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Radrennfahrerin Trixi Worrack : Die Harte aus Cottbus

  • -Aktualisiert am

Trixi Worrack steigt wenige Monate nach ihrem schweren Unfall in Rio aufs Rad Bild: Picture-Alliance

Kann man mit nur einer Niere Spitzensport betreiben? Radrennfahrerin Trixi Worrack zeigt in Rio, dass das möglich ist. Auf beeindruckende Weise.

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          An den Handgelenken von Trixi Worrack kann man viel ablesen. Das rechte wird von einem Band umschlossen, auf dem wichtige Daten stehen: Blutgruppe, Geburtstag, Verträglichkeiten, Kürzel für Fachleute. „Für den Fall, dass ich stürze“, sagte sie und fügt lachend hinzu: „Also für den Fall, dass ich dann nichts mehr sagen kann.“ Schwarzer Humor? Trixi Worrack trägt den Armreifen aus purer Überlebenslust.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Im März war sie schwer gestürzt, erlitt innere Verletzungen und wachte in einem italienischen Krankenhaus mit nur noch einer Niere auf. 18 Wochen später sitzt sie in einem Liegestuhl in der Mixed Zone des Olympischen Dorfes. Olympia fühle sich plötzlich ganz anders an. Sie war schon 2004 in Athen dabei, auch vier Jahre später in Peking und schließlich in London. „Und jedes Mal hatte ich andere Mannschaftskameradinnen um mich.“

          Fröhlich und selbstbewusst

          Die Worrack, die Harte aus Cottbus, hat nicht Goldmedaillen gesammelt wie andere Vasen auf ihrer olympischen Welttournee, Rang 9 im Einzelzeitfahren war das beste Ergebnis. Aber diese Konstanz auf Weltklasseniveau lässt sie mit 34 Jahren so fröhlich und selbstbewusst zurückschauen auf ihren erfolgreichen Weg: Fünf Mal Weltmeisterin im Mannschaftszeitfahren, Gewinnerin unter anderem von Mailand-San Remo. „Ich bin nie in ein Loch gefallen“, sagt sie. Nur in eine kleine Phase des Zweifels für ein paar Tage im Krankenbett: Mit einer Niere Spitzensport? Aber ja.

          Sie ist nicht krank. Und das fehlende Stück im Leib hat ihr nicht den Mut oder Wut geschürt. Warum ich? Am 11. Juni trat Trixi Worrack wieder bei einem Rennen in die Pedale. Im selben Monat hängte sie bei der deutschen Meisterschaft im Zeitfahren die Konkurrenz ab - ihr achter nationaler Titel. „Und jetzt sitze ich hier und fahre in den olympischen Rennen mit, verrückt, nicht wahr?“

          Verrückt? Nein, so ist das nicht gemeint. Sie denkt keinen Augenblick an die Lebensgefahr, falls eines Tages auch die zweite Niere verletzt werden sollte. Trixi Worrack freut sich über ihren Coup, über die Rückkehr aufs Rad und zu dieser famosen Konstanz. Seit 1998 hat sie an allen Rad-Weltmeisterschaften teilgenommen. Nur einmal kam sie nicht ins Ziel. Also ist „Ankommen“ auch an diesem Sonntag erste Tugend, nach etwa 136 Kilometern auf dem außergewöhnlichsten Olympiakurs des Frauen-Radfahrens: von der Copacabana auf Meereshöhe hinauf zu den Mittelgebirgshöhen. „Das wird hart, ein Anstieg geht über acht Kilometer, da sind Bergqualitäten gefragt.“

          Gut gelauntes Rad-Team: Lisa Brennauer, Claudia Lichtenberg, Romy Kasper und Trixi Worrack
          Gut gelauntes Rad-Team: Lisa Brennauer, Claudia Lichtenberg, Romy Kasper und Trixi Worrack : Bild: dpa

          Sie hat die Figur dafür. Zierlich, 50 Kilogramm, die geübte Schmerzresistenz - und seit 2015 die Rennsimulation in den Beinen gefühlt. „Ich bin zwar nicht deshalb nach Erfurt gezogen, aber der Wechsel vom flachen Land in die Nähe von Bergen hat doch geholfen. Ich musste mal was anderes machen.“ Nämlich klettern im Thüringer Wald, im Umfeld von Oberhof, dem St. Moritz der ehemaligen DDR, trainieren für das olympische Finale am Zuckerhut.

          Worrack liebäugelt nicht mit einer glänzenden Ausbeute, mit einer märchenhaften Ankunft, vielleicht mit etwas mehr im Einzelzeitfahren. „Aber ich möchte zufrieden mit mir sein, ich will ein gutes Rennen fahren“ - und notfalls der Bergspezialistin Claudia Lichtenberg zur Seite stehen, die etwa 25 Kilometer vor dem Ziel auf dem Weg hinauf zum Vista Chinesa (530 Meter hoch) ihre Stärke ausspielen könnte. „Das wird ohnehin ein schwer zu kalkulierendes Rennen werden. Mal sehen, was passiert“, sagt Trixi Worrack und reibt ihr linkes Handgelenk. An der Unterseite ist das englische Wort „fate“ eintätowiert. „Schicksal“, ja, sagt sie: „Man muss die Dinge nehmen, wie sie kommen.“

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