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Olympiasieger Röhler : Unabhängig vom Primat des Goldes

Das richtige Ziel anvisiert: Thomas Röhler katapultiert den Speer weit hinaus in den Stadionraum zu Gold. Bild: dpa

„Ich werfe auch für Thomas Röhler weit“: Seinen Olympiasieg wertet der Speerwerfer zwar als extrem wichtig für die Statistikfreunde, er selbst ist aber in ganz anderer Weise zielorientiert.

          Als er zu seiner Reise nach Rio aufbrach, war Thomas Röhler so aufgeregt wie noch nie vor einem Wettkampf. Er wusste, er war der beste Speerwerfer des Jahres, er hatte eine Muskelverletzung im Rücken überwunden, und er wollte sich beweisen. Als der 24-Jährige im Olympischen Dorf auf seinen Wettkampf wartete, verwandelte sich die Vorfreude in Druck. Auf vielen Kanälen erreichte ihn die Dringlichkeit, mit der Erfolge, nein: Medaillen und Siege von den deutschen Leichtathleten erwartet wurden.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Am Samstag hatten überraschend Christoph Harting die Goldmedaille im Diskuswerfen gewonnen und David Jasinski die Bronzemedaille - und dann war es eine Woche lang wie abgeschnitten. Am Samstag drauf sollte Röhler Olympiasieger werden. Eine Woche: viel Zeit für Ungeduld, viel Zeit, um aus dem eigenen Anspruch die Erwartung anderer werden zu lassen. Röhler trat nicht an, um die deutsche Leichtathletik zu retten. Obwohl: Schon vor seinem Sieg hatte Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, geurteilt, die Leichtathletik sei in einem besorgniserregenden Zustand. „Klar werfe ich für Deutschland“, sagte Röhler und griff nach der Goldmedaille, die vor seiner Brust baumelte. „Aber ich werfe auch für Thomas Röhler den Speer weit.“

          Der erste Olympiasieg eines deutschen Speerwerfers seit dem von Klaus Wolfermann bei den Spielen von München 1972 ist für das Land, für den Verband und für den Sportler ehrenvoll. Er hätte nicht früher kommen können, doch er kommt zu spät. Längst sind die Konsequenzen gezogen, schon ist die Umstrukturierung der Leistungssport-Abteilung im Leichtathletik-Verband beschlossen, und die Ausrichtung der staatlichen Sportförderung zielt auf ein Drittel mehr Medaillen.

          Diese Goldmedaille sei „extrem wichtig für alle, die auf Statistiken stehen“, sagte Röhler leicht distanziert. Zwar hat er das Studium in seiner Heimatstadt Jena abgeschlossen, das Sport mit Betriebswirtschaft verbindet. Doch persönlich hat der 24-Jährige sich unabhängig gemacht vom Medaillenzählen, vom Primat des Goldes als einzigem Ausdruck von Erfolg. „Vor einem Jahr habe ich eine Super-Serie geworfen und war Vierter“, erinnerte er an die Weltmeisterschaft von Peking. In unverstellter Freude über seine Leistung von 87,41 Meter und über den hochklassigen Wettbewerb, in dem er Platz drei um nur 23 Zentimeter verpasst hatte, versprach Röhler, dass er seine Holzmedaille feiern werde.

          Er wurde der Favoritenrolle gerecht: 90,30 Meter reichten für den Olympiasieg.

          „Diesmal habe ich eine Super-Serie geworfen, und dieser eine Wurf war dabei, der diese Medaille hier gebracht hat.“ 90,30 Meter warf Röhler, sein dritter Wurf des Jahres über neunzig Meter, die überragende Leistung des Abends. Thomas Röhler ist Realist. Deshalb ist es für ihn keine Metapher, wenn er sagt, dass er sich hohe Ziele stecke. Seit 2012 gewinnt er die deutsche Meisterschaft, und über die Jahre hat er sich daran gewöhnt, Favorit zu sein. Diese Rolle sei er nun bereit, auch international einzunehmen.

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