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Eklat bei Olympia : Moster muss gehen

Patrick Moster, hier 2017 Bild: Picture-Alliance

Der Sportdirektor des Bundes Deutscher Radfahrer leistet sich eine unsägliche Entgleisung. Danach sucht er eine Ausrede für etwas, für das es keine Ausrede gibt. Das muss Konsequenzen haben.

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          In der Olympischen Charta, dem Grundgesetz des olympischen Sports, sind sieben sogenannte „Grundlegende Prinzipien des Olympismus“ aufgelistet. Unter Punkt sechs heißt es: „Jede Form von Diskriminierung eines Landes oder einer Person aufgrund von Rasse, Religion, Politik, Geschlecht oder aus sonstigen Gründen ist mit der Zugehörigkeit zur Olympischen Bewegung unvereinbar.“ Und damit zum Fall Patrick Moster.

          Am Mittwochvormittag ist im Internet ein Videoclip verbreitet worden. Er wurde aus der TV-Übertragung des Olympia-Einzelzeitfahrens der Männer mitgeschnitten. Man sieht darin Moster, den Sportdirektor des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), wie er am Streckenrand den deutschen Fahrer Nikias Arndt anfeuert – und man hört, mit welchen Worten er das macht: „Hol die Kameltreiber, hol die Kameltreiber, komm!“

          Unvereinbar mit Olympischer Bewegung

          Es ist offensichtlich, wen er meint. Den Eritreer Amanuel Ghebreigzabhier und den Algerier Azzedine Lagab. Sie fahren im Rennen vor Arndt. Und erinnert man sich nun an die Olympische Charta, ist der Fall eigentlich klar: Ein deutscher Sportfunktionär hat mitten auf der Bühne der Sommerspiele zwei Athleten aus Afrika diskriminiert. Er hat etwas getan, was mit der Zugehörigkeit zur Olympischen Bewegung unvereinbar ist.

          Am Mittwochnachmittag hat der BDR eine Pressemitteilung verschickt, in der Patrick Moster folgendermaßen zitiert wird: „Zu keinem Zeitpunkt sollte ein Sportler einer anderen Nation beleidigt werden. Die Äußerung war unüberlegt, wofür ich mich in aller Form entschuldige. Bei Olympischen Spielen ist die Anspannung hoch, die Nerven liegen blank. Trotzdem darf so eine verbale Entgleisung nicht geschehen.“ Schaut man sich diese Bitte um Entschuldigung genauer an, kann man an ihr nur eines gelungen finden: dass es sie überhaupt gibt.

          Es ist unsäglich, dass Moster in seinem Statement auf die „Anspannung“ verweist. Als ob durch sie Rassismus entsteht. Das wird sofort entlarvt: durch ihn selbst. Nur einen Satz später heißt es, dass das trotzdem nicht geschehen dürfe. Er sucht eine Ausrede für etwas, für das es keine Ausrede gibt. Warum? Entweder er kann das Problem nicht verstehen. Oder er will es nicht.

          Es wäre notwendig, dass der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) Patrick Moster für diese Sommerspiele die Akkreditierung entzieht. Soll er nun zum Bahnradfahren gehen, als wäre nichts gewesen? Soll er als disziplinarischer Vorgesetzter in seinem Verband die Maßnahmen beschließen, falls es unter seinen Mitarbeitern zu einem ähnlichen Fall kommt? Was sagt die BDR–Führung? „Die Aussage ist nicht akzeptabel“, wird Präsident Rudolf Scharping zitiert: „Wir werden darüber nach den Olympischen Spielen sprechen (...).“ DOSB-Präsident Alfons Hörmann erklärte nach einem „offenen und selbstkritischen Gespräch“: „Sowohl er als auch das gesamte Team werden daraus die notwendige Sensibilität für die künftigen Wettbewerbe mitnehmen.“

          Ein hehrer Wunsch. Hat Hörmann denn Moster nicht richtig zugehört? Der macht den Stress bei Olympia für seine Entgleisung verantwortlich. Wie kann er dann in den nächsten Tagen, während der Rennen auf der Bahn „die notwendige Sensibilität“ aufbringen? Delegationsleiter Hörmann mag ein kritisches Gespräch geführt haben. Den Ernst der Lage hat er, aus welchen Gründen auch immer, nicht begriffen. Ein Funktionär, der sich rassistisch äußert, hat in einer Olympiamannschaft nichts zu suchen – insofern sie an die Olympische Charta glaubt.

          Christopher Meltzer
          Sportkorrespondent in München.

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