https://www.faz.net/-hfn-aedw2

Bahnrad-Vierer mit Weltrekord : Uhrwerk aus Gold

Franziska Brauße, Lisa Brennauer, Lisa Klein und Mieke Kröger in Aktion Bild: dpa

Die deutschen Bahnrad-Frauen gewinnen die olympische Goldmedaille in der Mannschaftsverfolgung. Franziska Brauße, Lisa Brennauer, Lisa Klein und Mieke Kröger übertreffen sich dabei selbst.

          3 Min.

          Auf ihren letzten beiden Runden durch das Velodrome von Izu tauchten im Blickfeld von Lisa Klein plötzlich drei strampelnde Britinnen auf. Spätestens in diesem Moment durfte sich die deutsche Bahnradfahrerin also einer Sache sicher sein: Wir sind schnell. Sehr schnell sogar. So schnell, dass wir unseren auf der anderen Seite der Bahn gestarteten Gegnerinnen bald eine halbe Runde im Oval abgenommen haben. Wer in der Mannschaftsverfolgung plötzlich seine Konkurrenten sieht, dem ist schließlich nicht nur gewiss, dass er diese besiegen wird. Er wird sie deklassieren. Und genau das tat der deutsche Vierer in diesem olympischen Finale mit den Britinnen.

          Pirmin Clossé
          Sportredakteur.

          Ganz eingeholt haben Lisa Klein, Lisa Brennauer, Franziska Brauße und Mieke Kröger die Olympiasiegerinnen von Rio am Ende zwar nicht mehr. Die Britinnen trudelten mit 6,365 Sekunden Rückstand ins Ziel ein. Doch auch so war ihre Fahrt zu Gold eine Machtdemonstration. 4:04,242 Minuten für 4000 Meter. Weltrekord! Schon wieder. Wie in der Qualifikation, wie im Halbfinallauf gegen Italien. „Nach der Quali waren wir erstaunt, dass kein Team an unsere Zeit herangekommen ist“, erzählte Brauße anschließend im ZDF. „Aber wir wollten diese Goldmedaille unbedingt, deswegen sind wir immer schneller geworden.“

          Dabei war der deutsche Vierer keineswegs als Topfavorit in die olympischen Rennen gegangen. Als Dritte der WM vor 18 Monaten in Berlin hatten sie zwar mit einer Medaille geliebäugelt. Doch genau wusste im Vorfeld niemand, wie der eigene Leistungsstand einzuordnen ist. Im Corona-Jahr 2020 gab es dafür schlicht zu wenig internationale Vergleiche. Erst der Qualifikationslauf am Montag hatte den Schleier gelüftet. Darunter: ein deutsches Quartett in Topform, das auf der schnellen Bahn in Izu, gut zweieinhalb Autostunden von Tokio entfernt, prompt die alte Bestmarke pulverisierte. 4:07,307 Minuten. Fast drei Sekunden schneller als die Britinnen fünf Jahre zuvor.

          „Ein bisschen Träumen“ sei nun wohl erlaubt, hatte Lisa Brennauer anschließend gesagt. Doch schon das Halbfinale am Dienstagmorgen entlarvte das als gnadenloses Understatement. 4:06,159 Minuten. Der nächste Rekord. Das nächste Ausrufezeichen. Es war also kein Ausreißer gewesen, was die Deutschen da am Vortag angeboten hatten. Sie waren jetzt die, die es zu schlagen galt. Plötzlich doch Topfavorit.

          Der Vierer ist so etwas wie die Königsdisziplin im Bahnsport. In kaum einer anderen Disziplin ist die Kombination aus Ästhetik, Kraft und Ausdauer, die es beim Radfahren im Rund braucht, so komprimiert zu bewundern. Eine guter Vierer läuft wie ein Uhrwerk. Ein Rädchen greift ins andere, jedes erfüllt präzise seine Funktion. Ausscheren. Einreihen. Ausscheren. Einreihen. Immer wieder. Wer an der Bahn steht, der hört das gleichförmige Surren, während die Pedaleure kraftvoll ihre Kreise ziehen. Je monotoner, desto besser. Der Rhythmus ist entscheidend.

          Bei den Männern galt der Vierer einst als deutsche Domäne. Präzision und Pflichtbewusstsein beim Erfüllen der Aufgabe sind schließlich nationale Tugenden. Doch der letzte Olympiasieg einer deutschen Mannschaft liegt inzwischen 21 Jahre zurück. Auch bei den Spielen von Tokio verpassten Theo Reinhardt, Felix Groß, Leon Rohde und Domenic Weinstein trotz eines Landesrekords die Medaillenläufe. Bei den Frauen gehört die Mannschaftsverfolgung dagegen erst seit 2012 in London zum olympischen Programm. Bislang gewannen stets die Britinnen, bei Weltmeisterschaften zudem Amerikanerinnen und Australierinnen. Deutsche Medaillen gab es nicht. Bis jetzt.

          Lisa Klein wurde nach dem Gewinn der olympischen Goldmedaille gebeten, das deutsche Erfolgsmodell mal genau nachzuzeichnen. Sie tat dies sehr gewissenhaft und detailliert: Die Anfangsphase im Wind übernimmt stets Franziska Brauße. „Da müssen wir uns alle anschnallen, weil sie sehr schnell startet“, sagt Klein. Danach fährt Brennauer vorne, dann Klein selbst für einige Meter, bis Mieke Kröger ihre „Mörderführung“ beginnt, wie Klein es bezeichnet. Kröger führt ihre Mannschaft mehr als einen Kilometer lang an. In den Rennen in Izu war oft das die Phase, in der die Deutschen ihren jeweiligen Gegnerinnen davonzogen. Irgendwann schert sie entkräftet aus. Von vier Fahrerinnen müssen schließlich nur drei ins Ziel kommen, damit die Zeit genommen wird. Es übernimmt Lisa Brennauer, Lisa Klein führt bis ins Ziel. Wenn alle ihre Aufgabe erfüllt haben, tauchen in ihrem Blickfeld sogar die Gegnerinnen auf. Und spätestens dann ist eine Sache sicher: Die Mühe hat sich gelohnt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Olaf Scholz, Annalena Baerbock und Armin Laschet während des Triells

          Das letzte Triell : Dieses Mal war Scholz vorbereitet

          Baerbock, Scholz und Laschet hatten nochmals die Chance, ihre Schlagfertigkeit zu zeigen. Der Sozialdemokrat und die Grüne präsentierten sich als Partner von morgen.
          Ein bedrohlicher Anblick: Die feuerrote Lava schießt in die Höhe.

          Mehrere Eruptionen : Vulkanausbruch auf Kanareninsel La Palma

          Fachleute hatten es befürchtet: Nach vielen kleinen Erdstößen ist ein Vulkan auf La Palma ausgebrochen. Lava und Asche schleudern durch die Luft. Seit Sonntagnachmittag wurden mehrere Tausend Menschen in Sicherheit gebracht.
          Christian Lindner beim FDP-Parteitag am Sonntag in Berlin.

          FDP vor der Wahl : Lindner will Stimmen aus Überzeugung, nicht aus Kalkül

          Die Freidemokraten sinnieren darüber, wer sie wählt und warum. Aus Taktik sollten die Leute nicht für die FDP stimmen, sagt Parteichef Lindner. Doch die Vorzeichen haben sich während des Wahlkampfs dramatisch verändert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.