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Ruderer Marcel Hacker : Tunnel passiert

Dem harten Mann kamen die Tränen: Finaleinzug geschafft Bild: dpa

Marcel Hacker lässt seine mitunter traumatische Vergangenheit hinter sich und rudert auf dem Dorney Lake ins Einer-Finale an diesem Freitag. Er musste sich dafür geradezu neu erfinden.

          3 Min.

          Ein Ruderer, der im Einer reüssieren will, muss den starken Mann geben. Ein Gesicht wie ein Westernheld machen, kantiges Kinn, entweder Sonnenbrille oder stählerner Blick. Bloß nicht lächeln - nur ein Grinsen ist erlaubt. Wer nett ist, verliert. Auch Marcel Hacker hat das drauf, und auch nach seinem olympischen Halbfinale auf dem Dorney Lake hat er die Maske wieder aufgesetzt. Ein hartes Rennen sei das gewesen, sagte er nach seinem dritten Platz - fertig ab. Nun sei er stolz, das Finale an diesem Freitag (13.30 Uhr MESZ im Liveticker) erreicht zu haben. Hacker baute sich auf mit seinen fast zwei Metern Körpergröße und seinen glatten Muskelpaketen, als wäre es ganz normal für ihn, sich für einen olympischen Endlauf zu qualifizieren. Aber das ist es nicht.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Ein paar Minuten zuvor hatte Marcel Hacker noch ein ganz anderes Bild abgegeben. Direkt nach seinem Rennen ruderte er auf einem Seitenkanal zurück, am Ufer stand seine Frau, ein paar Anhänger ließen Freudenrufe los, Hacker schaute kurz auf und wollte lachen, aber es ging nicht mehr. Schließlich hörte er auf zu rudern, ließ seine Skulls fahren und schlug die Hände vors Gesicht. Der harte Mann weinte, und es müssen Tränen der Erleichterung und Befreiung gewesen sein. Hier auf dem Dorney Lake war gerade ein Albtraum zu Ende gegangen, der ihn acht Jahre lang gefangen hielt, das Trauma vom olympischen Halbfinale, das für ihn zur unüberwindlichen Psychoschwelle zu werden drohte.

          Bei den Spielen 2000 in Sydney, als junger Niemand, hatte er sich noch ganz locker auf seinen Wettkampf einlassen können, war unbeschwert in den Endlauf gerudert und hatte die Bronzemedaille gewonnen. Doch dann kam Athen 2004 - und das Aus im Halbfinale ohne echten Widerstand. Er war in Topform damals, und alle trauten ihm eine Medaille zu, vielleicht sogar den Olympiasieg, aber sein Geist streikte, er konnte seine Kräfte nicht aufs Wasser bringen. Und schließlich Peking 2008: Dasselbe. Irgendwie hakte seine Konzentration aus. Das Halbfinale war Endstation. Dass er beide Male mit Siegen im B-Finale der Verlierer bewies, wie stark er war, machte die Sache nur noch schlimmer.

          Nach Peking beschloss Hacker, noch einmal von vorne anzufangen. Von seiner damaligen Entourage ist nur noch einer übrig: der Pressesprecher Oliver Palme, der inzwischen Medienvertreter des ganzen Verbandes ist. Von seinem einst kongenialen Trainer Andreas Maul hat er sich getrennt. Er hat geheiratet und vor anderthalb Jahren einen Sohn bekommen. Er trat dem Verein bei, dessen Vizepräsident Palme ist: Der Rudergesellschaft Germania Frankfurt. Und er zog zweimal um: Erst von München nach Frankfurt und dann nach Blankenburg im Harz, ins Umfeld seiner Frau Katina.

          Olympisches Trauma beendet: Marcel Hacker Bilderstrecke
          Olympisches Trauma beendet: Marcel Hacker :

          Seit dem Untergang 2008 versucht der inzwischen 35 Jahre alte Hacker, sich von außen zu betrachten. Seine Frau hilft ihm als Mentaltrainerin dabei. Außerdem arbeitet er mit einer Münchner Sportpsychologin zusammen. „Die eine ist für die Birne oben zuständig“, sagte er vor ein paar Monaten, „damit die richtig aufgeräumt ist.“ Die andere müsse ihm dabei helfen, „dass das, was in der aufgeräumten Birne ist, richtig umgesetzt werden kann. Damit ich Leistung bringe“. Sogar von einem Hypnotiseur hat Hacker sich behandeln lassen, um sein inneres Gleichgewicht zu finden.

          „Es geht ums Wollen“

          Hacker lernte, in jedem Moment Verantwortung für sich zu übernehmen. „Es geht ums Wollen“, sagte er. „Wenn du etwas vorgeschrieben kriegst, machst du zu.“ Und diesmal hat es geklappt. Hacker hat sich auf sich selbst konzentriert, den Weg durch den Tunnel gefunden. Bisher hat er seine Rennen durchgezogen, ohne sich ablenken zu lassen. „Das habe ich mir hart erarbeitet“, sagte er. Zusammen mit seinem neuen Team. „Sie sind für mich in den letzten anderthalb Jahren durch die Hölle gegangen.“

          Es war ja nicht so, dass er als neuer Hacker plötzlich von Erfolg zu Erfolg ruderte. Im Gegenteil: Beim Frühtest in Köln, wo er eigentlich seinen Anspruch auf den Olympiastart im Einer hätte bestätigen sollen, wiederholte sich die Geschichte: Aus im Halbfinale. Hacker war ratlos. Wenn der deutsche Verband einen Ruderer hätte, der ihm ernsthaft Konkurrenz machen könnte, wäre Schluss gewesen mit seinem Traum von London. Heute glaubt Hacker, dass die Formschwäche von Köln seinem Leistungsaufbau geschuldet war. „Mit Ansage“, erklärte er. Aber von seinem Anspruch, die olympische Goldmedaille zu gewinnen, wollte er trotz seiner Schwierigkeiten nicht abweichen. „Das ist es, wonach ich lechze“, sagte er, während sein Trainer Ralf Hollmann ein anderes Ziel favorisierte: das Erreichen des Halbfinales. Mit anderen Worten: Nun kommt die Zugabe.

          Seine Gegner sind erfahrene Haudegen wie etwa der Neuseeländer Mahe Drysdale, der Schwede Lassi Karonen oder der britische Lokalfavorit Alan Campbell. Sie alle kennen die Kunst des Muskelspiels, des gegenseitigen Belauerns, sie alle werden erst im Endlauf ihre wahre Form zeigen. Und Hacker? Für den fängt kurz vor dem Ende seiner Sportlerkarriere nun noch einmal ein neuer Lebensabschnitt an. Er lässt ein wenig locker. „Von Platz eins bis sechs“, sagt er, „ist alles drin.“

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