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Olympia-Kommentar : Der eigene Steuermann

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Bloß nicht von äußeren Einflüssen ablenken lassen: der Deutschland-Achter Bild: dpa

Der Deutschland-Achter lässt sich von den schnellen und starken Briten nicht ablenken und gewinnt. Das gilt auch für die anderen deutschen Sportler, die bisher bei Olympia in London Gold holten.

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          Tagelang hatte man nichts mehr vom Deutschland-Achter gehört - bis zu dem magischen Moment am Mittwochmittag auf dem Dorney Lake in Eton, an dem die Ruderer in ihrem Boot in Jubelschreie ausbrachen. Sie hatten sich zurückgezogen vom olympischen Trubel, vom Lärm der Welt, keine Journalistenfragen mehr beantwortet und sich auf sich selbst konzentriert. Was, fragte Gold-Ruderer Max Reinelt, hätten sie auch der Öffentlichkeit noch erzählen können?

          Dass sie Gold gewinnen wollten? Das wusste doch sowieso jeder. Wer 35 Rennen am Stück gewonnen hat, wer eine ganze Olympiade lang ungeschlagen geblieben ist, der kann sowieso kein anderes Ziel haben, als Rennen Nummer 36 zu gewinnen, auch wenn es das olympische Finale ist. Obwohl es gefährlich ist, sich allzu sicher zu sein. Da hilft nur noch: Den eigenen Weg zu gehen. Vertraue in das, was du bist.

          Es klingt nur wie die alltägliche Empfehlung eines Mentaltrainers, ist aber unendlich schwer umzusetzen im Beziehungsgeflecht eines Wettkampfs. Nicht nach links und rechts schauen - jeder Blick nach außen kostet im Ruderrennen ein paar Zentimeter. Schaut man sich die Sportler an, die bisher für Deutschland bei den Spielen in London Goldmedaillen gewonnen haben, so findet man diese Gemeinsamkeit: Sie bleiben bei sich selbst.

          Die acht Ruderer aus Dortmund mit ihrem Steuermann, genau so wie ihr Trainer Ralf Holtmeyer, der einen langen Weg gegangen ist vom ersten Achter-Olympiasieg 1988 über 24 manchmal triumphale, manchmal auch schwierige Jahre bis zum 1. August 2012 in London, der seiner Karriere als Rudertrainer nun etwas Monumentales gibt.

          Auch der Vielseitigkeitsreiter Michael Jung ist ein Mensch, der sich auf sich selbst konzentriert. Sein Blick kann davon wandern in seine eigene, dichte Welt, wo niemand mehr an ihm zerrt und er sein Können voll entwickeln kann. Das ist sein Erfolgsgeheimnis - seit Dienstag gehören ihm zwei olympische Goldmedaillen.

          In unserer Welt der freien Auswahl gibt es - anders als in den autoritären Kadern etwa des chinesischen Staatssports - die Möglichkeit, der eigene Steuermann zu bleiben. Sehr spät hat dies auch der Einer-Ruderer Marcel Hacker entdeckt, der nach zwei Havarien in olympischen Halbfinalrennen - 2004 und 2008 - in London mit 35 Jahren endlich herausgefunden hat, wie er ein wichtiges Rennen bestreiten muss: Ganz bei sich selbst, mit einem eigenen Plan im Kopf, der wichtiger ist als alle Einflüsse von außen.

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          Diesmal hat er das Finale erreicht. Der Deutschland-Achter allerdings hat noch mehr bewiesen als das. Im Finalrennen war er in der Lage, auf den Angriff von Großbritannien zu reagieren, ihn zu parieren und einen langen, langen Spurt bis ins Ziel zu fahren. Dazu braucht man einen starken Steuermann und viel Kraft - und einen ruhigen Geist, denn es ist im Sport wie in allen anderen Disziplinen des Lebens: Außergewöhnliche Leistungen kommen immer von innen.

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