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Schwimmen bei Olympia : Und dann war Sarah Köhler cool

Bronze! Sarah Köhler in Tokio mit dem Lohn ihrer starken Leistung Bild: dpa

Zum ersten Mal durften Schwimmerinnen auf der 1500-Meter-Strecke bei Olympischen Spielen starten. Sarah Köhler sichert sich Bronze in Tokio. Dabei war die Zweite der WM vorher „super nervös“.

          3 Min.

          Quizfrage für Sport-Nerds, auch geeignet für lauschige Sommerabende unter Kontaktpersonen oder für die Gartenparty, die doch schon wieder möglich sein soll. Also: Wie viele Siegerehrungen nach olympischen Wettbewerben der Beckenschwimmer gab es zwischen dem Sieg von Britta Steffen über 50 Meter Freistil am 17. August 2008 und dem 28. Juli 2021, bis Sarah Köhler ihr 1500-Meter-Rennen als Dritte beendete?

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          Antwort: 93. Dreiundneunzig Mal sind Schwimmer und Schwimmerinnen auf den Startblock gestiegen, runter gesprungen, sind gekrault oder haben beide Arme aus dem Wasser gerissen, sind auf Brust oder Rücken geschwommen, manches Mal sogar sind sie alle vier Lagen am Stück geschwommen und sie waren allein unterwegs oder in einer Staffel. Aber nie, nie war die Leistung so gut, dass anschließend die schwarz-rot-goldene Bundesflagge unter das Hallendach gezogen wurde. Bis Sarah Köhler ab 11:54 Uhr in Tokio ein Rennen schwamm, das von vornherein ein besonderes sein würde.

          Zum ersten Mal durften Schwimmerinnen auf der 1500-Meter-Strecke bei Olympischen Spielen starten. Sarah Köhler, hessische Jurastudentin, 27 Jahre alt, Mitglied der SG Frankfurt, aber mit ihrem Verlobten Florian Wellbrock in Magdeburg bei Bundestrainer Bernd Berkhahn trainierend, startete als Medaillenkandidatin, aber „super nervös“, wie sie hinterher sagte. Bei der jüngsten Weltmeisterschaft in Gwangju 2019 war sie hinter der Italienerin Simona Quadarella Zweite geworden. Allerdings hatte Katie Ledecky dort auf einen Start verzichtet. In Tokio stand sie auf dem Startblock der Bahn vier.

          „Sehr, sehr angespannt“

          Und auch wenn Ledecky eine Stunde und elf Minuten vorher im Rennen über 200 Meter Freistil die heftigste Niederlage eingesteckt hatte, die ihr in einem olympischen Pool zugefügt wurde – sie wurde beim Sieg der überragenden Australierin Ariarne Titmus Fünfte – war die Goldmedaille vergeben, bevor das Rennen losging. Jedenfalls für Bernd Berkhahn. „Zwischen fünfzehnfünfundvierzig und fünfzehnfünfzig werden sich vier Damen bewegen, die beste wird eine Medaille gewinnen“, sagte er im ZDF. Die Prognose war falsch. Die Chinesin Jianjiahe Wang war die einzige, die in diesem Sektor landete (15:46,37 Minuten) und sie wurde Vierte.

          Sarah Köhler mag supernervös gewesen sein. Auch Berkhahn empfand sie in Tokio als „sehr angespannt. Sehr angespannt. Sehr, sehr angespannt“, aber nur bis zum Vorlauf. „Heute war sie cool.“ Super nervös oder cool, Köhler sprang mit einem Plan ins Wasser, den sie sehr genau befolgte. „Ich wusste, Simona hat eine bessere Bestzeit. Ich wollte dranbleiben.“ Und so war es bis zur Hälfte des Rennens: Ledecky schwamm mit einem Vorsprung zwischen zweieinhalb und drei Sekunden voraus.

          Die Chinesin war Zweite, Quadarella Dritte und Köhler blieb dran. Wendete. Blieb dran. Wendete. Blieb dran. Hin und her. Bei 850 Metern fiel die Chinesin zurück. Köhler blieb dran, an der Italienerin, die nun Zweite war. Aber nicht lange. Bei Meter 950 übernahm Köhler Position zwei. Dort blieb sie, 400 Meter lang, Rückstand auf Ledecky knapp vier Sekunden. Dann zog die zu diesem Zeitpunkt schnellste Frau im Becken vorbei: Erica Sullivan aus Nevada, die während der Pandemie unter durchaus speziellen Bedingungen trainiert hatte. Weshalb wir uns aus dem Rennen kurz aus- und in die anschließende Pressekonferenz einblenden.

          Erica Sullivan, 21 Jahre alt, zweisprachig, Asian-American mit japanischer, dank einer Green Card in den Vereinigten Staaten lebender Mutter, wird gefragt, ob es an der Pandemie liege, dass so wenige Weltrekordzeiten in Tokio geschwommen werden. Antwort: „Jeder hat unkonventionell trainiert. An einem Punkt bin ich bei Freunden in deren Pool im Garten geschwommen. Und in Lake Meade. Lake Meade ist ekelhaft. Eine bessere Pfütze, überall Entenkacke. An guten Tagen ist das Wasser durch und durch braun-grün. Außerdem haben uns Entenmilben gebissen. Wir waren völlig zerbissen. Es war scheußlich.Aber es hat den Charakter gestärkt. Ich bin lustiger geworden dadurch.“

          Zurück ins Rennen: Die humor- wie schwimmtechnisch talentierte Erica Sullivan schwamm an Köhler vorbei und zur Silbermedaille. Katie Ledecky wiederum war nach 15:37, 34 Minuten die erste Frau seit der Ungarin Kristina Egerszegi, seit einem Vierteljahrhundert, die fünf Goldmedaillen auf Einzelstrecken gewonnen hat.

          Und Sarah Köhler? Kämpfte gegen den „inneren Schweinehund“, wie sie später sagt. Und gewann. Deutlich. „Ich habe gemerkt, dass die Chinesin ihre Bestzeit aus dem Vorlauf nicht halten kann.“ Sie dagegen konnte die Bestzeit nicht nur halten, sondern unterbot sie. Um knapp sechs Sekunden: 15:42,91 Minuten. Deutscher Rekord. Und die Medaille, auf die der Deutsche Schwimmverband 93 Olympia-Siegerehrungen lang gewartet hat. Dreimal schlug Köhler mit der Faust ins Wasser.

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          In den Stunden zuvor waren Brustschwimmer Marco Koch im Vorlauf und Franziska Hentke im Halbfinale über 200 Meter Schmetterling sang- und klanglos ausgeschieden. Sie schwimmen auf das Karriereende zu. Man muss es mit den Metaphern nicht übertreiben, aber als Sarah Köhler in Tokio anschlug, graute in Hessen der Morgen. Sie ist 27 Jahre alt und bringt dem deutschen Schwimmen trotzdem einen Generationswechsel.

          „Der ein oder andere wird schon wieder irgendwas finden“, sagte Berkhahn nach dem Rennen, „was daran jetzt schlecht ist. Zum Beispiel, dass das Fünfzehnhundert Meter ist oder nur eine Langstrecke. Oder irgendwas Nur. Aber das ist mir egal. Mir ist wichtig, dass die Sportler merken, dass ein Schwimmer vom DSV in der Lage ist, bei Olympischen Spielen eine Medaille zu holen. So. Dass dieser Knoten geplatzt ist. Was geschrieben wird, was geredet wird und was bei Facebook steht, ist mir schnuppe.“

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