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Deutsche Tischtennis-Herren : Boll verdrängt den Schmerz und weint über Bronze

Bild: dpa

Versöhnlicher Abschluss für Timo Boll und die deutschen Tischtennis-Herren: Im kleinen Finale reicht es immerhin noch zu Mannschafts-Bronze.

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          Bastian Steger sprang ihm in die Arme, Jörg Roßkopf wollte ihn nicht mehr loslassen. Und Dmitrij Ovtcharov kam aus der Kulisse, wo er Patrick Franziska, den deutschen Ersatzmann, gesucht hatte, und versuchte Timo Boll endgültig in die Höhe zu heben. Boll kamen die Tränen. Vor Glück, vor Erleichterung, vor Freude. Über die Bronzemedaille, die er dem deutschen Tischtennis-Team gesichert hatte, mit einem ganz starken Auftritt gegen den Koreaner Joo Saehyuk. 3:0 für Boll, das war der entscheidende dritte Sieg für Deutschland, das war der dritte Platz im Mannschaftswettbewerb.

          Olympiasieger - und zwar zum dritten Mal in Folge - wurden China Tischtennis-Asse. Einzel-Olympiasieger Ma Long, Zhang Jike und Xu Xin besiegten im Endspiel trotz großer Gegenwehr Japan mit 3:1. Die an Position vier gesetzten Japaner schafften es immerhin, dem großen Favoriten ein Spiel und vier Sätze abzunehmen. Zuvor hatte Chinas Herren-Team bei Olympia 2016 noch überhaupt kein Spiel und insgesamt erst sechs Sätze verloren.

          Derweil musste die deutsche Mannschaft im Spiel um Bronze hart kämpfen. Eine gute halbe Stunde vor den entscheidenden Punkt hatte Boll geweint, in eben jenen Kulissen der Messehalle Rio Centro 3, in denen Ovtcharov später nach Franziska suchte. Drinnen stand es 1:1 zwischen Deutschland und Südkorea nach den beiden Einzeln und nach Sätzen 2:2 im Doppel. Boll stand wieder mit Bastian Steger am Tisch, die beiden hatten in diesem Mannschaftswettbewerb noch kein Spiel gewonnen, und wollten die Deutschen Bronze, dann würde ein Sieg im Doppel einen ganz großen Schritt in die richtige Richtung bedeuten. Und nun weinte Boll vor Schmerzen. Ein Nackenwirbel war herausgesprungen, „das dritte, vierte Mal schon in letzter Zeit“, wie Boll hinterher erzählte. „Ich habe vor dem Spiel noch gedacht, hoffentlich passiert das heute nicht, und dann kommt ein Ball, der mich überrascht und – zack! Raus.“ Boll kamen die Tränen vor Schmerz. Er konnte anschließend nicht sagen, wie viele Spritzen ihm der Teamarzt gegeben hatte, eine Schmerztablette gab es oben drauf und Eis.

          Boll weinte nach der Medaille

          Boll wollte nicht aufgeben, „das ist ja auch eine Odenwälder Qualität, weiterzumachen, wenn es nicht so läuft“, sagte er hinterher. Also habe Steger ihn im fünften Satz „durchgezogen“, habe „großartig“ gespielt. Die Deutschen führten 8:5, fielen auf 8:9 zurück und machten dann doch wieder drei Punkte. 11:9 und 2:1 nach Spielen – und keine Pause für Boll.

          Bundestrainer Jörg Roßkopf hatte ihn für das dritte Einzel gegen Joo Saehyuk gestellt, einen ausgewiesenen Defensivspezialisten, einen Abwehrspieler. Und damit einen Spieler nach Bolls Geschmack, einen, den er auch im Alter von 35 Jahren noch jagen kann. Im ersten Satz allerdings wollte Boll nur durchhalten angesichts der Nackenprobleme. „Ich habe den Ball rübergelöffelt, dann haben die Spritzen ganz gut zu wirken begonnen.“ Und es war, als habe Boll endlich, kurz vor Schluss dieses Turniers, den Spaß wiedergefunden.

          Im Einzelturnier und auch bei den Spielen im Mannschaftswettbewerb war vieles unglücklich, teilweise enttäuschend gelaufen für ihn. Im Halbfinale am Montag war zwischen ihm und dem Japaner Jun Mizutani ein Klassenunterschied deutlich geworden, den Boll auch am Mittwoch anerkannte. „Einfach besser“ seien die Japaner gewesen und verdient ins Finale eingezogen. Gegen Joo aber war Boll plötzlich wieder dynamisch, angriffslustig, emotional. „Wer weiß, ob es mein letztes Spiel war bei Olympia“, sagte Boll. Sollte es so sein, hat der richtige Mann, derjenige, der die deutsche Olympiamannschaft zur Eröffnung der Spiele ins Stadion geführt hatte, hinter den Auftritt des Tischtennis-Teams ein Ausrufezeichen gesetzt.


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