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Silber im Bahnrad-Sprint : Treten bis zum Anschlag

  • -Aktualisiert am

Lea Sophie Friedrich (vorne) und Emma Hinze Bild: dpa

Es fehlte wenig zum Olympiasieg, ein Ticken mehr als 0,1 Sekunden. Die Bahnradfahrerinnen Emma Hinze und Lea Sophie Friedrich gewinnen in Tokio Silber und haben ein bisschen Wehmut.

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          Siegerehrung im Velodrom von Izu. Emma Hinze und Lea Sophie Friedrich hängen sich gegenseitig die Silbermedaillen um. Dann nehmen sie sich an den Händen, rücken zusammen auf dem Podest. Hinze legt den Kopf für einen Augenblick auf die Schulter ihrer Teamkollegin. Der Glücksmoment ist noch nicht angekommen, die Bahnradfahrerinnen reden sich gegenseitig gut zu, als Chinas Hymne zu Ehren der Olympiasiegerinnen gespielt wird. „Wir haben uns gesagt, dass wir stolz auf uns sein können“, erzählte Friedrich zehn Minuten später mit ein bisschen Wehmut in der Stimme: „Ach, wenn Gold zum Greifen nah ist, dann ist man im ersten Moment schon ein bisschen traurig.“

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Es fehlte wenig zum Olympiasieg, ein Ticken mehr als 0,1 Sekunden. Nichts aus der Sicht des Zuschauers. Aber dieser lächerlich wirkende Unterschied beim Teamsprint, beim Duell mit Bao Shanju und Tianshi Zhong, hatte eine Vorgeschichte. Auch im Halbfinale war Chinas schnellste Kombination um ein gutes Zehntelchen schneller gefahren. Was immerhin reichte, den Weltrekord zu verbessern. „Und trotzdem hatten wir gedacht, es ist so eng, das schaffen wir“, sagte Hinze.

          Das gefällt dem Bundestrainer an seiner „neuen Generation“. Detlev Uibel machte eine Menge Fotos während der Zeremonie. Als wolle er einen besonderen Moment festhalten: „Die sind anders, die hinterfragen alles, die sind superehrgeizig.“ Vor allem aber sind sie jung. 21 Jahre Lea Sophie Friedrich aus Dessow, Mecklenburg-Vorpommern, 23 Jahre Emma Hinze aus Hildesheim. „Die werden sich noch so stark entwickeln“, sagt Uibel. Er sollte es wissen. Generationen hat er trainiert und siegen sehen. Die famose Kristina Vogel auf ihrem Siegeszug begleitet.

          „Die Frau mit den dicksten Eiern“

          Hineingeschaut ins dramatische olympische Finale. Hier die Chinesinnen an der Startlinie. Auf der Gegengeraden auf gleicher Höhe die Deutschen. Der Countdown läuft. Lea Sophie Friedrich stellt sich noch einmal in die Pedale, nur sie hängt mit ihrem Rad in der Startmaschine. Und los. Sie drückt ein Pedal nach unten, presst die Lippen aufeinander. Ihr Körper will sich aufrichten, nach oben dem gewaltigen Druck weichen.

          „2000 Watt“, sagt Uibel, bringt seine Anfahrerin in diesem Moment auf die Platte unter dem Fuß. Nur langsam scheint sich das riesige Kettenblatt zu drehen. Sie hebt den Kopf, fletscht die Zähne, brüllt. Mit den Händen fest am Lenker zwingt sie den Leib, klein zu bleiben, alle Kraft in den Vortrieb fließen zu lassen. Jede Faser ihrer Muskeln soll jetzt für den Vortrieb arbeiten. „Ich bin extrem, ich gehe immer ans Limit im Training“, sagt sie. Manchmal muss sie gebremst werden in einem Sport, der keine Bremse kennt.

          Es geht immer schneller zu mit Friedrich am Montag auf der Bahn, ihrem Job im Finale: Hinze auf Touren bringen, ihr den Windschatten zu bieten für eine gewinnbringende Sause ins Ziel. „Uns war schon ein bisschen klar, dass es nur reichen würde, wenn die Chinesinnen einen Fehler machen“, schilderte Uibel. Es sah danach aus in den ersten Sekunden, als sich eine Lücke zwischen den beiden öffnete. Friedrich/Hinze bleiben enger zusammen, bis die erste im Duo nach getaner Schwerarbeit ausschert. Die Zuschauer jubeln. Zuschauer?

          Zwei-, dreihundert sitzen auf den Tribünen. In der Präfektur Shizuoka herrschen andere Regeln, eine geringere Inzidenz als in Tokio, dem Notstandsgebiet, rund 140 Kilometer nordöstlich. Wenn die Bahnfahrer schon weit vom Schuss sind in einer nach ihrem Eindruck heruntergekommenen Herberge, dann sind sie wenigstens bei ihrem Wettkampf nicht allein. Aber diese Fans jubeln China zu.

          Die vermeintliche Lücke entpuppt sich als ganz gute Abstimmung: etwas mehr als 0,3 Sekunden Rückstand und nur noch 250 Meter zu fahren. Hinze saust hinein in ihre Solorunde. In die Kurven. Das lieben die beiden Deutschen so sehr. Tempo und den Kurvenspeed. Kristina Vogel war bis zu ihrem schweren Unfall auf der Bahn der Star dieser Kunst, die Chefin im Ring. Über Hinze hat sie mal geradeheraus gesagt: „Die Frau mit den dicksten Eiern.“

          Es ist noch nicht ganz sicher, was das heißen soll. Kompromisslos wahrscheinlich. Also rein in die Sportfördergruppe Bundeswehr und als Staatsamateur Profi sein auf der Bahn. Wie damals in der Schule. Sport oder gute Noten? Sport! „Ganz oder gar nicht“, sagte Hinze. In der „Bunten“ nannte sie sich eine „Kampfsau“. Jemand der liebend gerne Krafttraining macht. In Izu sieht man, was das bedeutet: Treten bis zum Anschlag. Das Herz muss bis weit über den Hals hinaus schlagen.

          Hinze ist im Tunnel. Mit Tempo 70 bis ins Ziel hat sie zwei der drei Zehntelsekunden Rückstand aufgeholt. Sie fährt die Bestzeit aller Starter auf dem letzten Teilstück. Was das heißt? Es bleibt mehr hängen als eine schöne Silbermedaille. Erstens die Bestätigung des guten Gefühls, der Weltelite nach 18 Monaten Wettkampfunterbrechung wegen der Pandemie in die Augen schauen zu können. Und bei allen Gegnerinnen die Einsicht, wer die Favoritin für den Solosprint ist.

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