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Olympia-Ruderer Oliver Zeidler : Opfer des Wellengangs

Niedergeschlagen ins Ziel: Ruderer Oliver Zeidler Bild: dpa

Oliver Zeidler ist als Favorit zu den Olympischen Spielen gereist. Für die Mission Gold wollte er alles richtig machen, doch schon im Halbfinale scheitert der Ruderer an Wind und Wasser.

          3 Min.

          Wenn alles perfekt läuft, wenn Talent und Glück aufeinandertreffen und die Erfolge sich einstellen, als wären sie von einer höheren Macht vorgezeichnet – dann ist es an der Zeit, misstrauisch zu werden. Kann das wirklich schon die ganze Wahrheit sein? Bin ich vielleicht dabei, vor lauter Hochgefühl die Augen zu verschließen vor dem Unbekannten? Verliere ich die Frage aus dem Blick: Was droht?

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Am Donnerstag hat der Ruderer Oliver Zeidler die Erfahrung gemacht, dass das Leben auch mit seinen Vorzugskindern manchmal andere Pläne hat als sie selbst. Anstatt sich im Halbfinale des Einer-Wettbewerbs bei der Ruderregatta von Tokio für das Finale aufzuwärmen, musste er einen schmerzhaften Kampf führen. Und anstatt im Ziel locker auszutrudeln, sackte er in seinem Boot zusammen, und die Welt um ihn herum wurde schwarz. Der deutsche Ruder-Goldjunge aus Ingolstadt, der ausgezogen war, um Olympiasieger zu werden, hatte im Finish den dritten Platz, der gerade noch zum Einzug ins Finale gereicht hätte, an den Russen Alexander Wyazowkin verloren. Er war raus. Ihm blieb nur das B-Finale um Platz sieben bis zwölf.

          Noch 500 Meter vor dem Ziel hatte Zeidler zwar eine knappe Länge hinter dem führenden Griechen Stefanos Ntouskos gelegen, aber immer noch Bug an Bug mit dem Dänen Sverri Nielsen – Woyzowkin befand sich zwei Sekunden dahinter. Doch der Russe muss gespürt haben, dass Zeidler angeschlagen war, er griff den deutschen Favoriten an. Und der konnte nicht dagegenhalten. Eigentlich hatte er vorgehabt, das Rennen zu gewinnen, um sich für seine erhoffte Goldfahrt am nächsten Tag die günstigste Bahn zu sichern. Nun war nicht nur dieser Plan gescheitert, sondern gleich alles futsch.

          „Völlig kaputt“

          Nachdem er das Wasser verlassen hatte, lag Zeidler minutenlang am Bootssteg, konnte nicht aufstehen und musste mit nassen Handtüchern gekühlt werden. „Er hat sich voll ausbelastet und ist jetzt platt, völlig kaputt“, sagte sein Vater Heino Zeidler, der gleichzeitig sein Trainer ist. Ruderer kennen solche Zustände. Sie sind bereit, sich in einem Rennen vollkommen auszupowern. Ihr Organismus gerät in eine extreme Sauerstoffschuld und kollabiert. Und der Frust über die Niederlage macht alles noch schlimmer.

          Zeidlers Verhängnis waren die Bedingungen. Es wehte ein starker Schiebewind, und es herrschte unangenehmer Wellengang – noch nicht unfair, aber besonders hinderlich für Leute, die an solche Störungen nicht gewöhnt sind. Wie zum Beispiel Zeidler. „Er liebt flaches Wasser, kleine Wellen, leichten Schiebewind“, sagte sein Vater. „Das sind seine Strecken, da kommt er wunderbar zurecht. Der Wind war der extremste Gegner.“

          Nicht nur für Oliver Zeidler. Schon tags zuvor war der Doppelvierer der Frauen Opfer des Wellengangs geworden, und zwar kurz vor dem Ziel auf dem zweiten Platz liegend. Bugfrau Daniela Schultze unterlief ein technischer Fehler, sie fing einen „Krebs“, und die Medaille war dahin. „Wir hatten unsere klaren vier Medaillenhoffnungen, und sehen, dass jetzt zwei davon weg sind“, sagte Mario Woldt, der Sportdirektor des Deutschen Ruderverbandes. Die Bedingungen bezeichnete er als „herausfordernd“. Aber es habe unter den Nationen keinerlei Diskussionen gegeben. Auch der italienische Männer-Doppelvierer scheiterte im Finale durch einen „Krebs“. Der Leichtgewichts-Doppelzweier der Männer kenterte im Halbfinale sogar.

          Zeidler, so wurde in Tokio offenbar, hat in den vergangenen Jahren nicht nur eine atemraubende Entwicklung im Skiff genommen – er hatte auch ungeheures Glück mit dem Wetter. Erst im Herbst 2016, also mit zwanzig Jahren, wechselte der hünenhafte Athlet vom Schwimmen ins Ruderboot, obwohl er einer passionierten und sehr erfolgreichen Ruderfamilie entstammt: Sein Großvater Hans-Johann Färber war 1972 Olympiasieger mit dem sogenannten Bullenvierer.

          Seine Tante Olympiasiegerin 1988 mit dem DDR-Achter. Es lag also auf der Hand, dass dieser Umstieg eine gute Idee war. Und wirklich: Ein Jahr später wurde er Zweiter bei der Europameisterschaft U23, 2018 stieg er in den Nationalkader auf, 2019 wurde er Weltmeister und Europameister. Nach einem vierten Platz bei der EM 2020 bestätigte er in diesem Jahr noch einmal seinen Anspruch: wieder Europameister.

          Zeidler und sein Vater wollten für ihre Mission Olympia-Gold alles richtig machen: So lange wie möglich trainierte er auf seiner Hausstrecke in München-Oberschleißheim und verzichtete auf die Vorbereitung in Kinosaki, wo, anders als auf der Olympiastrecke, auf einem fließenden Gewässer gerudert wurde. Zeidler akklimatisierte sich stattdessen auf dem Ergometer in der elterlichen Sauna.

          Doch all die Hingabe reichte nicht. „Letztendlich ist eine Reise für uns zu Ende gegangen“, sagte Mario Zeidler in Tokio. „Wir haben in den letzten Jahren ein sehr hohes Leistungslevel erreicht und vielleicht manchmal über unseren Verhältnissen perfomt.“ Der zutiefst niedergeschlagene Sohn wollte derweil nichts sagen. Schließlich erklärte er in einem Statement: „Das ist derzeit nicht wirklich mein Wasser, und daher bin ich auch daran etwas gescheitert.“

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