atomausstieg. Die „falsche Reihenfolge“ stellt deren Gründungsmythos in Frage.
          Stempeln muss sein auf dem Amt.

          Die Karrierefrage : Wie gelingt Beamten der Ausstieg?

          Wer den Staatsdienst hinter sich lässt, verliert oft üppige Pensionsansprüche und gilt unter früheren Kollegen fast schon als Verräter. Warum einige den Abschied dennoch wagen – und wie er funktioniert.
          Medizinisches Personal bei der Vorbereitung von Corona-Impfungen am 8. Januar in Neapel

          Nichts ohne die 3-G-Regel : Das italienische Impfwunder

          Kein Land in Europa hat die 3-G-Regel so strikt angewandt wie die Regierung von Ministerpräsident Draghi in Rom. Das Ergebnis: Italien hat eine Impfquote, von der Deutschland nur träumen kann.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.