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Hockey-Herren im Halbfinale : „Deutscher als heute kann man kaum spielen“

  • -Aktualisiert am

Sieg gegen den Olympiasieger: deutsche Hockey-Herren im Halbfinale Bild: EPA

Mit einer taktisch klugen Leistung gegen überhitzte Argentinier zieht das deutsche Hockey-Team bei mehr als 30 Grad ins Halbfinale des Olympia-Turniers ein. Dort wartet Australien.

          3 Min.

          Klatschnass klebte das Trikot auf der Brust von Jan Christopher Rühr. Als käme er gerade aus einem gewaltigen Platzregen. „Das war unfassbar anstrengend“, sagte der deutsche Hockey-Nationalspieler und lacht. Wie doch der Erfolg dem Erschöpften Frische verleiht. 60 Spielminuten im Brutkasten des Oi-Hockey-Stadions steckten in seinen Beinen, als sich seinem Kopf die Freude über das Vormittagswerk breit machte: Argentinien 3:1 geschlagen im ersten K.o.-Spiel des Turniers. Schon wieder steht eine deutsche Männer-Auswahl im Halbfinale eines Olympischen Turniers. Rühr wirkt gelassen. Ein bisschen Stolz aber lässt er schon aufblitzen mit Blick auf die Olympia-Erfolgsquote aller Teams aus der Heimat: „Deutscher als heute kann man kaum spielen.“  

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Wie das Wetter den Sport beeinflusst. Dass Argentinien gegen Deutschland nicht von der ersten Minute Sturm und Drang wählte, war erwartet worden. Die Südamerikaner setzen traditionell eher auf Konter. Aber die sengende Sonne bestimmte auch die Taktik der Deutschen im ersten Viertel. Sonntagmorgen Ortszeit 9:30 Uhr, 33 Grad Celsius. Im Oi-Hockeystadion wehte eine leichte Brise, die Flaggen wehten. Unter auf dem blauen Hockeyplatz, State oft the Art, brütete die Hitze.

          Viertelfinale, Ko-Runde. Es ging um alles nach fünf Vorrundenspielen in gut einer Woche. Um die Haushaltsorganisation: Körper schonen, kühlen Kopf behalten, um bis zum Ende der 60. Spielminute  auf der Höhe sein zu können. Im ersten Viertel passierte wenig. Wie zwei abwartende Boxer belauerten sich beiden Teams. Zwei Chancen. Beide erarbeitet vom Olympiasieger 2016, Argentinien. Die Deutschen kommen in den Kreis, aber nicht zu mehr. Schweißüberströmt schnappen alle zur Pause nach dem ersten Viertel nach Luft. Wer behält einen kühlen Kopf?

          Alexander Stadler, der deutsche Torwart. Er müsste aufgebacken sein in seiner Montur, unter Helm und Schützern. Kalt erwischen in Tokio? Am Sonntag sicher nicht. Den „Stecher“ nach Pass in den Kreis zu Beginn des zweiten Viertels wehrte er mit dem Fuß ab. Aufatmen, durchatmen. Von außen betrachtet wirkte die Auswahl von Bundestrainer Kais al Saadi alles andere als überhitzt. „Das war das Wichtigste“, sagt er nach dem Sieg und dachte nicht nur an die Außen-Temperaturen: „Wir wussten ja, dass Argentinien sehr hitzig spielen kann.“

          „Spielt Hockey!“

          Selbst kleine Fehler in der Abwehr bringen seine Spieler nicht aus der Ruhe. Schlenzer, eher risikoreiche Schläge, lassen auf ein gutes Gefühl schließen. Es steigert sich in einen Freudenschrei: Erste Strafecke, gestoppt, geschossen, schnörkellos. Das Klacken beim Aufschlag des Balls am Brett im argentinischen Tor schallt durch das Stadion. Dann der Jubel der Deutschen. Der vierte Treffer von Lukas Windfeder im Turnier. Das 1:0 änderte nichts an der Taktik der Argentinier bei noch knapp 26 Spielminuten. Und doch begann kurz danach die spannendste Phase des Spiels. Als es darum ging, die Partie mit dem Kopf zu gewinnen.  Niklas Wellen unterlief ein unabsichtliches Foul. Fünf Minuten Zeitstrafe. „Das war nicht der Plan“, sagte Al Saadi, „in jedem Spiel eine Karte zu kommen. Aber wie die Jungs darauf reagieren, das gefällt uns.“

          Deutschland spielte in Unterzahl, aber mit jeder Minute souveräner, immer hinter die Ballseite absichernd, während es Frustrufe hagelte auf dem Platz. Wann, wenn nicht jetzt müsste man die Deutschen ausspielen? Maico Casella Schuth machte sich lautstark Luft. Die Spannungen wuchsen über die Halbzeit hinaus. Der Schiedsrichter rief die Kapitäne Tobias Hauke und Pedro Ibarra zusammen. „Es wird zu viel geredet“, sagt er und droht sofort zur Karte zu greifen: „Spielt Hockey!“

          Das taten sie. Florian Fuchs zog elegant  von links  in den Kreis hinein und erzwang die zweite Strafecke. Was kommt jetzt? Keine direkte Abnahme. Ein Pass nach links, zurück, dann in die Mitte. Tim Herzbruch vollendet: 2:0. War das einstudiert oder improvisiert? „Wir haben immer einen Plan B“, sagt Jan Christopher Rühr: „Tim war frei, Mann war das schön.“ Eine Team-Kombination mit Toröffnercharakter. Das Viertelfinale ist nah. Constantin Staib hat es wenig später direkt vor Augen, als er alleine auf das Tor der Argentinier stürmt: Pfosten. Bei den Südamerikanern liegen die Nerven blank. Der Schiedsrichter verordnet Cassella Schuth eine paar Beruhigungsminuten auf der Büßerbank über die letzte Viertelpause hinaus.

          „Wer Olympiasieger werden will, muss alle schlagen“

          Der sieht, wie selbstbewusst die Deutschen am Sonntag spielen. Nach fast drei Minuten schon die vierte Strafecke – und der dritte Treffer. Versenkt. „Wir waren unfassbar gut in der Verteidigung“, sagt Martin Häner,  267 Länderspiele auf dem Buckel.  „Wir haben super effektiv im Angriff gespielt“, fügt Rühr zum Gesamtbild hinzu. Dem 3:0, wieder trifft Windfeder (Turnierstreffer Nummer sechs), folgt noch eine erfolgreiche Strafecke der Argentinier zum 3:1. Gefasst, erschöpft, enttäuscht verlässt der in die Jahre gekommene Olympiasieger mit einem Durchschnittsalter von 30 Jahren das Feld, während die Deutschen die Köpfe zusammenstecken. Mannschaftsbesprechung Minuten nach dem Freudentaumel. Der Cheftrainer fasst zusammen: „Wir genießen den Einzug ins Halbfinale, aber dann kommen wir schnell runter, allen ist klar. Wir haben noch nichts geschafft, noch nichts.“

          Der Anspruch ist hoch. Im Team wohl noch höher als in der erfolgsverwöhnten Hockeyszene Deutschlands. Seit 2004 standen die Herren immer im Halbfinale, gewannen 2008 und 2012 Gold, vor fünf Jahren Bronze. Sie mögen an das nächste Spiel denken. Aber der Turnier-Plan reicht weiter als die Prognose unter Experten: „Wir haben“, sagt Rühr, „noch viel mehr Potential in unserer Mannschaft.“ Dass sich nun die Australier, die sich mit 3:0 im Shoot-Out gegen die Niederlande durchsetzten, mit ihrer Physis in den Weg stellen, rührt ihn nicht: „Wer Olympiasieger werden will, muss alle schlagen.“

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