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Deutschland-Achter bei Olympia : Richard Schmidt ist der Langzeit-Überlebende

Am längsten mit dabei und viel erlebt: Richard Schmidt Bild: dpa

Richard Schmidt ist der erfahrenste Ruderer im Deutschland-Achter. Seine Karriere wollte er einst fast schon beenden. Dann setzte er nochmal alles auf eine Karte.

          3 Min.

          Jetzt weiß Richard Schmidt, dass er sich nicht verrannt hat. Aber erst seit Samstag, als er mit dem Deutschland-Achter den Vorlauf der olympischen Regatta gewonnen hatte. Es war ein hartes Rennen von der Sorte, die einen Ruderer stärker machen: Die Vereinigten Staaten, die großen Unbekannten, die seit 2019 in keinem internationalen Rennen mehr gestartet waren, ließen ihre Muskeln mächtig spielen.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Sie lagen lange Zeit in Führung, aber nicht bis zum Ende. In einem starken Finish zog der Deutschland-Achter vorbei und katapultierte sich damit direkt ins Finale. „Man muss schon in sehr guter Form sein, um so ein Ding abzufackeln“, sagte der Achter-Trainer Uwe Bender.

          Richard Schmidt vom Ruderplatz sieben, der Erfahrenste im Boot, schickte gleich noch einen Gruß an den Erzrivalen Großbritannien, Dritter des zweiten Vorlaufs, hinterher: „Was bin ich froh, dass ich den Hoffnungslauf nicht fahren muss.“ Der ist, sollten die Windverhältnisse es zulassen, für Mittwoch geplant. Das Finale soll am Freitag (3.25 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia, im ZDF und bei Eurosport) stattfinden. Auch die Niederländer qualifizierten sich direkt für den Endlauf, alle anderen müssen sich in der feuchten Hitze unter stechender Sonne noch einmal quälen.

          „Bin nicht mehr der Jüngste“

          Es war ein schwieriger Weg bis in dieses Finale, und viele Male hat Richard Schmidt sich gefragt, ob er sich nicht verspekuliert hat mit dem Entschluss, sich Tokio noch einmal als Ziel zu setzen. Und mit dem daraus folgenden Entschluss, nach der Verlegung der Spiele wegen der Corona-Pandemie noch eine zermürbende Ehrenrunde dranzuhängen. „Ich bin nicht mehr der Jüngste“, sagte Schmidt, bevor die Reise nach Japan losging. 34 Jahre alt ist er, für einen Top-Ruderer in Deutschland ein ungewöhnliches Alter. Der Langzeit-Student aus Trier ist gewissermaßen auch der Langzeit-Überlebende im Deutschland-Achter.

          Erfolgreicher Auftakt: Der deutsche Ruder-Achter war im Vorlauf nicht zu stoppen.
          Erfolgreicher Auftakt: Der deutsche Ruder-Achter war im Vorlauf nicht zu stoppen. : Bild: dpa

          Seit 2009 verteidigt er seinen Platz erfolgreich in einer ständigen Auslese, die keine Schwächen durchgehen lässt. Rudern unterm Fallbeil. Schmidt war 2012 in London mit dem Achter Olympiasieger und erlebte dabei einen solchen Druck, dass es mehrere Wochen dauerte, bis er sich über das Gold freuen konnte. Er musste ins Krankenhaus mit dramatischen Blutwerten, der Arzt diagnostizierte eine schwere Krankheit, was sich aber nicht bestätigte. Es war die pure Erschöpfung. Schmidt nahm sich vor, besser auf sich zu achten.

          Alles auf eine Karte

          2016 bei den Spielen in Rio de Janeiro saß er in dem Achter, der von Großbritannien schmählich abgehängt wurde, einer Crew, die fünf Wochen vorher noch deutlich hinter den Deutschen gelegen hatte. Einiges sei schief gelaufen in der Mannschaft, deutete Schmidt an. Damals überlegte er, ob er seine Sportkarriere nun beenden sollte. Aber er kam nicht los und setzte alles noch einmal auf eine Karte.

          Die Verlängerung des Zyklus auf fünf Jahre brachte ihn dann in einen neuen Konflikt. Alles war auf 2020 ausgerichtet. Die Familie – er hat eine Frau und zwei kleine Kinder – sollte danach zu ihrem Recht kommen. „So ein Olympiavorbereitungsjahr besteht ja aus sehr vielen Trainingslagern, man ist sehr viel weg.“

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          Er wollte seine Promotion abschließen, die er mit Unterstützung des Achter-Sponsors Wilo angegangen ist. „Ich habe versucht, sie voranzutreiben, das habe ich nicht in dem Rahmen hingekriegt, wie es hätte sein müssen.“ Die berufliche Weiterentwicklung wurde weiter zurückgestellt. Wenn die Spiele in Tokio im Jahr 2020 hätten stattfinden können, „dann würde ich bestimmt schon in einem Unternehmen arbeiten“.

          Gewöhnungsbedürftiges Wasser

          Stattdessen Schinderei, Druck und die ständige Angst, krank zu werden, sich zu verletzen und den Platz im Achter zu verlieren. „Klar habe ich hin und wieder überlegt, ob das alles so sinnvoll war.“ Sorgfältig hielt er die Vorsichtsmaßnahmen zum Schutz vor einer Corona-Infektion ein.

          Dazu kamen die Zweifel, ob die Spiele überhaupt würden stattfinden können inmitten einer Pandemie. „Das war ja gerade im Winter sehr, sehr unsicher. Man wusste nicht, wie sich das alles entwickelt. Es war immer so eine Unsicherheit da.“ Schließlich, im Juni, beim Weltcup in Sabaudia in Italien, meldete sich sein geschundener Körper. Schmidt musste mit Rippenschmerzen pausieren. Ein anderer saß zwischendurch auf seinem Rollsitz. Aber Schmidt kam zurück.

          Nun also das Finale. Das Risiko hat sich bis hierher ausgezahlt, er und seine Achter-Kollegen haben nun die Chance, sich selbst für ihre Opfer zu belohnen. In der Zeit bis Freitag will der Deutschland-Achter noch an den letzten Schwächen arbeiten. Die Regatta auf dem Sea Forest Waterway wird auf Salzwasser ausgetragen, was gewöhnungsbedürftig ist. Es ist sehr weich, der Widerstand, auf den das Ruder trifft, ist anders als im üblichen Süßwasser. „Dazu kommt“, sagt Schmidt, „dass das Wasser extrem warm ist, ich schätze 26 bis 28 Grad.“

          Die Kühlung von unten fehle. Insgesamt ein ganz anderes Ruderfeeling, an das sie sich in der verbleibenden Zeit noch besser anpassen könnten. Jedes Detail zählt, denn die Konkurrenz hat noch nicht alle Karten auf den Tisch gelegt. „Abgeschrieben habe ich die Briten noch nicht“, sagte Schmidt in der Mixed Zone in Tokio. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie im Laufe einer Regatta zulegten. Er erwartet ein sehr enges Finale, bei dem womöglich alle Boote innerhalb einer Sekunde ins Ziel kämen. Es hängt dann vielleicht auch ein bisschen von der Tagesform ab“, sagte Schmidt, „vom Glück. Und auch davon, wer man besten mit der ganzen Situation rings um Corona umgegangen ist.“

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